Braucht Gotha die Residenzgalerie?

Das geplante Einkaufszentrum bewegt viele Gothaer. Ein Pro und Kontra soll die Diskussion eröffnen. Ein Leser fragt nach den Auswirkungen der geplanten Residenzgalerie auf Tourismus und Innenstadtleben. Eine Leserin meint, der Vergleich mit dem Thüringenpark Erfurt kann nicht gezogen werden - eher mit dem Anger 1

Nicht nur in der Kreisstadt wird eifrig diskutiert, ob auf dem Areal zwischen Moßlerstraße und Gartenstraße in Gotha ein Einkaufstempel entstehen soll. Arbeitstitel: Residenz-Galerie - im Volksmund Glitzerpalast. Foto: Dirk Bernkopf

Nicht nur in der Kreisstadt wird eifrig diskutiert, ob auf dem Areal zwischen Moßlerstraße und Gartenstraße in Gotha ein Einkaufstempel entstehen soll. Arbeitstitel: Residenz-Galerie - im Volksmund Glitzerpalast. Foto: Dirk Bernkopf

Foto: zgt

PRO

Um die Residenzstadt Gotha in ihrer Attraktivität weiter zu heben, ist es notwendig, die Innenstadt mehr zu beleben. Geht man zurzeit über Gothas Straßen und Plätze, so stellt man fest, dass eigentlich zu wenig Menschen unterwegs sind. Jahrelange Bemühungen von Vereinen, Stadtmarketing und Verwaltung, die Händlerschaft in ihrer Gesamtheit zu einem einheitlichen, attraktiven Auftritt, zu Werbung und vor allem nach außen einheitlichen Öffnungszeiten zu bewegen, waren nur von mäßigem Erfolg gekrönt. Das Ergebnis - nach Aussage der Händler - waren zu wenige Kunden in der Stadt.

Untersuchungen der vergangenen Monate haben ergeben, dass Kundenströme an Gotha vorbei und aus Gotha heraus in bestehende große Einkaufszen-tren gehen. Es gilt also, einen Weg zu finden, potenzielle Käufer in die Stadt zu holen bzw. diese zurückzugewinnen. Dies ist möglich, indem attraktive Angebote geschaffen werden.

Mit einem Einkaufszentrum, wie die für Gotha gedachte "Residenzstadtgalerie" in der Gartenstraße, die in ihrer Ausgestaltung dem Trend der Zeit und in ihrer Größe der Stadt entsprechen soll, kann dies gelingen. Ergänzende Sortimente mit Magnetwirkung und mit hoher Qualität sollen das Bestimmende sein. Die äußere Gestaltung muss dem Stadtbild angepasst sein – traditionell und doch modern.

Die Ausstrahlung eines solchen Zentrums auf das Umland wird viele verlorengegangene und neue Kundenkreise erreichen, die auch die ursprüngliche Innenstadt bereichern werden.

Es muss gelingen, dass Centermanagement und Innenstadthändler eng zusammenarbeiten. Kundenakquisition und überregionale Werbung müssen gemeinsam gestaltet werden.

Dann kann die "Residenz-stadtgalerie" eine große Chance für die Einkaufsstadt Gotha sein. Von Frank Bendix

KONTRA

Bei mir überwiegt eine gewisse Skepsis. Ich maße mir nicht an, im Vorfeld zu sagen, dieses Projekt wird der Stadt gut tun oder gravierend schaden. Wenn es allerdings gebaut ist, steht es und entfaltet seine Wirkung.

Ich bin 20 Jahre als Makler tätig und glaube sagen zu könne, dass ich mich in Innenstädten in Thüringen und angren-zenden Bundesländern auskenne. Inzwischen hat fast jede größere Stadt mindestens ein Einkaufszentrum. Und es gibt unterschiedliche Erfahrungen. Ich bin nicht überzeugt, dass die Anbindung funktioniert und und der Kunde danach tatsächlich noch die Innenstadt frequentiert. Mit so einem "Knochenprinzip" haben wir ja schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht. Zwischen Kressner und Kaufland flanierten die Kunden eben nicht durch die Innenstadt, sondern fuhren bestenfalls mit dem Auto von einem zum anderen oder gleich nach dem Kaufland-Besuch wieder weg. Dass es zwischen Schloss und Einkaufszentrum anders geschieht, kann niemand garantieren. Bei über 15 000 Quadratmeter Verkaufsfläche sehe ich unter Umständen einen schmerzvollen Niedergang unserer schönen, historischen Innenstadt. Eigentlich ein Alleinstellungsmerkmal in der gesamten Region.

Ich erkenne an, dass die Attraktivität des Handelsumfeldes verbessert werden muss. C & A ist da ein gutes Beispiel. Den für die Innenstadt relevanten Handel sollte man aber auch dahin bringen, wo er hin gehört.

Kein Problem hätte ich mit Handelsflächen, die nicht innenstadtrelevant sind. Stichwort Fachmärkte und Lebensmitteleinzelhandel - aber kein Schuhladen und keine Bekleidungsgeschäfte. Das Beispiel von Gera zeigt, wie schnell schlecht platzierte Einkaufscenter eine historische Einkaufsmeile veröden lassen.

Viel zu viel Verkaufsfläche pro Kopf

Ulrich Maywald aus Boilstädt meint zum Projekt Einkaufszentrum in Gotha:

Nun wird es langsam konkret, das Projekt "Residenzstadtgalerie an der Gartenstraße. Die Vorstellung im Rathauskurier Nr. 2/2012 kann eigentlich nur Zustimmung finden, wenn da nicht ein paar Fakten wären, die einen erfolgreichen Bestand des Einkaufcenters in Frage stellen. Da ist einerseits die Frage nach den erforderlichen Bedingungen für einen erfolgreichen, sprich umsatzstarken Betrieb, und anderseits die Frage nach den Auswirkungen auf die Innenstadt und den Tourismus.

Die Verantwortlichen für das Projekt können doch nicht ernstlich behaupten, dass sich nur positive Auswirkungen ergeben, wenn durch das neue Einkaufszentrum zu den bereits vorhandenen ca. 144 480 Quadratmetern Einkaufsfläche nochmals 15 900 hinzukommen. In Folge werden die Gothaer Bürger über eine Einkaufsfläche von ca. 3,51 Quadratmeter pro Einwohner verfügen, was mehr als dem Doppeltem des Bundesdurchschnitts entspricht (1,5 Quadratmeter pro Bundesbürger). Wie sollen die Gothaer so eine Riesenfläche bevölkern und mit Einkaufsumsätzen erhalten?

Das wäre vielleicht möglich, wenn alle Einwohner des Landkreis Gotha ausschließlich in dieser Stadt einkaufen. Ist aber so eine Vorstellung realistisch? Man muss doch im Gegenteil in Rechnung stellen, dass im Umkreis von 30 Kilometern bereits mehrere große Einkaufzentren bestehen, die nicht nur die an den Kreisgrenzen beheimateten Bürger abziehen. Es werden anfänglich sicher Neugierige in die Residenzstadtgalerie kommen, von denen aber wenige wiederkehren, da überall erhältliche Warenangebote und die ständig steigenden Treibstoffkosten dagegen sprechen. So bleibt es fraglich, ob mit der Residenzstadtgalerie Kaufkraft zurückgeholt und zusätzliche für die Innenstadtgeschäfte generiert weden kann.

Gemessen an den Reaktionen mehrer Innenstadthändler, die sich aufgrund einer realen Existenzangst bereits um Verkaufsflächen im neuen Einkaufszentrum beworben haben, scheint das Gegenteil einer Innenstadtbelebung befürchtet zu werden.

Dabei ist auch davon auszugehen, dass ein wesentlicher Teil der Käufer aus den Umlandgemeinden weiter den im Rathauskurier geschmähten Einkaufzentren die Treue halten, da der Weg dorthin kürzer ist, unbeschränkt und kostenlos geparkt werden kann und das Warensortiment hinreichend breit gefächert ist.

Auch für eine attraktive Bauhülle der Residenzstadtgalerie und der Finanzierung aller Umfeldmaßnahmen, wie Straßenumbau etc., soll der Investor in die Pflicht genommen werden. Rechnet dieser jedoch nur mit einer durchschnittlichen Objektrendite, dürfte dies kaum durchsetzbar sein.

Residenzgalerie wäre Bereicherung für Gotha

Annett Ritter aus Uelleben, Mutter zweier Kinder, würde sich freuen über ein neues Einkaufszentrum:

Nun ist es so weit, alle Gothaer Bürgerinnen und Bürger können ihr Ja oder Nein zum geplanten Bauvorhaben des Einkaufszentrums in der Gartenstraße geben, obwohl natürlich die letzte Entscheidung beim Stadtrat liegt.

Es gab schon etliche Diskussionen über diese Thema in der Tageszeitung und bei Informationsveranstaltungen bzw. Einladungen zu sogenannten Stammtischen. Immer wieder, wie auch im letzten Bericht, wird der Vergleich zum "Thüringenpark" in Erfurt gezogen.

Gothas Händler nutzen dieses Argument und prognostizieren für die Zukunft, dass in unserer Innenstadt den Geschäften und Lokalen die Kunden ausbleiben. Meiner Meinung nach muss man aber den Vergleich, wenn er sachlich betrachtet werden soll, anders ziehen. Es ist ja nicht geplant, ein Einkaufszentrum wie den "Thüringenpark" zum Beispiel im Bereich Gewerbegebiet Gotha-Süd neben der Friedensteinkaserne zu errichten, wo man von der Autobahn fährt, Shoppen geht und danach gleich wieder der Stadt den Rücken zukehrt, um nach Hause zu fahren.

Wenn schon ein Vergleich, müsste er mit dem Einkaufszentrum "Anger 1" angestellt werden, denn genau wie in unserer Landeshauptstadt, soll "unser" geplantes Einkaufszentrum direkt an die Innenstadt angrenzen, mit kurzen Wegen auch zu anderen Geschäften, Cafés und Gaststätten, die einer Stadt natürlich den notwendigen Charme verleihen und ihr ein Gesicht geben, um sie für Kunden, Touristen und auch potenzielle neue Einwohner attraktiv zu machen.

Wenn eine Mutter zur Tochter sagt: "Lass’ uns mal Shoppen gehen", dann fällt die Wahl des Einkaufsortes wohl eher auf solche Einrichtungen wie den "Anger 1", wo einem zentral viele schöne Geschäfte angeboten werden, man danach oder zwischendurch mal einen Abstecher in die Innenstadt machen kann, um einen Kaffee zu trinken oder um etwas zu essen und auf dem Hin- und Rückweg vielleicht das ein oder andere Geschäft besucht, welches sich mit seinen Waren attraktiv präsentiert, die es eventuell nicht mal im Einkaufszentrum gibt.

Dies sollte von den Innenstadthändlern, die gegen dieses Bauvorhaben sind, auch als Chance für mehr Kundschaft in Gothas Zentrum gesehen werden. Meiner Meinung nach sind wir verpflichtet für unsere Nachkommen ein aufstrebendes Gotha zu schaffen, wozu auch eine gute Infrastruktur mit unterschiedlichen Verkaufsangeboten gehört.

Deswegen von mir ein klares "Ja" zu Residenzgalerie.