Das Rotwild soll eine Chance erhalten

Werther  Podiumsdiskussion der Hegegemeinschaft erfährt riesigen Zuspruch

Der Saal des Hotels „Zur Hoffnung“ in Werther platzte am Donnerstag fast aus den Nähten: Knapp 300 Gäste waren zur Podiumsdiskussion zum Thema „Rotwild im Südharz. Fluch oder Segen?“ erschienen. Eingeladen hatte die Interessengemeinschaft zum Erhalt des Rotwildes im Harz.

Als Referenten traten Professor Sven Herzog von der TU Dresden und der als Österreichs Hirschflüsterer bekannte Förster und Hotelier Thomas Tscherne auf. „Wir haben vor einem halben Jahr die IG Rotwild ins Leben gerufen und versuchen, etwas für die Tiere zu erreichen“, sagte IG-Sprecher Niels Neu. Probleme gebe es vor allem im Revier Sophienhof, wo das Rotwild auf dem Rückzug sei und es Unstimmigkeiten mit dem Forstamt gebe.

Wie viel Wild verträgt unser Wald? „Uns haben Fehlentwicklungen bewegt, etwas zu unternehmen. Jetzt müssen wir etwas tun, um das Rotwild nicht weiter zu dezimieren. Sonst wird es die Hirschbrunft bald nicht mehr geben“, führte IG-Mitglied Torsten Meyer aus.

Thomas Tscherne erzählte von der Entwicklung des Rotwildes in der Geschichte. „Wir haben das Rotwild viele hundert Jahre lang bejagt. Es hat einen Fluchtreiz entwickelt. Wenn es Menschen hört, sieht oder riecht, läuft es weg“, verdeutlichte er. Dieser Fluchtreiz könne nicht unterdrückt werden. Die sich immer weiter ausbreitende Kulturlandschaft mache den Tieren zu schaffen. „Wenn diese nicht zu ihren Nahrungsplätzen kommen, gibt es Probleme. Das Rotwild beginnt die Rinde zu schälen“, so der Förster. „Wenn ich dem Rotwild das Recht zu leben verwehre, habe ich die Kontrolle über mein Leben verloren“, sagte er in Anlehnung an ein Zitat von Karl Lagerfeld.

Tscherne stammt aus dem Gasteiner Tal, das in drei Ortschaften über 18.000 Gästebetten verfügt. 2,5 Millionen Touristen werden dort jährlich begrüßt. Er habe einen Talschluss übernommen und dort Spuren von Rotwild entdeckt.

„In Österreich gibt es einen großen Interessenkonflikt. Die Gewinnmaximierung der Forstwirtschaft sei enorm. Dadurch seien die Tier-Populationen bedroht. Um dagegen anzugehen, hat Tscherne eine besondere Strategie entwickelt: eine Rotwildfütterung mitten unter Menschen. „Die Tiere brauchen Berechenbarkeit. Deshalb müssen wir den Tieren Ruhezonen geben“, so Tscherne. „Als Gegenleistung bekommen wir sichtbares Rotwild und frei lebende Wildtiere.“ Die Jagd der Tiere zur Regulierung sei korrekt, wenn sie ethisch geführt wird; aber nicht, wenn sie sportlich werde. Und: „Es ist gut, dass sie die Interessengemeinschaft gegründet haben.“

Professor Sven Herzog lieferte mit seinem Vortrag die wissenschaftliche Grundlage für die Diskussion. Er zeigte Lösungswege auf: keine rotwildfreien Räume, die Rotwildausbreitung fördern, hinreichend Ruhezonen und artgerechte Winterfütterung. „Es gibt keinen Wald-Wild-Konflikt. Wir müssen die Diskussion vom Kopf auf die Füße stellen und uns von althergebrachten Jagdmethoden wie der Drückjagd verabschieden. Denn Waldwirtschaft ist nicht teilbar“, so der Professor.

Roland Kaiser vom Thüringer Ministerium für Landwirtschaft pflichtete seinen Vorrednern bei: „Das hat alles Hand und Fuß. Thomas Tscherne hat mir aus dem Herzen gesprochen.“ Der aus Bleicherode stammende Beamte nannte eine Alternative. „Es gibt ein Konzept zur Bejagung des Rotwildes im Südharz. Das ist die neue Methode der Intervallbejagung“, sagte er.

Die Gäste durften Fragen stellen, die die Experten beantworteten. Ist es nicht sinnvoll, den Jagdbetrieb aus dem Forst herauszulösen und es in die Hände der Jäger zu legen? „Das Jagdrecht ist an Grund und Boden gebunden. Der Grundeigentümer übt das Jagdrecht aus“, antwortete Kaiser. „ Eine Trennung müsste man ausprobieren. Es könnte technisch gesehen Entlastung bringen, ist aber eine politische Entscheidung“, so Herzog. Wiege sich die Schau-Wildfütterung positiv auf die Gästezahlen aus? „Eindeutig ja“, so Tscherne. Außerdem werde eine hohe Bindung mit Fütterungen geschaffen.

Wann wird wieder mehr Wert auf Einzeljagden gelegt? „Das können wir nur gemeinsam lösen. Unser Bestreben ist es, das Intervalljagdkonzept zu etablieren“, sagte Ralf Brümmel, Betriebsleiter des Thüringenforstes. Das seien aber nur wenige Jagdtage. Dafür müsse man ein Verständnis schaffen.

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