Das Anders-Sein hat viele Gesichter: Hilfe beim Verein „Besondere Kinder Gera & Kreis Greiz“

Gera  Beim Verein „Besondere Kinder Gera und Landkreis Greiz“ erhalten Eltern aus Ostthüringen Hilfe zur Selbsthilfe.

Seifenblasen pusten beim Ausflug gehört zu den Aktionen, die der Verein für Eltern, Kinder und Angehörige organisiert.

Seifenblasen pusten beim Ausflug gehört zu den Aktionen, die der Verein für Eltern, Kinder und Angehörige organisiert.

Foto: Verein

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Kinder, auf die mit dem Adjektiv „besonders“ Bezug genommen wird, sind anders als sonst üblich, da sie sich vom gesellschaftlich definierten „Normalen“ abheben.

Mädchen und Jungen, bei denen etwa ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (AD[H]S), eine Autismus-Spek­trum-Störung, das Down-Syndrom oder Entwicklungsstörungen diagnostiziert wurden, sind eben „anders als die anderen Kinder“.

Eltern und Angehörige sind oftmals verunsichert

Weil dieses Anders-Sein viele Gesichter haben kann – von Epilepsie bis zu Verhaltensstörungen – richten sich Sonja Sellner und Claudia Patzer mit ihrem „Besondere Kinder Gera und Landkreis Greiz e.V.“, der im Januar sein fünfjähriges Bestehen feierte, in großer Bandbreite an betroffene Eltern in Ostthüringen. „Unsere Kinder stellen für uns als Eltern und Angehörige eine besondere Herausforderung im Alltag dar. Eltern und Angehörige sind oftmals verunsichert“, sagt Vorstandsvorsitzende Sonja Sellner.

Gemeinsam mit ihrem Mann zieht sie zwei Söhne groß, die zehn und sechzehn Jahre alt sind und beide eine Autismus-Spektrum-Störung haben.

Die Söhne haben zudem orthopädische Probleme und einige Operationen hinter sich. Ihr großer Sohn hatte sogar einen Wirbelsäulen-Tumor und hat dadurch eine Fußheberparese. Beide Söhne haben Pflegegrade und die familiären Aufgaben der ­43-Jährigen sind so vielfältig, dass Sonja Sellner „nur“ Hausfrau ist und sich ganztags auf ihre Kinder einstellen muss.

Claudia Patzer fühlt sich von ihrer Familie gut aufgefangen. Die 36-Jährige lebt in Steinsdorf bei Weida und arbeitet in der Firma ihres Vaters. Ihren Sohn weiß sie in einer freien Schule in Greiz sehr gut betreut. Der Achtjährige hat eine Intelligenzminderung und eine Sprachentwicklungsstörung. Seit vier Jahren ist Claudia Patzer Mitglied im Verein und inzwischen stellvertretende Vorstandsvorsitzende. „Ich hatte Hilfe gesucht für mich und mein Kind“, sagt sie. „Richtig auffällig“ und „extrem aggressiv“ sei ihr Sohn im Kindergarten gewesen; hatte „Wutanfälle, die nicht runterzuregulieren“ waren. Claudia Patzer war völlig verzweifelt gewesen.

„Wenn ich sie jetzt sehe, bin ich stolz darauf, was unser Verein bewirken kann“, freut sich Sonja Sellner. Sinn sei es nämlich vor allem, die Eltern zu stärken und ihnen Kraft für den Alltag zu geben. Nicht zuletzt auch, damit sie nicht, wie Claudia Patzer anfangs, die Schuld für alles bei sich selbst suchen.

Extrem verunsichernd ist schon die oftmals langwierige Zeit der Diagnosestellung. Die Frage, ob das eigene Kind eine seelische oder geistige Störung hat – Sonja Sellner spricht in diesem Zusammenhang gern von „unsichtbarer Behinderung“ – zehrt an den Kräften. Kommt einem auf der Straße ein Elternteil mit einem Kind im Rollstuhl entgegen, wissen Außenstehende das einzuordnen; Verständnis und Empathie sind hoch.

Ein Kind, dem im ersten Moment äußerlich nichts anzusehen ist, das aber nicht auf Fragen antwortet, das aggressiv wird und verhaltensauffällig, stößt meist auf wenig Akzeptanz.

Motto des Vereins: „Gemeinsam sind wir stark“

Wo bekomme ich Hilfe? Wie können wir unser Umfeld sensibilisieren? Was ist richtig oder falsch? Was steht meinem Kind zu? Das sind Fragen, die Eltern umtreiben. „Gemeinsam sind wir stark“ ist das Motto des Vereins. Betroffene Eltern und Angehörige erhalten dort Unterstützung, aus der sie neue Kraft für den Alltag schöpfen können, und die Möglichkeit, Erfahrungen auszutauschen.

Es ist die klassische Hilfe zur Selbsthilfe, die der Verein leisten will. „Die Menschen bekommen eine Diagnose und sind dann oft auf sich allein gestellt“, weiß Sonja Sellner: „Wir helfen weiter und überlegen gemeinsam die nächsten Schritte“, sei es im Hinblick auf die Beantragung von Pflegegraden, Schwerbehindertenausweisen, Schulbegleitung oder das Finden geeigneter Kindertagesstätten und Schulen. Die Elternschaft an einem „besonderen“ Kind ist eine Herausforderung für Partnerschaft und Familie, aber auch für Freundschaften und Kontakte. Betroffene Eltern fühlen sich nicht selten sozial isoliert. Auch hier setzt der Verein an. Neben den einmal pro Monat stattfindenden Elterntreffen gibt es mindestens einmal monatlich saisonal orientierte Treffen und Unternehmungen gemeinsam mit den Kindern – von Osterbasteln über Sommerfest, Seifenblasen pusten, Laternenbasteln bis hin zu Weihnachtsbasteln und vielem mehr.

Auf die Frage, was für sie persönlich die größte Herausforderung sei, antwortet Sonja Sellner spontan: „Die Gesellschaft.“ Und schiebt, fast entschuldigend, nach: „Was man ihr aber nicht anlasten kann.“ Sie wünsche sich dennoch einen Perspektivwechsel – seitens der Ämter und im alltäglichen Leben. Hier gehe es darum, eine besserer Kommunikationsform zu finden, aber auch um Dinge wie Aufklärung und Toleranz.

Ziele, Angebote, Kontakt

  • Der Verein richtet sich an Eltern in Ostthüringen. Vereinssitz ist noch die Altenburger Straße 23 in Gera; vom 1. April an im Kulturzentrum Heinrichsbrücke, Heinrichstraße 49 in Gera.
  • Er bietet Austausch und Hilfe zur Selbsthilfe bei AD(H)S, Autismus-Spek­trum-Störung, Down Syndrom, Entwicklungsstörungen, Epilepsie, genetischen Erkrankungen, Hör- und Sprachproblemen, KiSS-/ KiDD-Syndrom, sozialen und emotionalen Störungen, Stoffwechselerkrankungen, Verhaltensstörungen sowie bei anderen ungeklärten Besonderheiten.
  • Der Verein leistet Aufklärungsarbeit sowie Erstberatung, Begleitung und Hilfe bei Anträgen und Behördengängen.
  • Ein Inklusionsprojekt für Schulen wurde umgesetzt.
  • Es werden individuelle ­Elternstammtische angeboten und gemeinsame ­Freizeitaktivitäten und Unternehmungen orga­nisiert.
  • Als Vereinslogo wurde eine graue, unscheinbare Raupe gewählt, die zu einem bunten Schmetterling wird, um den Fokus auf das Sich-Entwickeln und das Schöne zu legen.

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