Die Geschichte einer Parteizeitung (6): Vorgegebene Antworten

1965: Nazis im Westen und einen Thüringer, der das „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung“ erfand.

Am 4. Februar 1965 berichtete „Das Volk“ ausführlich über die 11. Volkskammertagung. Foto: TA

Am 4. Februar 1965 berichtete „Das Volk“ ausführlich über die 11. Volkskammertagung. Foto: TA

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Im Dezember 1965 fragte „Das Volk“ in der Rubrik Leserforum: „Was macht die Deutschen beliebt?“ Aufhänger war eine nicht näher erläuterte „Umfrage in kapitalistischen Ländern“, die ergeben habe, „dass die Deutschen hinter den Amerikanern die unbeliebteste Nation der Welt“ seien. Unter der erstaunlich gesamtdeutschen Überschrift folgte schließlich die entscheidende Frage: „Haben wir als DDR-Bürger es nötig, uns diesen Schuh anzuziehen? Haben wir nicht auf eigenen Fleiß und eigenes gutes Benehmen gegründet, ganz andere Erfahrungen gemacht?“

Zwanzig Jahre nach Kriegsende kam eine neue Generation relativ früh in Verantwortung: die im Krieg Geborenen. Die hatten ein neues Selbstbewusstsein, aber der Krieg, die Frage nach den Tätern und nach den Antifaschisten, sollte ein dauerhaftes Begleitthema dieser Jungen bleiben. Die Antworten, im Westen eher Ergebnis von Konfrontationen, vor allem in der Studentenbewegung ausgetragen, waren im Osten als antifaschistische Staatsdoktrin von vornherein vorgegeben – von quasi unantastbaren Autoritäten in Partei und Regierung.

Gibt es nicht verschiedene Deutsche?“, fragte das „Volk“ in dem besagten Leserforum und war dabei recht pauschal auf ein Eigenlob aus. Antifaschismus als Trennlinie von Gut und Böse – der Kalte Krieg lebte von Gegensätzen. „Das Problem Eichmann ist ein Problem Bonn!“ hieß es im „Volk“ oder „Die Blutspur führt nach Bonn!“

Regelmäßig brachte die DDR- Presse jene wirksame Karte ins Spiel, für die die SED seit Jahren schon handfeste Beweise in Dokumentationen und sogenannten Braunbüchern vorgelegt hatte: die Existenz von Nazi-Größen und Kriegsverbrechern in wichtigen Ämtern der Bundesrepublik.

Völlig tatenlos war „der Westen“ zwar nicht, denkt man an das Engagement des hessischen Generalstaatsanwaltes Fritz Bauer, der den ersten Auschwitz-Prozess (1963–1965) ins Rollen brachte. Dennoch war er die große Ausnahme. Was die Wirkung von Anti-Nazi-Artikeln aus der DDR verstärkte, war – abgesehen von der reißerisch-propagandistischen Verpackung – ihre weitgehende faktische Stichhaltigkeit.

Diskreditierung von West-Repräsentanten

Ein regionales Beispiel bringt am 10. April 1965 „Das Volk“ unter der Überschrift: „Der Mörder von Albert Kuntz lebt unbehelligt in Essen“. Es geht um den Mord an einem bekannten Thüringer KPD-Funktionär und Reichstagsabgeordneten im KZ-Lager „Mittelbau Dora“ nahe Nordhausen, einer unterirdischen Produktionsstätte für die „Wunderwaffe“ V2. Kuntz organisierte dort die Sabotage in der Waffenproduktion und wurde im Januar 1945 brutal zu Tode gefoltert.

Zum 20. Jahrestag der Befreiung des Lagers Buchenwald durch US-amerikanische Truppen (eine Selbstbefreiung in der DDR-Version) erschien der Artikel über den bislang unbestraften Mörder Sander, der in Essen als biederer Geschäftsmann unter dem Namen Sabinski sein Geld verdiene.

Der Leser erfährt hier von den Recherchen einer „ehrenamtlichen Redaktion Buchenwald“, die den mehrfachen Gestapo-Totschläger ausfindig gemacht habe. Was stand hinter dieser ehrenamtlichen Redaktion? Und wer gehörte dazu?

Die ehrenamtliche Redaktion, der zum Beispiel der damalige Gedenkstättenleiter von Buchenwald, ein Redakteur vom „Volk“ und ein Mitarbeiter der SED-Kreisleitung Nordhausen (später Leiter der Gedenkstätte Mittelbau Dora) angehörten, sie war selbst wiederum Teil einer größeren Strategie. Zentral geplant, sah die folgendermaßen aus: Um der drohenden Verjährung von NS- und Kriegsverbrechen in der Bundesrepublik zuvorzukommen, versuchte die SED, den Anwalt Professor Dr. Friedrich Karl Kaul bei sämtlichen derartigen Verfahren im Westen als Vertreter der Nebenklage zu installieren.

Bürger der DDR sollten nicht selbst als Zeugen vor bundesdeutschen Gerichten erscheinen. Betreffende Rechtshilfeersuchen aus dem Westen ließ man gezielt ins Leere laufen.

Ostdeutsche, die von westdeutschen Staatsanwälten bereits kontaktiert worden waren, erhielten mehrjährige Ausreisesperren, wie aus MfS-Unterlagen ersichtlich ist. Rechtsanwalt Kaul, einer der wenigen Ostdeutschen mit Zulassung für westdeutsche Gerichte, sollte die Vertretung für möglichst viele Opfer von NS-Gewalt aus der DDR und Osteuropa übernehmen.

Dafür wurde geradezu generalstabsmäßig nach Überlebenden und Zeugen gesucht. Über mehrere Jahre waren Arbeitsgruppen von Staatssicherheit, Justiz, von Wissenschaftlern der Humboldt-Uni Berlin unter der Regie des ZK damit befasst, Informationen für die Arbeit der Nebenklage zu liefern.

In den Papieren des MfS lassen sich dabei die zwei zentralen Fragen der Suche ausmachen. Hier wird Klartext gesprochen: Welche heute noch existierenden westdeutschen Firmen waren im „Mittelbau Dora“ tätig? Welche Prominenten aus Politik und Wirtschaft lassen sich in diesem Zusammenhang in den Zeugenstand rufen?

Der propagandistische Mehrwert lag also in der Diskreditierung von westdeutschen Firmen und Repräsentanten. So vielen und so wichtigen wie möglich. Ein ambitioniertes Ziel war (Stasi-Akten zufolge), den Bundespräsidenten Heinrich Lübke in Zusammenhang mit dem Bau des Nebenlagers Dora zu bringen und in den Zeugenstand zu zwingen.

Das ist, als der „Mittelbau Dora“-Prozess gegen Sander und andere von 1967 bis 1970 in Essen stattfand, nicht gelungen. Der Mörder von Albert Kuntz erhielt eine Strafe von siebeneinhalb Jahren, die er letztlich nicht absitzen musste.

Das schnelle Ende eines neuen Planungssystems

So bestimmend das Freund-Feind-Schema blieb, es führte Ostdeutschland wirtschaftlich nicht auf die Überholspur. Der diktatorische Ulbricht war Realist genug, neue ökonomische Konzepte zu probieren, die die DDR-Wirtschaft effizienter, eigenverantwortlicher und attraktiver machen und sie partiell aus der völligen Vormundschaft der Sowjetunion lösen sollten.

Das Ganze hieß abgekürzt NÖSPL: Neues ökonomisches System der Planung und Leitung.

Und der Mann, der als Vater von NÖSPL galt, war Erich Apel, damals Chef der staatlichen Plankommission und stellvertretender Ministerpräsident. Republikweit ist er nicht sonderlich bekannt gewesen – außer in Thüringen, wo er im Kreis Sonneberg aufgewachsen war, in Neuhaus Werkzeugschlosser gelernt hatte, in Ilmenau zum Ingenieur ausgebildet worden war und außerdem in Erfurt für die Volkskammer kandidiert hatte.

Dieser wichtigste (und mit 48 Jahren ziemlich junge) Planer der DDR-Wirtschaft machte am 4. Dezember 1965 unvorhergesehen Schlagzeilen. Am Tag der Unterzeichnung neuer Wirtschaftsverträge mit der UdSSR fand man ihn tot an seinem Schreibtisch.

Einschüsse am Kopf und die Dienstwaffe in der Hand. In aktuellen Lexika ist zu lesen, es habe alles „auf einen unnatürlichen Tod“ gedeutet. Bleibt die Frage: War es Selbstmord – oder etwa nicht?

Mit dem Wort Selbstmord tat sich die DDR-Presse so schwer, dass nirgends ausdrücklich davon die Rede war. Apel sei „aus dem Leben geschieden“, nach einem „plötzlichen Nervenzusammenbruch“ und „in einer dadurch hervorgebrachten Kurzschlussreaktion“, hieß es überall. Auch im „Volk“ erschienen große Gedenkartikel auf Seite eins, Staatstrauer war angeordnet, die Flaggen auf Halbmast. Apel, so hieß es im Blatt, sei ein Anhänger „der unverbrüchlichen Freundschaft zur Sowjetunion“ gewesen.

Was die biografische Würdigung des Toten ausließ, war seine Arbeit als dienstverpflichteter Ingenieur in Peenemünde und Nordhausen, weswegen sich die sowjetischen Freunde den Raketenspezialisten von 1946 bis 1952 für ihre eigene Forschung „ausgeliehen“ hatten.

Könnte Apel mit seiner Arbeit für die „Wunderwaffe“ erpresst worden sein, wie Historiker heute gelegentlich mutmaßen? Sein Tod war ominös und warf auch ohne Kenntnis der Biografie viele Fragen auf.

Klaus Dieter Müller, damals gerade 30 Jahre alt und erst zwei Jahre Redakteur beim „Volk“, erinnert sich, dass es seinerzeit Ärger gab in der Redaktion, wegen einer Ausgabe des „Spiegel“, die aus dem Zimmer des Chefredakteurs verschwunden war. Im „Spiegel“ gab es nämlich zehn Tage nach dem Tod einen Artikel, überschrieben „Schuss im Büro“.

Der erklärte, Apel habe zur Pistole gegriffen, damit er nicht zur Feder greifen musste. Soll heißen, nicht die ungünstigen Verträge mit der Sowjetunion unterzeichnen musste.

„Das Volk“ brachte die von ADN gelieferten Texte, die neben Trauerbezeugung und ehrendem Gedenken nichts Neues mitteilten. Wer mehr wissen wollte, war automatisch an die Westpresse verwiesen.

Zwar wusste der „Spiegel“ über den tatsächlichen Hintergrund des Todes von Apel nicht wesentlich mehr, doch sprach er das Wenige deutlich aus und skizzierte das Skandalöse des Ganzen. Immerhin hatte sich schon ein Vorgänger Apels im Amt das Leben genommen: Ger-hart Ziller.

Was ostdeutsche Journalisten vielleicht selbst in der Begegnung mit dem Wirtschaftslenker Apel empfunden hatten, aber nirgends schreiben konnten, äußerte der „Spiegel“ quasi für sie mit: „Gerade den jungen DDR-Bürgern galt Apel als Vertreter jenes fortschrittlichen Funktionärstyps, dem Sachlichkeit mehr bedeutet als einfallsloser Dogmatismus und der Ideen nicht allein deshalb schon für des Teufels hält, weil sie aus dem Westen kommen.“

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