Der Marbach in Erfurt zieht um

Erfurt  Ein Großprojekt holt in Erfurt den Marbach in ein natürliches Umfeld zurück. Das wird auch zu Verkehrsbeeinträchtigungen führen.

Carmen Ballin ist die Projektleiterin für die Verlegung des Marbachs in der Straße der Nationen.

Carmen Ballin ist die Projektleiterin für die Verlegung des Marbachs in der Straße der Nationen.

Foto: Steve Bauerschmidt

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Lacerta agilis, die Zauneidechse, hat noch etwas Zeit. Aber dann muss auch sie umziehen. Genau wie der Marbach in der Nördlichen Geraaue. Die umwälzenden Arbeiten dafür entlang der Straße der Nationen, im Volksmund die Nördliche Querverbindung NQV, sind seit Monaten zu beobachten.

Der Marbach, dieses kleine, unscheinbare Bächlein, kommt, wie es der Name schon vermuten lässt, aus den Höhenlagen des Ortsteils im Nordwesten der Stadt. Er schlängelt sich durch den Ort. Und dann ist er plötzlich fort. Weg, verschwunden. Er kommt zwar auf Höhe der Rad- und Fußgängerbrücke über die NQV etwas verschämt wieder ans Tageslicht. Aber kaum einer weiß, dass es der Marbach ist, der sich da eher plätschernd in die Gera ergießt.

„In früheren Zeiten hieß das Flurbereinigung. Man ließ Flüsse und Flüsschen einfach unter der Erde in Rohrleitungen verschwinden, wenn sie der Städteplanung im Wege waren“, weiß Sascha Döll, Chef des Erfurter Garten- und Friedhofsamtes. Eine Erbsünde, wie man sie heute nicht wiederholen würde. Im Gegenteil: es gibt eine neue Richtlinie, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Lass doch den Flüssen ihren Lauf, könnte der Arbeitstitel lauten. Verrohren war einmal. Total kontraproduktiv. Heute setzt man wieder auf Natürlichkeit bei der Führung von Fluss- und Bachläufen.

Früher zweifelhafte Art der Flurbereinigung

Wann der Marbach unterirdisch wurde und warum, vermag von den städtischen Amtsträgern heute keiner mehr so genau zu sagen. Er kommt aus dem gleichnamigen Ortsteil und schlägt sich dann im Untergrund auf Höhe der Brücke, über die die alte B4 oder Hannoversche Straße verläuft, auf die andere Straßenseite. Das ein Meter dicke Rohr, in das er gezwungen wird, hat sich schon des öfteren bei Starkregen als zu eng erwiesen.

Das soll so nicht bleiben. Das Gleisbett, dass entlang der NQV früher den Zügen in Richtung Nottleben Halt bot oder zu DDR-Zeiten tatsächlich eine S-Bahn führte, soll künftig den Marbach oberirdisch aufnehmen. Dazu wird seit Oktober gebuddelt, was das Zeug hält. Gleise raus, Betonbahnsteige am alten Haltepunkt Berliner Straße raus, Baufreiheit schaffen. Inzwischen zeichnet sich der Flussverlauf – Pardon, Bachverlauf – schon deutlich ab.

Am 15. August, so steht es im Plan, soll der Marbach sein neues Bett beziehen. Fachdeutsch: er wird umgebunden. Bis dahin ist auch Lacerta agilis, die Zauneidechse, umgezogen. Sie ist derzeit noch auf einem Zwischenstück an der Brücke, über die die Hannoversche Straße verläuft, zu Hause und wird im Frühjahr sanft umgesiedelt.

Wozu aber für so ein Rinnsal extra ein Flussbett bauen, wird sich so mancher Zweifler gefragt haben. Und ein so teures dazu? Immerhin 1,9 Millionen Euro brutto sind für das Großprojekt, das die Bundesgartenschau mit begleiten soll, eingestellt worden. „Der Marbach wird kein Rinnsal bleiben“, versichert Carmen Ballin, die Projektleiterin. Denn der Marbach nimmt künftig direkt das Regenwasser auf, auch das, das von den Uferböschungen hineinläuft. Bisher versickerte es in der Kanalisation. Der Marbach war ja weg, im Untergrund. Und konnte sich nicht mit dem Grundwasser oder seiner natürlichen Umgebung austauschen. Ökologisch zweifelhaft.

Die alten Betonrohre werden nach der Umverlegung des Naturgewässers auf die andere Straßenseite aber nicht nutzlos im Boden bleiben. Sie sind noch gut erhalten und bekommen eine neue Aufgabe. Sie wechseln in den Verantwortungsbereich der Thüringer Fernwasserversorgung. Das Unternehmen beabsichtigt, durch die alten Marbach-Rohre künftig Ohra-Fernwasser zu pumpen. 600 Liter pro Sekunde. Da ist Druck dahinter. Und der wird auch gebraucht. Er soll, bevor sich das Wasser in die Gera ergießt, ein Schaukraftwerk antreiben. Und im weiteren Verlauf einen Teich und Wasserspiele speisen. In den neu entstehenden Gera-Terrassen. Die Buga lässt grüßen.

Die ganze Bauerei rund um den Marbach macht in den nächsten zwei Wochen eine größere Verkehrsverlegung nötig. Wie es schon ein breites Asphaltband unter der B4-Brücke zeigt, wird dort die Straße verschwenkt, um Baufreiheit zu schaffen. Und es wird nur noch möglich sein, von der Straße der Nationen kommend auf die B4 in Richtung Stadtmitte aufzufahren. Wer aus Richtung Elxleben kommt und z.B. zum Thüringenpark oder in Richtung Zoopark möchte, muss laut Umleitung dann bis zur Blumenstraße und wieder zurück bis zur Abfahrt Thüringenpark fahren. Eine Option ist die Abfahrt von der Hannoverschen Straße schon in Gispersleben. Bis Anfang April werde es wohl dauern, sagt Carmen Ballin ein wenig bedauernd. Aber froh darüber, dass es nun tatsächlich in die letzte heiße Phase ihres insgesamt 1300 Meter langen Marbach-Projektes gehen kann.

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