Das "rote Kloster": Die ehemalige SED-Bezirksparteischule in Erfurt

Denkmale in Erfurt (172): Die ehemalige SED-Bezirksparteischule gehört zu den bedeutenden Baudenkmalen der DDR-Zeit

Die alte Parteischule ist vielen Erfurtern noch ein Begriff. Inzwischen wurden hier schon Filme gedreht, unter anderem "Der Fall Ritter". Foto: Alexander Raßloff

Die alte Parteischule ist vielen Erfurtern noch ein Begriff. Inzwischen wurden hier schon Filme gedreht, unter anderem "Der Fall Ritter". Foto: Alexander Raßloff

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Schaut man von erhöhter Warte über die Stadt, so fällt einem im Süden, nahe dem Stadion, eine einzelne weiße "Wohnscheibe" auf. Bei näherer Betrachtung erweist sie sich als Teil eines größeren Schulkomplexes.

Älteren Erfurtern ist noch geläufig, dass es sich hierbei um das "rote Kloster" handelt, die ehemalige Bezirksparteischule der SED. Der 1972 eingeweihte Komplex entstand nach dem Vorbild der zwei Jahre zuvor fertiggestellten Parteischule in Rostock. Architekturhistoriker wie Mark Escherich, der sich intensiv mit Bauwerken aus der DDR-Zeit beschäftigt hat, betonen den hohen Denkmalwert des Ensembles.

Sein ursprünglicher baulicher Zustand und die opulente Innenausstattung im Stil der 1970er-Jahre sind noch weitgehend erhalten. Da zudem die Mehrheit bedeutender Bauten aus der DDR-Zeit nicht mehr existiert oder überformt wurde, fand der Komplex 2008 Eingang in das Denkmalbuch des Freistaates Thüringen.

Dank diverser privater Nutzungen, etwa für Vorlesungen, Veranstaltungen und als (n)ostalgisches Gästehaus, handelt es sich heute bei der "Alten Parteischule" um ein lebendiges Denkmal.

Gartenlandschaft gehörte zum Komplex dazu

Ihren Spitznamen verdankte die Parteischule der Anlage als vierflügeliger Komplex von klosterähnlicher Geschlossenheit. Er wird laut Escherich dominiert durch das Audimax mit dem großen Hörsaal. Sein massiger, blauer Kubus thront über dem Hauptzugang gegenüber dem heutigen Kultusministerium.

Ein flacher Verbindungsgang und der rückwärtige Seminarraumflügel koppelten Halle und Mensa mit der Internats-Wohnscheibe. Der Innenhof diente als Pausenbereich. Das Ganze wurde eingebettet in eine großzügige Gartenlandschaft zwischen Steigerrand und Südpark. Hier ließ sich bis 1989 gut über die Grundlagen des Marxismus und ähnliche Themen nachdenken, zumal auch für leibliches Wohl und für Freizeitgestaltung gesorgt war.

Die Verantwortlichen der SED befanden sich nach neueren Forschungen dabei in einer Zwickmühle. Zum einen wollte man nach außen hin nicht den Eindruck erwecken, die Kursteilnehmer würden als "Parteibonzen" in Saus und Braus leben; zum anderen aber musste man auch etwas bieten, um die aus ihrem gewohnten Lebensumfeld herausgezogenen Genossen "bei Laune" zu halten. Auch tat sich bisweilen ein Zwiespalt zwischen der Forderung nach moralisch einwandfreiem Verhalten nicht zuletzt mit Blick auf Alkohol und das andere Geschlecht sowie dem tatsächlichen, nicht immer "klösterlichen" Alltag auf. Wie auch immer letztlich der Spagat zwischen Ideal und Wirklichkeit geglückt sein mag, die äußeren Rahmenbedingungen für die Parteischüler waren jedenfalls in Erfurt besser als in vielen anderen Bezirken.

  • Nächste Folge: Die Villa Festge in der Cyriakstraße

Zu unserer Serie ist ein Buch erschienen: "100 Denkmale in Erfurt", mit Fotos von TA-Mitarbeiter Sascha Fromm, Klar-text-Verlag, 224 Seiten, 13,95 Euro

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