Der DDR-Ersatzausweis PM 12 brachte noch mehr Unfreiheit

Berlin. Momentan wird in politischen Kreisen diskutiert, extremistischen Salafisten den Personalausweis durch ein Dokument zu ersetzen, das einen Grenzübertritt und damit eine Reise in die Kampfgebiete unmöglich macht.

Wie viele dieser Schikane-Dokumente in den drei Bezirken Thüringens eingesetzt waren, ist noch nicht dokumentiert. Foto: BStU

Wie viele dieser Schikane-Dokumente in den drei Bezirken Thüringens eingesetzt waren, ist noch nicht dokumentiert. Foto: BStU

Foto: zgt

Ehemalige DDR-Bürger erinnern sich, dass die Behörden des damaligen Arbeiter- und Bauern-Staates eine ähnliche Methode, allerdings zur Schikane der Opposition, benutzten. Wer seinen Personalausweis, laut Gesetz das wichtigste Dokument des Bürgers, verlor, bekam einen vorläufigen Ersatzausweis. Auf dem war auf der Vorderseite zu lesen, dass das Original verlorengegangen war.

Aber zahlreiche aus dem Gefängnis entlassene und solche Bürger, die als Asoziale eingestuft wurden, bekamen auch ein solches Dokument, häufig an Auflagen wie regelmäßiges Melden gebunden. Auf der Deckseite war auch verzeichnet, dass das Original "eingezogen" worden war.

Überprüfungen ohne erkennbaren Grund

Thomas "Kaktus" Grund, ein prominenter ehemaliger Bürgerrechtler aus Jena und heutiger Streetworker, erzählte unserer Zeitung, wie dieses PM 12 genannte Ersatzdokument bei politisch Unliebsamen zur ununterbrochnen Schikane genutzt wurde. Mit einem solchen Papier war man regelrecht gebrandmarkt und wurde immer wieder und ohne erkennbaren Grund von der Volkspolizei auf offener Straße überprüft.

Grund berichtet von seinem Freund Harry "Käfer" Zöller, der im Jahr 1987 heiraten wollte. Einen Tag zuvor wurde er vorgeladen und sein Personalausweis gegen ein solches PM-12-Behelfsdokument ausgetauscht. Die Polizisten machten auch keinen Hehl daraus, dass sie über Zöllers Hochzeitsreisepläne nach Prag genau bescheid wussten und die Reise nun geplatzt war. Die größte Einschränkung dieses Dokuments bestand nämlich darin, dass man mit ihm nicht einmal die "sozialistischen Bruderländer" bereisen durfte. Für die Jugendopposition in der DDR eine herbe Einengung, bestanden doch viele freundschaftliche Kontakte in die CSSR, nach Polen und Ungarn.

Immer wieder dasselbe Spiel

Harry "Käfer" Zöller bestätigte gegenüber unserer Zeitung, dass "Kaktus" daraufhin in seiner Wohnung für das junge Paar als Trost und Ersatz eine Feier organisierte, bei der es an nichts fehlte und die bis heute in Jenaer Oppositionskreisen als legendär gilt. Für Harry Zöller war es damals bereits der zweite PM-12-Ausweis. Als er im November 1985 einen Ausreiseantrag stellte, wurde umgehend sein Original-Personaldokument eingezogen. Jeden Sonnabend um sieben Uhr stand ein Volkspolizist vor der Tür und verlangte, den Personalausweis von Zöller zu sehen.

Daraus entwickelte sich dann immer dasselbe Spiel, indem der Kontrollierte sagte, das dies nicht ginge, da dieser doch im Besitz der Staatsmacht sei. Nach einem kurzen Hin und Her wurde das verlangte Dokument doch vorgelegt und eine Woche später ging alles wieder von vorne los. Überraschend bekam Zöller seinen Personalausweis ein Jahr später wieder. Die Stasi machte ihm großzügige Angebote, mit ihr zusammenzuarbeiten, und legte ihm ganz kulant das alte Dokument auf den Tisch.

Zöller nahm es mit und sein erster Weg führte ihn zu "Kaktus", anderen Freunden und zur Kirche, um das "unanständige" Angebot der Geheimpolizisten richtig breitzutreten. Damit war ihr Anwerbeversuch gescheitert - und dafür sollten sie sich dann kurz vor seiner Hochzeit rächen.

Zahlen für Thüringen nicht dokumentiert

Thomas "Kaktus" Grund erzählte, dass diese PM-12-Ausweise in den Oppositionskreisen von Jena sehr verbreitet waren. Wie viele dieser Schikane-Dokumente in den drei Bezirken Thüringens eingesetzt waren, ist noch nicht dokumentiert.

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