Das Glück des jungen Abenteurers Rust

Eine Verkettung von Zufällen erleichterte Mathias Rust die Landung im Moskauer Zentrum.

Mathias Rust. Foto: Ch. Links Verlag/dapd

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Die Kreml-Uhr zeigte 18.43 Uhr, als Mathias Rust aus Wedel bei Hamburg den Motor seiner Cessna abstellte, kurz die Augen schloss und einmal tief durchatmete. Er stand neben der Basilius-Kathedrale von Moskau und hatte es geschafft. Fast. Denn ganz gelangte er nicht bis zum Roten Platz, so wie er es sich vorgenommen hatte. Die sowjetische Luftabwehr hatte er überwunden, doch vor den Pollern um den Platz, zwischen denen Ketten gespannt waren, musste er kapitulieren.

"Du musst mit einem Hemd geboren worden sein", sagte später ein KGB-Ermittler. Diesen russischen Ausdruck für "Glückskind" bezog er auf die Tatsache, dass die Mehrzahl der Oberleitungen auf der Brücke, auf der Rust landete, just an jenem Tag für Reparaturen herabgelassen worden war. Doch stand das Glück nicht nur bei der Landung, sondern auf dem ganzen Flug auf der Seite des jungen Deutschen.

Seit er am frühen Nachmittag die baltische Küste überflogen und aus Furcht vor einem Abschuss seinen Motorradhelm aufgesetzt hatte, waren drei Mal Kampfjets gestartet, um das unangemeldete Flugobjekt zu identifizieren. Beim ersten Mal hielt ein Pilot Rusts Cessna für ein sowjetisches Flugzeug ähnlicher Bauart. Beim zweiten Mal kam die MiG ganz nah, doch die Meldung des Piloten wurde vom Kommandanten nicht ernst genommen. Das dritte Mal verhinderten tiefe Wolken eine Annäherung.

Auch die einzelnen Radarstationen am Boden interpretierten das Signal des einmotorigen Sportflugzeugs wiederholt falsch. In einer Gegend, wo Flugschüler des Militärs Starts und Landungen übten, wurde Rust für eben einen solchen gehalten. Über einer Unfallstelle, wo am Tag zuvor zwei Armeeflugzeuge zusammengeprallt waren, hielt man ihn für einen der zahlreichen Rettungshubschrauber. Auch als Vogelschwarm wurde der geheimnisvolle Punkt auf dem Radarschirm gedeutet.

Wohl auch, weil die Luftabwehr an diesem Himmelfahrtstag 1987 den Tag der Grenztruppen nach sowjetischer Sitte feierte, funktionierte die Kommunikation zwischen den Radarstationen mangelhaft. Wenn die Befehlshaber erkannt hätten, dass da ein deutsches Flugzeug zielstrebig auf Moskau zusteuert, hätten sie es sicher zur Landung gezwungen.

Für einen Abschuss allerdings benötigten sie einen Befehl von höchster Stelle, seitdem rund vier Jahre zuvor der Abschuss eines koreanischen Passagierflugzeugs für einen weltweiten Skandal gesorgt hatte. Der Verteidigungsminister indes weilte gemeinsam mit dem Staatschef Gorbatschow in Ost-Berlin zu einer Tagung des Warschauer Paktes.

Als Rust schließlich das Häusermeer von Moskau unter sich erblickte, war die Abschuss-Gefahr gebannt. Rust setzte seinen Motorradhelm ab und fand sich vor der größten Herausforderung seines Abenteuers: Wo bitte ging es hier zum Roten Platz?

Der Stadtplan von Moskau, den er dabei hatte, half ihm nicht viel weiter. Schleife um Schleife näherte er sich dem Zentrum, bis er das hohe Gebäude des Außenministeriums, das Hotel Russland und schließlich auch den Roten Platz erkannte, der ihm aus der Luft überraschend klein erschien. Drei Mal überflog er den Platz tief. Als er aber feststellte, dass die Menschen nach jedem Überflug wieder neu in die Platzmitte strömten, suchte er nach einem Ausweichziel - die Brücke. Grundsätzlich begrüßte er die Menschenmassen, die Öffentlichkeit versprachen - einen Plan, im Kreml-Hof zu landen, hatte er aus Angst vor heimlichen Aktionen des KGB aufgegeben.

Der Geheimdienst nahm ihn erst nach über einer Stunde in Gewahrsam. Bis dahin erzählte Mathias Rust den rund 200 freundlichen Moskauern, die das Flugzeug umringt hatten, von seiner Friedensmission.

Zur Person: Kreml-Flieger Mathias Rust

Mathias Rust wurde am 1. Juni 1968 in Wedel bei Hamburg geboren. Zur Zeit seines Fluges nach Moskau fehlten nur wenige Tage bis zu seinem 19. Geburtstag. Seit Jahren schon interessierte er sich damals für das Weltgeschehen und speziell für das Thema Abrüstung. Die Proteste gegen den sogenannten Nato-Doppelbeschluss zur Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen erlebte der junge Mann als wenig erfolgreich. Rust absolvierte eine Lehre als Bankkaufmann, brach diese aber ab, um seiner Leidenschaft fürs Fliegen zu frönen. Mit 18 erhielt er den Pilotenschein. Zu seinem Flug entschloss er sich nach dem gescheiterten Abrüstungsgipfel in Reykjavik 1986.

Dafür bekam Rust in der Sowjetunion vier Jahre Arbeitslager aufgebrummt. Weil sich viele weltweit für ihn einsetzten, wurde er nach 432 Tagen begnadigt. Im November 1989 verletzte er während seines Zivildienstes in einem Krankenhaus eine Schwesternschülerin schwer. Er wurde zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, die er aber nicht voll absaß. Mathias Rust lebt nach eigenen Angaben von einem Beraterjob in der Investmentfirma eines Freundes.

Mathias Rusts Friedensmission zum Kreml

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