Die meisten Vergiftungen ereignen sich im Haushalt

Erfurt. Die Erfurter Gift-Experten können auch vor gefährlichen Trends oder Produkten warnen.

Helmut Hentschel, der Leiter des Giftinformationszentrums. Archivfoto: Martin Schutt/dpa

Helmut Hentschel, der Leiter des Giftinformationszentrums. Archivfoto: Martin Schutt/dpa

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Sie sind so etwas wie Sensoren: Die drei Ärztinnen und zwei Apothekerinnen samt des Leiters und seines Stellvertreters beim Giftinformationszentrum in Erfurt. Wenn irgendwelche Produkte auf dem Markt gekommen sind, die beispielsweise Kleinkinder wegen ihrer leuchtenden Farben oder des aufregenden Duftes zum Kosten anregen, dann bemerken die Experten am Telefon das häufig als erste. Denn plötzlich schnellen Nachfragen zu bestimmten Produkten nach oben.

Kleinkinder interessiert alles Bunte

Das geschah vor Jahren einmal mit bestimmten Ölen für Duftkerzen und auch Auskünfte zur Wirkung bestimmter WC-Reiniger nach dem Verschlucken waren vor längerer Zeit sehr gefragt. Solche ganz speziellen Entwicklungen registrierten die Mitarbeiter des Giftinformationszentrums in Erfurt im Vorjahr nicht. Dass vor allem der heimische Haushalt viele Gefahren birgt, bestätigen sowohl die Zehnjahres-Statistik wie auch die Anruferzahlen aus dem Vorjahr.

Trotz immer auffälligerer Warnhinweise auf Verpackungen für Reinigungsmittel, immer längerer Beipackzettel bei Medikamenten steigt die Zahl hilfesuchender Anrufer immer weiter an.

Etwa ein Drittel von ihnen benötigte im Vorjahr Hilfe, um ein Kleinkind zu retten. Haushaltsreiniger, Arznei und Pflanzen hatten die Kleinen zumeist gekostet und dann nicht vertragen. Mit Abstand am meisten wurden im Vorjahr Auskünfte zu verschluckten Kohlenanzündern erbeten, danach folgten Geschirrspülmittel und aufgebissene Knicklichter.

Besonders erschreckend ist die Bilanz bei erwachsenen Menschen. Denn die mit Abstand häufigste Vergiftungsursache waren Suizide. Die Erfurter Experten haben dann neben Ärzten oder Rettungssanitätern auch völlig überforderte Angehörige am Telefon, die Hilfe erwarten, um ein Leben zu retten.

Der Rat der Erfurter Experten wird in Krankenhäusern und bei den Rettungsdiensten geschätzt. Fast die Hälfte aller Anrufe erreichte das Giftinformationszentrum aus diesem Bereich. Ein Drittel aller Anrufer waren Privatpersonen. Eltern, deren Kinder plötzlich Bauschmerzen haben, nachdem sie etwas verschluckt hatten oder eben Angehörige lebensmüder Menschen. Auffällig ist, dass sich in den vergangenen zehn Jahren mit Abstand die meisten Vergiftungen im heimischen Haushalt zugetragen haben. Das betraf mehr als zwei Drittel aller Anrufe.

Selten meldeten sich Kindergärten und Schulen. Sicherlich hat das auch damit zu tun, dass im Fall einer möglichen Vergiftung eines betroffenen Kindes oder Schülers eher der Rettungsdienst als das Giftnotruf gewählt wurde. Offenbar lauern aber in Bildungseinrichtungen auch deutlich weniger Vergiftungsgefahren als zu Hause.

Erfreulich ist auch, dass bei nur zwei Prozent der Kinder mit Vergiftungsverdacht wirklich akute Symptome vorlagen. Zwei Drittel der Betroffenen zeigen gar keine oder nur leichte Reaktionen, so dass Eltern oder Ärzte sehr gute Chancen hatten, dem Kind wirkungsvoll zu helfen.

Dr. Helmut Hentschel, der Leiter des Giftinformationszentrums, weist allerdings darauf hin, dass Vergiftungen einen sehr dynamischen Verlauf haben können und daher anhand der Anrufe die wirkliche Schwere nicht abschließend eingeschätzt werden könne. Allerdings zeige sich, dass bei Erwachsenen schwere und sogar lebensgefährliche Vergiftungen deutlich häufiger auftreten als bei Kindern.

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