Die Ungleichung: Vom Glück und den Schwierigkeiten einer Thüringer Familie mit sieben Kindern

Familie Gräbner aus Löhma im Saale-Orla-Kreis hat sieben Kinder. Ein Gespräch über den Alltag und die Vorschläge von Jens Spahn, Kinderlose mehr zu belasten.

Doreen Gräbner mit Luisa, Elias, Hanna und Johann auf dem Hof ihres Hauses. Die beiden ältesten Kinder  Melissa und Jasmin waren noch in der Schule, ihr Mann in der Tischlerei und Linda war es zu kalt im Schnee. Die Gräbners sind zu neunt, im März erwartet die Mutter ihr achtes Kind.

Foto: Elena Rauch

Dienstagnachmittag, auf dem Hof vor dem alten Bauernhaus bringen Elias und Johann den Schlitten in Position, Hanna schiebt. Die Geschwister genießen den ersten Schnee. Linda und Luisa ist es zu kalt, sie bleiben lieber im Haus, die beiden ältesten sind noch in der Schule. Melissa will im übernächsten Jahr ihr Fachabitur machen, Jasmin besucht ein Gymnasium in Saalfeld. Zusammen sind sie sieben und im März erwartet ihre Mutter Doreen Gräbner das achte Kind.

Die Gräbners gehören zu den Familien, die gewissermaßen auf der gegenüberliegenden Seite der Debatte stehen, die entbrannt ist seit Gesundheitsminister Jens Spahn vorschlug, Kinderlose mit höheren Sozialabgaben zu belasten. Oder in die Verantwortung zu nehmen, je nach Sichtweise.

Der Verband der kinderreichen Familien in Deutschland hat sich unlängst hinter Spahns Vorschläge gestellt. Nicht, um Kinderlosigkeit zu bestrafen, sondern um „die Leistungsbewertung in der Gesellschaft fair zu halten.“ So sieht es auch der Thüringer Verband, so sieht es auch Doreen Gräbner.

Am großen Tisch in der Küche erzählt sie beim heißen Tee, wie sie diesen Alltag stemmt. Um es vorweg zu sagen: Es soll kein Klagelied werden – und Geld ist nicht alles. Sie liebt dieses Leben mit ihren Kindern. Zu erleben, wie jedes Einzelne aufwächst und dabei so unverwechselbar Eigenes entwickelt, das sei ein Glück. Nicht, dass sie und ihr Mann vor 20 Jahren eine Großfamilie geplant hätten. Aber dann ist das Leben so gekommen. Und es gut wie es ist.

Es würde, hatte sie am Telefon gewarnt, kein ruhiges Gespräch werden. Da hat sie recht. Elias kommt und fragt nach Schokolade, Luisa möchte aus dem Kinderbuch vorgelesen bekommen, Linda eine Kindersendung sehen . . . Etwas ist immer. Aber immer fügt es sich ohne Aufregung.

Sie ist Krankenschwester und hat bis vor der Geburt ihres dritten Kindes im Saalfelder Krankenhaus im Drei-Schicht-System gearbeitet. Dann wurden die anderen fünf Kinder geboren. 2017, als Luisa in die Kita kam, wäre sie gern wieder in die Klinik zurückgekehrt, aber drei Schichten und sieben Kinder, das geht nicht zusammen. Sie fand eine befristete Teilzeitstelle in der Hautklinik von Leutenberg. Ihr Mann Matthias ist als Tischler angestellt.

Natürlich braucht ein solcher Alltag einen unsichtbaren Schrittmacher, noch mehr als eine kleine Familie. Viertel vor fünf klingelt bei den Eltern der Wecker. Fünf Mal Pausenbrote belegen, Frühstück machen, die Kleinen anziehen, der Morgen ist getaktet auf die Minute, anders geht es nicht. Der große Tisch in der Küche ist so etwas wie das Ortszentrum der Familie. 19 Uhr sitzen sie hier zum Abendessen, einmal am Tag alle an einem Tisch, das ist den Eltern wichtig.

Wenn man Doreen Gräbner nach einem Wunsch fragt, sagt sie Zeit. Nur für mich. Aber, schiebt sie hinterher, nach einem Tag würde mir das alles fehlen. Nein, es ist gut, wie es ist.

Wirklich alles? Zeit über Geld zu reden.

Mit den Gehältern, dem Kindergeld und dem Wohngeld, das sie vom Sozialamt beziehen, hat die Familie etwas über 4000 Euro im Monat zum Leben. Das mag sich nicht schlecht anhören, aber sie sind zu neunt. Nach Abzug aller Kosten für Telefon, Strom, Wasser, Versicherungen und Lebensmittel bleibt nicht viel übrig für Extras. Vom Kindergeld zweigen die Eltern Beiträge für Ausbildungsversicherung der Kinder ab. Den wöchentlichen Einkauf erledigt ihr Mann. Da kommen sie mit 150 Euro hin, weil sie auf dem Hof Geflügel und Schafe nicht nur zum Spaß halten und im Garten Gemüse wächst.

Natürlich ist Geld nicht alles. Aber Geld gibt einen Rahmen vor für Vieles, was man den Alltag einer Familie nennt.

Einen gemeinsamen Kinobesuch gibt es einmal im Jahr, das kommt vom Nikolaus. Nähere Erörterungen müssen entfallen, weil Elias gerade mit am Tisch sitzt. Zweimal im Jahr gibt es für jedes Kind neue Schuhe, weil man die nicht wie Hosen und Jacken weiterreichen kann. Das letzte Mal waren sie vor drei Jahren alle zusammen im Urlaub, sie hatten Glück mit der großen Ferienwohnung an der Ostsee. Mit solchen Einschränkungen, sagt Doreen Gräbner, könne sie gut leben. Mit anderen weniger. Und die haben auch mit Geld zu tun, aber nicht nur.

Zum ersten Februar zum Beispiel sollen die Kita-Gebühren erhöht werden und auch die Nachlässe für Geschwister werden anders berechnet. Dann müssten die Gräbners fast 400 Euro monatlich für die Betreuung berappen, das beitragsfreie Kita-Jahr für Linda ist da schon einberechnet. Wir hatten, bemerkt Doreen Gräbner, alle Kinder in der Einrichtung, aber das zählt nicht. Das zu ändern wäre vielleicht noch so ein Wunsch.

Das alte Bauernhaus hat Doreen Gräbners Mann von seinen Eltern geerbt. Als das Dach neu gedeckt werden musste, bemühten sie sich bei drei Banken vergeblich um einen Kredit. Bei sieben Kindern sei das Risiko zu groß. Das Armutsrisiko, wie sie sagten.

Die Eltern nutzen die Hilfen, die ihnen aus dem Bildungspaket für ihre Kinder zustehen – für zusätzliche Ausgaben in der Schule oder um Hobbys im Verein möglich zu machen. Hanna, Johann und Elias spielen Fußball. Hanna nimmt Gitarrenunterricht und geht zum Samba-Kurs.

Es ist gut, dass es diese Möglichkeit gibt, sagt Doreen Gräber. Einerseits. Andererseits muss man, wenn zum Beispiel wieder einmal eine Klassenfahrt ansteht oder ein Kinobesuch, jedes Mal mit einem Zettel in der Schule vorsprechen.

Er macht sichtbar, was in der Schule eigentlich niemanden angehen sollte. Er stigmatisiert.

Das würde sie ihren Kindern gern ersparen. Sozialverbände fordern schon lange an Stelle dieses Prozedere eine Grundsicherung für Kinder.

Und da sind die vielen subtilen Signale, die sie von ihrer Umwelt empfängt. Sind das alles Ihre? Manchmal fragen Passanten ungläubig, wenn auf dem Parkplatz ein Kind nach dem anderen aus dem Auto klettert. Ja, das sind alles meine, antwortet sie dann schnell. Manchmal begegnet ihr ein aufmunterndes Lächeln. Aber öfter verraten die Blicke anderes. Unverständnis. Abwehr. Verachtung. Den lauernden Verdacht, es könne sich hier nur um einen sozialen Problemfall handeln. Manchmal genügt schon eine Geste, und sie liest die Botschaft. Sie hat mit den Jahren feine Antennen dafür entwickelt.

Und manchmal werden Menschen sehr deutlich. Wieso sie so viele Kinder in die Welt setze, hatte ihr eine verärgerte Frau zugeraunt, als die Familie bei der Einschulungsfeier von Johann einen großen Teil der Sitzreihe belegte.

So etwas, sagt Doreen Gräbner, trifft. Das schüttelst du nicht einfach ab.

42 Jahre ist sie jetzt alt. Sie zahlt den Mindestbetrag für eine Riester-Rente. Das ist, bemerkt sie skeptisch, besser als überhaupt nichts. Mehr Vorsorge ist nicht drin. Auf dem letzten Bescheid, den ihr Rentenversicherung schickte, ist wegen ihrer langen Erziehungszeiten kein Betrag verzeichnet, mit dem sie rechnen kann. Im Jahr 2050, schätzen Demografen, werden auf einen Rentner 1,54 Beitragszahler kommen. Rechnerisch ließe sich sagen: Doreen Gräbner geht mit ihrer Erziehungsleistung in Vorkasse für andere.

Aber so sagt sie es natürlich nicht. Die Statistik ist das eine, und sie will keine Front zwischen Kinderlosen und Kinderreichen aufmachen. Nicht jede Kinderlosigkeit ist gewollt, und jeder hat ein Recht auf seinen Lebensentwurf. Sie und ihr Mann haben ihren ja auch nicht gewählt, um einen Generationenvertrag zu überbieten, sondern weil es ihre Vorstellung von Erfüllung ist.

Trotzdem. Wenn sie auf ihre Rentenzeit blickt, wird aus der Rechnung eine Ungleichung. Sie gibt dem Verband der kinderreichen Familien recht, wenn der mit Blick auf Spahns Vorschläge Generationsgerechtigkeit anmahnt. Sie müsse der demografischen Realität angepasst werden. Die Wege müsse die Politik finden. Sie fände es schon gut, wenn ihre Erziehungsleistung mehr gewürdigt würde, als mit einigen Rentenpünktchen.

Hintergrund: In 25.000 Thüringer Familien wachsen drei und mehr Kinder auf

Von den etwa 288.000 Thüringer Familien mit Kindern unter 18 Jahren sind 177.000 Familien mit einem Kind. In jeder dritten Familie wachsen zwei Kinder auf. Lediglich 25.000 Familien haben drei Kinder und mehr – das sind keine zehn Prozent. Unter diesen kinderreichen Familien haben knapp 4000 vier Kinder und lediglich 80 Familien ziehen sieben Kinder groß.

Der Thüringer Verband kinderreicher Familien stellt sich hinter die Vorschläge nach größeren Sozialabgaben von Kinderlosen. Es geht, stellt die Landesvorsitzende Katrin Konrad klar, nicht um „Bestrafung“ von Kinderlosen und man wolle auch nicht Familienmodelle gegeneinander ausspielen. „Wer sich für den beruflichen Weg und Karriere entscheidet und damit zeitlich stark eingebunden ist, wird hoffentlich durch ein ansprechendes Entgelt entlohnt. Dass muss er aber auch nutzen, um für sein Leben und Alter vorzusorgen“, so die Verbandschefin.

Wer sich für Kinder entscheide und berufliche, finanzielle und zeitliche Einschränkungen im Alltag erfährt, darf im Altern nicht nachteilig behandelt werden, weil er weniger Zeit hatte, Rentenpunkte zu sammeln, begründet sie die Haltung des Verbandes.

Zu den Kommentaren
Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.