Corona-Drama im Pflegeheim – Vorwürfe gegen Erfurter Gesundheitsamt

Erfurt.  Die Situation ist für alle Beteiligten dramatisch. Angesichts des Corona-Notstands in einem Altenpflegeheim drängen sich Fragen auf. Das Gesundheitsamt Erfurt weist alle Vorwürfe zurück.

Corona-Test in einem Altenheim : Um Ausbrüche zu verhindern, empfehlen Experten Reihentests in kurzen Abständen. Doch der Aufwand ist enorm, manches Gesundheitsamt überfordert (Symbolbild).

Corona-Test in einem Altenheim : Um Ausbrüche zu verhindern, empfehlen Experten Reihentests in kurzen Abständen. Doch der Aufwand ist enorm, manches Gesundheitsamt überfordert (Symbolbild).

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Im Carolinenstift, einem Altenpflegeheim in Erfurt, herrscht Corona-Notstand. Die Einrichtung ist isoliert. Viele der 67 Bewohner sind infiziert, wie viele genau, weiß keiner, acht liegen im Krankenhaus, darunter mehrere mit Corona-Symptomen. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog

Der größte Teil der Pflegekräfte wurde nach Hause in die Quarantäne geschickt. Die verbliebenen Pfleger und Schwestern arbeiten in Zwölf-Stunden-Schichten.

Die Situation ist für alle Beteiligten schwer, ja dramatisch, für Betreuer, Bewohner, Angehörige. Gleichzeitig drängen sich Fragen auf. Wie konnte es dazu kommen? Wurde rechtzeitig gehandelt? Wurde ausreichend kontrolliert und getestet?

Nach Informationen dieser Zeitung wurden am 11. November erstmals zwei Bewohner positiv auf das Corona-Virus getestet; allerdings erst, nachdem sie ins Krankenhaus überwiesen worden waren. Das Gesundheitsamt von Erfurt reagierte rasch: Bereits am nächsten Tag wurde das gesamte Heim durchgetestet. Das Ergebnis: 15 Bewohner und acht Pflegekräfte waren infiziert.

Weitere Tests: Angehörige informierten das Sozialministerium

Damit stand das Heim unter Quarantäne. Der nächste Test, hieß es nun aber, sollte erst nach dem Ablauf der angenommenen Inkubationszeit von Covid-19, also in zwei Wochen stattfinden.

Einige Angehörige von Bewohnern wollten das nicht hinnehmen. Sie informierten das Sozialministerium und verwiesen auf die nationale Teststrategie, wonach in betroffenen Einrichtungen ein Anspruch auf wöchentliche Testungen besteht. Plötzlich wurde am 19. November erneut getestet – allerdings nur das Personal. 21 weitere Pflegekräfte erwiesen sich als infiziert. Damit befand sich deutlich mehr als die Hälfte des Fachpersonals in Quarantäne.

Die Bewohner testet niemand. Auch bis jetzt, Stand 30. November, wurden sie nicht untersucht – obwohl der erste Test fast drei Wochen her ist. Das Erfurter Gesundheitsamt weist alle Vorwürfe zurück.

„Die erneute Testung des gesamten Personals war durch das Gesundheitsamt geplant“, sagte Winnie Melzer, die amtierende Amtsärztin und kommissarische Leiterin des Erfurter Gesundheitsamtes. Die Nachfrage des Sozialministeriums – die das Ministerium selbst übrigens dementiert – habe damit nichts zu tun gehabt. Ansonsten würden Bewohner bei Symptomen „umgehend getestet“. Eine weitere Testreihe sei „selbstverständlich“ zum Ende der Quarantäne geplant.

Caritas hat unterschiedliche Erfahrungen mit Gesundheitsämtern

Bei der Caritas-Trägergesellschaft „St. Elisabeth“ äußert man sich vorsichtig zum eigenen Heim. „Im Gesundheitsamt hat man wahrscheinlich das Problem, dass man personell überfordert ist, dass man es nicht schafft, all die Verordnungen umzusetzen“, sagt Geschäftsführer Gundekar Fürsich. „Für uns ist schwierig, dass wir die Anordnungen nur mündlich bekommen und nicht als schriftlichen Bescheid.“ Das produziere Missverständnisse.

In anderen Heimen und mit anderen Gesundheitsämtern habe er auch andere Erfahrungen gesammelt, sagt Fürsich. Zum Beispiel in Bad Langensalza: „Dort wurde konsequent getestet. Und die Bewohner mit einem positiven Befund wurden zusammengelegt und isoliert.“ Als Heimbetreiber allein könne man das aber nicht organisieren. Man benötige schon eine behördliche und schriftliche Anweisung, damit die Bewohner und deren Angehörige da auch mitmachten.

Erfurter Gesundheitsamt nicht nur wegen der Pflegeheime in der Kritik

Eine Sprecherin von Sozialministerin Heike Werner (Linke) teilt dazu mit: „Im Ausbruchsfall sollten idealerweise in regelmäßigen Zeitintervallen – zum Beispiel zwei Mal wöchentlich – Testungen durchgeführt werden, da ein einzelner Test nur einen Momentzustand widerspiegelt“. Dieses Vorgehen könne „je nach vorliegender Situation auf einzelne Stationen beschränkt oder gegebenenfalls die gesamte Einrichtung ausgedehnt werden“.

Das Erfurter Gesundheitsamt steht allerdings nicht nur wegen der Pflegeheime in der Kritik. Auch an den Schulen wächst die Irritation unter Lehrern, Schülern und Eltern. So wurden bei positiven Corona-Fällen Jahrgänge oder Klassen nach Hause geschickt, ohne dass für die Betroffenen ein nachvollziehbares System erkennbar war. Auch wurden einige Schüler oder Eltern vom Amt angerufen, andere nicht. Aber auch diese Vorwürfe weist das Erfurter Gesundheitsamt pauschal zurück. Alle Schüler, die Kontakt zu einem infizierten Mitschüler oder Lehrer gehabt hätten, schicke man in Quarantäne, hieß es von der Amtsärztin. Dabei würden Faktoren wie Infektionsumfeld, Räumlichkeit, Dauer des Aufenthalts, Personendichte, Lüftungsverhältnisse und Aktivitäten berücksichtigt. Ein Test sei fünf bis sieben Tage nach dem Kontakt sinnvoll – und werde angeboten. „Dies ist für alle Schüler möglich“, so Melzer. Alle Kontaktpersonen, die Symptome entwickeln, würden getestet.

Stadtverwaltung Erfurt befindet sich im Stresstest

Ist das so? Erfahrungen in den Schulen sind andere. Fest steht nur: Die Stadtverwaltung Erfurt befindet sich im Stresstest. Auskünfte an Bürger, etwa in Quarantänefragen, wurden in vielen Fällen nur verzögert und – wie beim Carolinenstift – ausschließlich mündlich erteilt. Oft werde nur auf E-Mails inhaltlich reagiert, hieß es in mehreren Beschwerden an diese Zeitung.

Die Antwort der Stadt Erfurt: An der Bürgerhotline, in den verschiedenen Sekretariaten und hinter den verschiedenen Telefonnummern arbeiteten viele freiwillige Helfer, „die nicht zum ursprünglichen fachlich qualifizierten Personal des Gesundheitsamtes“ gehörten. Bis Donnerstag voriger Woche hatte das Erfurter Amt in diesem Jahr nach eigener Aussage 3856 Tests durchgeführt, mehr als die Hälfte allein im November. Derzeit würden täglich bis zu 230 Tests durchgeführt.

Unterdessen ist die Caritas selbst tätig geworden. Geschäftsführer Fürsich: „Um die Sicherheit unserer Bewohner, deren Angehöriger und unserer Mitarbeiter zu gewährleisten, haben wir ab dieser Woche Schnelltests in unseren Einrichtungen eingeführt.“ Sie fänden „in regelmäßigen Abständen und auf Verdacht“ statt.