Die Stasi war in Nordhausen kein Staat im Staat: Neue Forschungsergebnisse vorgestellt

Eine neue Forschungsarbeit belegt: Die wahre Macht in Nordhausen hatte vor der Wende die SED. Die Stasi war lediglich Befehlsempfänger

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Foto: Stephanie Pilick

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Sie sind eine der dienstältesten Mitarbeiterinnen der Stasiunterlagenbehörde in Berlin. Wie kommen Sie darauf, ausgerechnet die Kreisdienststelle der Stasi in Nordhausen so ausführlich zu untersuchen?

Den Vorschlag unterbreitete der Leiter der Außenstelle der Unterlagenbehörde in Erfurt. Ich habe die Aktenlage der KD Nordhausen gesehen und war begeistert. Nicht zuletzt gibt Nordhausen ein ziemlich repräsentatives Bild der DDR. Der Landkreis hatte Industrie, Landwirtschaft, aber auch die Grenznähe. Er war im Grunde wie eine kleine DDR.

Von wie vielen Kreisdienststellen gibt es solche Forschungen?

Es handelt sich hier nach einem internen Gutachten der Stasiunterlagenbehörden um eine Pionierarbeit. Ich habe Akten aus 40 Jahren ausgewertet und so ein geschlossenes Bild erhalten. Es hatte wohl auch niemand geahnt, dass ich so in die Tiefe gehen würde, Tausende Akten habe ich gesichtet. Es existieren zu einigen Dienststellen Broschüren, nicht aber solche Ausarbeitungen.

Welche Quellen haben Sie verwendet?

Natürlich Sekundärliteratur, nahezu zu 95 Prozent aber Akten. Den Leser interessiert, was dort drin steht. Zumal ich die Chance habe, sie ohne Schwärzungen zu lesen. Mich hat gefreut, dass es nach der Arbeit ein Lob für meine objektive Herangehensweise gab. Es ging mir nicht darum, zum Stasijäger zu werden.

Das Buch geht sehr offen mit den damaligen Verhältnissen, aber auch mit den handelnden Personen um. Haben Sie keine Bedenken, jemanden schädigen zu können?

Rechtlich betrachtet, besteht kein Zweifel. Die Arbeit wurde nach dem Stasiunterlagengesetz geprüft. Es sind auch keine Namen genannt. Wer das Buch aber genau liest, wird erkennen, dass es sich hier nicht um eine Abrechnung mit der Staatssicherheit handelt, wie es in den 1990er-Jahren so oft geschah. So kläre ich beispielsweise darüber auf, dass es zwar 1988/89 rund 600 Inoffizielle Mitarbeiter, also IMs, gab, aber die Hälfte davon waren im Jahr 1988 Karteileichen, was auch die Untersuchung der Kreisdienststelle durch die Bezirksverwaltung Erfurt intern bestätigte. Mein Anliegen ist es, auch Beispiele aufzuzeigen, bei denen Menschen zwar in den Akten als IMs geführt wurden, aber dies gar nicht waren beziehungsweise wollten. Deshalb geht es mir auch gar nicht darum, wie viele IMs auf wie viele Einwohner kamen. Wissen Sie, eine flächendeckende Überwachung gab es nicht. Und es gab auch Menschen, etwa in den Betrieben, die wegen ihrer Stellung mit dem MfS sprechen mussten. Auf der anderen Seite wissen wir jetzt, dass mehr als 30 Prozent der Denunzierungen bei der Stasi allein an der Grenze nicht von IMs ausgingen, sondern von zivilen Personen, also von dem Mann oder der Frau von nebenan.

Viel Raum widme ich auch den sogenannten Gesellschaftlichen Mitarbeitern für Sicherheit (GMS), die vor lauter IMs gern vergessen werden. Nach dem mehrjährigen Studium der Akten komme ich zum Ergebnis, dass nur 15 Prozent der im Jahre 1989 noch aktiven GMS-Vorgänge mit dem MfS wie IM zusammengearbeitet haben.

Wie viele Menschen arbeiteten tatsächlich freiwillig mit der Stasi zusammen?

Das ist schwer zu sagen. Wir wissen aber, dass es viele taten, um etwa beruflich weiterzukommen. Wer als Wissenschaftler an Kongressen im Ausland teilnehmen wollte, war prädestiniert, von der Stasi angesprochen zu werden. Aber es gibt unzählige Beispiele, bei denen Menschen ihre Mitarbeit schriftlich festhielten, jedoch nie etwas lieferten. Manche lehnten auch das Konspirative ab und sagten nur das, was sie auch sonst öffentlich preisgeben würden.

Es gibt nicht wenige Menschen, die das Kapitel Stasi gern ­begraben würden. Wie stehen Sie dazu?

Ich kann diesen Wunsch nachvollziehen und bin selbst der Meinung, dass das Interesse viel zu stark auf die Staatssicherheit gelenkt wurde. Dass dies so war, ist den Genossen der SED zu verdanken, die ihre Schuld auf die Stasi abschoben.

Deshalb sollte endlich das Verhältnis der Stasi zur SED erforscht werden. Viel zu sehr wurde bisher die Partei als Befehlsgeber unterschätzt. Die Stasi war kein Staat im Staat. Der Leiter der Kreisdienststelle Nordhausen hatte nicht die größte Macht. Dies war der erste Kreissekretär. Was der gesagt hat, war wie das Wort des Papstes in Rom.

Die Stasi, das wird viele verwundern, war in Nordhausen weniger konspirativ als gedacht. Sie hat kaum konspirative Wohnungen für die Treffs aufgesucht, traf sich in Gaststätten, Diensträumen oder Autos, pflegte gar nicht selten einen kumpelhaften Umgang.

Sie sagten, es gebe kaum vergleichbare Forschungen. Wie wichtig ist es, auch andere Kreisdienststellen aufzuarbeiten?

Sehr wichtig, wenn wir Vergleiche ziehen wollen. Ich werde nun die KD Brandenburg untersuchen.

Die TA veröffentlicht anlässlich der Neuerscheinung des Buches einen Dreiteiler zur Stasi in Nordhausen. Die ersten beiden Teile erschienen am 13. und 19. Dezember. Ein weiterer folgt zwischen den Jahren.

Das Buch „Die KD Nordhausen“ von Hanna Labrenz-Weiß ist unter der Internetadresse

https://www.bstu.bund . de/DE/Wissen/Publikationen/Publikationen/E_labrenz-weiss_kd-nordhausen.html

kostenfrei herunterzuladen oder für eine Schutzgebühr von fünf Euro zu bestellen.

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