Die Bombenbauer von Rudolstadt – „Es gibt auf jeden Fall noch mehr von uns“

David G., geboren in Uhlstädt, ist erstaunt, wie kinderleicht es war, mehr als hundert Kilogramm Sprengstoff im Internet zu bestellen. Er sagt: „Das darf nicht sein.“

Polizisten suchen nach Sprengstoffspuren im Heinrich-Heine-Park von Rudolstadt.

Foto: Martin Hauswald

Es ist Samstag, kurz nach zwölf. Im grünen Eckhaus, gleich da vorn, wohnt David, der Bombenbastler von Rudolstadt. Die Haustür steht sperrangelweit auf, das Treppenhaus ist dunkel. Wo ist der Lichtschalter? Ah. Noch ein paar Stufen. Da steht, am Eingang zur Wohnung, sein Name. Die Klingel unten an der Straße blieb stumm, aber die hier funktioniert. Kurze Stille.

„Ja! Wer ist da?“ Unsichtbare Schritte nähern sich der Tür. David G., 25, öffnet die Tür. Sein erstes Wort zur Begrüßung: „Hallo.“ Blonde Haare, sportlich, Trainingsshorts, freundliches Gesicht. Offene Augen. Es folgen ein paar Sätze, die den Grund des Treffens erklären. „Kommen Sie rein“, sagt David. „Setzen Sie sich, ich zieh mir erst mal was Richtiges an. Sie sind wohl von der Presse. Von welcher?“ – „TA.“

Der Fernseher läuft. Links daneben, im Türrahmen zum Schlafraum, steht ein schwarzes Rennrad. Die beiden Nymphensittiche im Flur, die regungslos auf einer Käfigstange sitzen, pfeifen sich in Form.

Auf dem Boden vor dem großen Flachbildschirm liegt Milch im Tetrapack, aber das fällt kaum auf. Im Wohnzimmer sieht es überall ein bisschen wie nach einem Bombeneinschlag aus. „Ich räume nur einmal in der Woche auf, das wollte ich heute machen“, sagt David. Anschließend wollte er sich auf sein Rennrad schwingen und durch Ostthüringen sausen. „Ich fahre jeden Tag vier bis sechs Stunden.“ Seine Stimme klingt fest. „Das ist meine Hauptaufgabe.“

Vor acht Wochen, Dienstag, 13. März, hätte sich das ändern können. „Ich hatte an dem Tag ein Vorstellungsgespräch bei der Bundeswehr“, sagt David. „Ich hab mich als Chemiker beworben.“ Er war in Chemie immer gut. „Ich hatte ‘ne Zwei.“ Das ist bis heute in Erinnerung. Eine halbe Stunde zuvor, im Nachbarort Uhlstädt, hatte Davids Oma Wilma Ähnliches gesagt. „An Chemie hat er immer schon Interesse gehabt, schon als Schuljunge. An allem, was knallt.“

Jener Dienstag im März sollte für David ein denkwürdiger Tag werden, nur anders als erhofft. „Die haben unten geklingelt. Da habe ich noch schnell meine Hose angezogen und durchs Fenster nach unten geguckt. Polizei, alles klar. Ich habe gleich gewusst, es geht um den Sprengstoff“, sagt David. Ausgerechnet an dem Tag, als er zur Bundeswehr wollte. „Das kann ich jetzt knicken. Leider.“

Vier Wohnungen durchsuchten die Saalfelder Polizisten, die mit Unterstützung von Sprengstoffexperten des Landeskriminalamts angerückt waren: Davids Wohnung, dann zwei in Uhlstädt, und zwar die seiner Eltern und der Oma, schließlich die von Davids Kumpel Jan in Rudolstadt. Die Ermittler stellten mehr als Hundert Kilo sprengstofffähige Substanzen sicher, dazu einige Gramm des Sprengstoffs ETN, der um einiges explosiver ist als TNT. Zudem fanden die Kriminalisten einen Rollkoffer, der als „mobile Bombenwerkstatt“ betrachtet werden kann.

Der Tag ging in die Thüringer Kriminalgeschichte ein: als Tag mit der größten sichergestellten Menge Sprengstoff.

Gleichzeitig entwickelte sich der Fall zu einem Politikum , das bis heute den Thüringer Landtag bewegt. An diesem Donnerstag befasst sich, zum wiederholten Male, ein Landtagsausschuss mit dem Thema. Auch um David G. geht es dabei, aber mehr noch um Jan R. Denn der 31-Jährige, der seit einer Hirnoperation im Rollstuhl sitzt, war bis Mitte März Sprecher eines lokalen Demokratiebündnisses mit privaten Beziehungen in die linksautonome Szene sowie zur linken Landtagsabgeordneten Katharina König-Preuss.

Seither steht folgender Verdacht im Raum: Die linke Szene, die an den Rändern in Teilen durchaus gewaltgeneigt ist, könnte sich im Untergrund mit bombenfähigem Sprengstoff auf politische Attentate vorbereiten. Vergleiche zu einem Sprengstofffund in einer Garage in Jena 1998 wurden gezogen – Vergleiche zum NSU, zum Nationalsozialistischen Untergrund.

„Ich bin rechts“, sagt David, er hält die Fernbedienung in der Hand, „eigentlich neutral. Ich zeige Ihnen mal eine Explosion mit zehn Kilo Sprengstoff. Ja?“

Die CDU-Fraktion im Thüringer Landtag forderte im März mit dem Antrag „Linksterrorismus mit allen Mitteln bekämpfen“ eine Aktuelle Stunde im Landtag. Die AfD stellte einen Dringlichkeitsantrag, den sie in eine Frage kleidete: „Entwickeln sich unter dem Deckmantel zivilgesellschaftlichen Engagements linksterroristische Strukturen im Freistaat?“

„Ich wähle AfD“, sagt David, gelernter Maschinen- und Anlagenführer. „Weil mir die am meisten zusagt. Aber ich bin jetzt kein Ausländerhasser.“ Er habe einen Freund, einen Flüchtling aus dem Iran, der da unten im Heim in Rudolstadt gewohnt hat. „Der ist auch ein Freund von Jan. Der ist zwar Moslem, aber das ist mir Wurscht. Der ist irgendwie wie wir, der spricht ganz gut Deutsch, der will sich integrieren.“ Jetzt sei er, wegen einer Ausbildung, in Gera.

„Selbst der hat mir gesagt: Geh nicht da runter, die meisten im Heim mögen keine Deutschen. Aber ich habe mir selbst ein Bild machen wollen“, sagt David, „und bin ein paar Mal da hingegangen. Es ist schon so, wie die Rechten über die Zustände sagen. Ist aber auch klar. Da sind halt eine Menge Menschen, die Frust schieben, die alle aus ihrem Land weg sind. Da entsteht halt Stress.“

Als David den Jan das erste Mal sah, 2015, standen sie auf verschiedenen Seiten. Jan saß in seinem Rollstuhl am Straßenrand, und David, mit vielen anderen, lief an ihm vorbei durch Rudolstadt. „Ich war bei einer Demo gegen Flüchtlinge“, sagt David. „Aber da sind alle Bürger auf die Straße gegangen. Jan war bei den Linken.“

Anschließend, „weil das erste Mal ganz nett war“, habe er noch ein zweites Mal eine von der rechtsextremen NPD organisierte Veranstaltung besucht, sagt David. „Aber da war diese Gehirnwäsche. Dann bin ich niemals wieder dahingegangen.“

Rudolstadt mit seinen 24 000 Menschen ist ein Stadt von überschaubarer Größe. David, der von sich sagt, er sei „rechts oder eher neutral“, und Jan, der links ist und auch dort verkehrt, wo Autonome verkehren, liefen und fuhren sich manchmal über den Weg, trafen sich auf Partys, wo man einen hebt und dies und manches raucht. „Der sitzt zwar im Rollstuhl“, sagt David über Jan, „aber der ist ein Kämpfer, der nimmt alles mit Humor. Der malt sich sogar zu Halloween als Exorzist an und hängt sich ein Kreuz um. Der ist total krass. Der nimmt das witzig mit seiner Krankheit. Deswegen fand ich den Jan immer cool.“

Im November vergangenen Jahres, erinnert sich David, habe er bei einer Party zu Jan gesagt: Du, ich kann Böller bauen. „Der Jan fand das cool. Du findest selten einen, der das cool findet. Und mit dem man das dann auch noch machen kann.“

So begann das mit den beiden, wenn David sich korrekt erinnert: „Wir wollten Böller für Silvester bauen.“ Aber dann reichte ihnen das nicht. „Wenn das geht, haben wir gedacht, dann geht noch mehr.“

Probesprengungen in Rudolstadt

Es folgten, nachts und da wo keine Menschen waren, Probesprengungen in Rudolstadt. „Das hat übelst geballert, aber wir haben nie einen in Gefahr gebracht“, sagt David. „Wir haben immer aufgepasst, dass da keiner ist.“ Jan war nach einer Sprengung, wie es heißt, erschüttert bis ins Mark. „Ich dachte, das ganze Saaletal bricht über mich herein“, soll er gestammelt haben, kreidebleich und zitternd.

„Man muss wirklich mal die Druckwelle spüren“, sagt David. „Das muss man mal erlebt haben. Wir waren immer mindestens 50 Meter weg. Dann haben wir uns die Ohren zugehalten. Da kommt einem eine Wucht entgegen! Mit einem Gramm Sprengstoff kannst du dir schon die Finger wegfetzen.“

Was heißt Sprengstoff?

David greift zur Fernbedienung, klickt sich durchs Programm. „Hier, das hier ist das, was ich mir in großen Mengen bestellt habe. Dünger. Man muss diesen hier kaufen. Halt, am besten den hier, weil der ohne Magnesium ist. Der ist ganz rein. Das ist nur Kalk und Sprengstoff. Der Dünger besteht zu 80 Prozent aus Sprengstoff und zu 20 Prozent aus Kalk. Das habe ich alles im Internet gekauft, den ganzen Sprengstoff. Damit kannst du Bomben bauen ohne Ende. Damit kannst du so was machen. Ich kann dir mal ‘ne Explosion zeigen.“

Auf dem Bildschirm sieht man, wie ein zerfetzter Baum umstürzt. Erde spritzt hoch in die Luft. Und weit! Dröhnend untermalt von einem dumpfen langen „Wummm!“. Im Internet wimmelt es von Filmchen mit Explosionen Marke Eigenbau, von Hobby-Bombenbastler aufgenommen und ins Netz gestellt.

ungefährlicher als Schwarzpulver

„Guck mal, wie das abgeht!“ sagt David. Der Lautsprecher scheppert wieder und dröhnt. „Bei dem, was wir gemacht haben, kann eigentlich nichts passieren. Das ist noch ungefährlicher als Schwarzpulver.

Nicht nur der Thüringer Landtag befasst sich mit dem Fall. Auch im Internet wird eifrig diskutiert, nicht immer sachlich, besonders auf Seiten, die rechtspopulistisch erscheinen, manchmal auch extrem. Da ist – mit Blick auf das linke „Demokratiebündnis“, dessen Sprecher Jan R. einst war – von einer „Tarnorganisation für linke Bombenbastler“ die Rede, „gefördert vom Land Thüringen“, weil das Bündnis für seine Arbeit 2016 von der Landesregierung mit einem Preis im Wert von 500 Euro ausgezeichnet worden ist.

Die AfD-nahe Publikationsplattform „Ein Prozent“ nimmt wahr, dass der Sprengstofffund „sich immer mehr zum Debakel für die sozialistische Landesregierung Thüringens“ entwickelt. Vermutet werden „engste Verstrickungen bis ganz nach oben“.

Auf einer Internet-Seite von Pegida findet sich unter der Überschrift „Bomben-Bodo & AntiFa – die ‚Bomber‘ der Nation“ ein mehr als 400-mal geteilter, also verbreiteter Artikel, in dem zunächst vom „Hauptbeschuldigten Jan R.“ die Rede ist, dann „vom Haupttäter Jan R.“ Im Internet ist der Nachname vollständig zu lesen.

Dem CDU-Bundestagsabgeordneten Tankred Schipanski aus Ilmenau verdeutlicht der Fall, „wie sehr Ramelows Partei ‚Die Linke‘ in Thüringen mit radikalen Kräften verstrickt ist“.

Für den innenpolitischen Sprecher der Thüringer AfD-Landtagsfraktion, Jörg Henke, „verstärkt sich der Eindruck, dass die beiden von der Staatsanwaltschaft geschont wurden, um die rot-rot-grüne Landesregierung nicht zu verstimmen“.

15 Euro ein Sack!

„Ich bin der Drahtzieher der ganzen Sache“, sagt David G. „Weil ich das Gehirn der ganzen Truppe hier bin, so ungefähr jedenfalls. Ich kam auf die Idee. Das ist alles meine Schuld.“ Das habe er auch der Polizei so gesagt. Jan habe zwar am Schluss auch zweimal Sprengstoff bestellt, „aber nur weil ich kein Geld mehr hatte“, sagt David.

Warum aber bestellten die beiden mehr als hundert Kilo? „Weil es so billig war und ich dachte, das gibt’s irgendwann nicht mehr. Ich dachte mir, vielleicht merkt irgendwann mal jemand, dass man den Dünger als Sprengstoff nutzen kann. 15 Euro ein Sack! Da kriegste 20 Kilo geilen Sprengstoff raus. Was willste mehr? Da hab ich mir gedacht, da legste gleich mal einen kleinen Bunker an.“

Mit 20 Kilo Sprengstoff, also einem 25-Kilo-Düngersack, sagt David, „kannst du 20 richtig heftige Bomben bauen. Wenn du da im Umkreis von drei Metern stehst, bricht’s dir noch jeden Knochen. Und das für 15 Euro! Das ist doch ein guter Preis.“

Sicherheitshalber, sozusagen, haben David und Jan den Sprengstoff nicht in einem Eisenmantel gezündet. Wenn ETN, das aus dem Dünger herstellbar ist, explodiert, zerfetzt alles blitzschnell: mit 4600 Metern pro Sekunde, manchmal, je nach Dichte des Sprengstoffs, fast doppelt so schnell. „Wenn man ein Kilo sprengt, muss man sich mindestens hundert Meter wegstellen“, sagt David. „Die Splitter können dir noch in 200 Metern ein Loch in den Kopf schlagen. Deswegen haben wir eine Müller-Milch-Flasche genommen, da können keine Splitter rumfliegen.“

150 Kilo Dünger, zu 80 Prozent Sprengstoff, also 120 Kilo Sprengstoff haben David und Jan aus dem Internet bestellt und in wenigen Monaten gehortet. „Wenn man daneben schläft, ist das schon ein gruseliges Gefühl“, sagt David. Deshalb sei er auf Nummer sicher gegangen und habe die Komponenten, die zur Herstellung des explosionsfähigen Stoffs notwendig sind, in verschiedenen Wohnungen aufbewahrt. „Es gab keinen einzigen Ort, wo ich sofort was hätte zusammenmischen können. Auch zu meiner eigenen Sicherheit. Man weiß ja nie. Da kriegste plötzlich Lust oder so. Nee, nee, muss ja nicht sein.“

Sprengstoff kann jeder ganz leicht bestellen

Er habe das Zeug immer allein hergestellt, meistens bei sich in der Küche. „Und immer mit Gasmaske. So stand ich in der Küche. Da kommen wirklich giftige Dämpfe.“ Deswegen habe er auch Jan nicht dabeigehabt. „Ich wollte den Jan nicht gefährden.“

David wird leise. „Mich wundert, wie leicht man an das Zeug rankommt. Den Sprengstoff kann jeder ganz leicht bestellen, ohne Personalausweis, ohne Altersnachweis, wie Waschmittel, wie Schokoriegel. Die verkaufen da etwas im Internet, da fehlt nur noch ein kleiner Schritt, dann hat man richtig hochexplosiven Sprengstoff. Das ist fast wie Kaffeekochen.“

David blickt hoch, schaut eindringlich, schaut ernst. Und sagt: „Wenn jemand etwas vorhat in diesem Land... Das darf eigentlich nicht sein.“

Er sitzt im Sessel, der Fernseher flimmert, doch ohne dass es wummert. David G. lächelt. „Gut dass die Polizei hier war. Gut dass es uns noch gibt. Alles andere ist mir egal, ob die mich wegsperren oder nicht. Wenigstens ist die Gesundheit noch da.“

Radfahren, Beinpresse abends um zehn, Kniebeuge mit 50 Kilo oder so, das ist sein Tag. „Dann noch duschen, Vögel füttern, schlafen.“

„Was wollen Sie noch wissen? Fragen Sie.“

Alles okay.

Ich brauche die Gefahr. Sonst fühle ich mich tot.

David schnappt sich sein Rad, „wiegt nur 6,8 Kilo, nimm mal“, trägt‘s durch den Hausflur, stellt es auf das Straßenpflaster. „Auf den Reifen zehn Atü“, sagt er. „Sind eben sehr schmal.“

Donnerwetter!

„Ich mache 50 bis 60 km/h auf gerader Strecke.“

Ganz schön gefährlich.

„Kreuzgefährlich! Aber erst dann blühe ich so richtig auf. Ich brauche die Gefahr. Sonst fühle ich mich tot. Wie eingegraben. Ich hab mal in der Produktion gearbeitet Da machst du den ganzen Tag dasselbe, kommst heim, bist fertig von der Arbeit, machst am nächsten Tag wieder dasselbe. Das ist mir zu langweilig. Das ist für meinen Geist irgendwie nichts. Vielleicht hab ich die Krankheit“, sagt David. „Keine Ahnung. Tut aber nicht weh.“

Ach ja, sagt er, bevor man auseinandergeht, „hier hört man‘s manchmal knallen. Es gibt auf jeden Fall noch mehr von uns.“

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