Drei Fallschirme schwebten 1944 über Tunzenhausen auf die Erde

Tunzenhausen (Landkreis Sömmerda). Bis heute hält sich das Gerücht, dass diese Soldaten aus dem brennenden Flugzeug vom Drachenschwanz stammen.

Ohne Besatzung flog diese B-17 noch 140 Kilometer bis in die Nähe von Wetzlar. Quelle: Sammlung R. Klug

Ohne Besatzung flog diese B-17 noch 140 Kilometer bis in die Nähe von Wetzlar. Quelle: Sammlung R. Klug

Foto: zgt

Ohne Widerstand lassen sich die überlebenden jungen Männer gefangen nehmen. Am gleichen Tage transportierte man die Gruppe nach Erfurt-Bindersleben und von dort direkt in ein Kriegsgefangenenlager. Das Flugzeug schlägt unweit des sogenannten Drachenschwanzes auf, zerbricht in drei große Teile und brennt aus. Noch heute findet man abgeschossene Patronenhülsen und die große Anzahl lässt erahnen, welchen verzweifelten Kampf die jungen Männer um ihr Leben geführt haben.

Vielen Tunzenhäuser Einwohnern, vor allem den Jugendlichen, blieb das Geschehen am Drachenschwanz nicht verborgen. Einige konnten bis zu dem brennenden Wrack gelangen und die umherliegende Munition aufsammeln. Als dann deutsche Soldaten eintrafen, wurde die Absturzstelle abgesperrt und später beräumt. Zur gleichen Zeit schwebten drei Fallschirme über Tunzenhausen und bis heute hält sich das Gerücht, dass diese Flieger aus dem brennenden Flugzeug vom Drachenschwanz stammen...

Soldaten ins "Dorfgefängnis" gesperrt

Die acht überlebenden Soldaten des "Drachenschwanzbombers" wurden am gleichen Tag nach Erfurt gebracht. Die drei Fallschirmspringer im Dorf Tunzenhausen wurden jedoch nach ihrer Gefangennahme über Nacht im "Dorfgefängnis" eingesperrt und erst am anderen Tag, nachdem man sie durchs Dorf geführt hatte, an Soldaten des Luftzeugamtes Kölleda übergeben. Keine fliegende Festung hatte 13 Mann Besatzung. Was war also geschehen?

Ich nahm mir wieder alle Verlustmeldungen und Abschussberichte dieses Tages vor und stieß dabei auf eine deutsche Meldung über fünf amerikanische Soldaten, welche am 20. Februar 1944 im Großraum Eisenach gefangen genommen wurden und auf Grund der vorhandenen Verwundungen alle ins Lazarett Obermaßfeld eingeliefert wurden. Die Namen der Soldaten konnte ich recht schnell einem Flugzeug zuordnen und so stieß ich auf folgende Geschichte:

Der Geisterflug der "Flying Fortress" mit der Kennnummer 42-39770. Im gleichen Angriffsverband wie die Besatzung Lt. Harold G. Richard befand sich die Besatzung der fliegenden Festung unter dem Kommandant Leutnant Harvey. M. Jessen.

Auch die Maschine des Leutnant Jessen wurde in einen heftigen Luftkampf mit deutschen Jagdfliegern verwickelt. Der rechte Innenmotor geriet in Brand und der obere Abwehrturm der Maschine erhielt mehrere Treffer aus den 20 Millimeter Bordkanonen des angreifenden Jägers. Der Turmschütze und Bordingenieur William G. Belk wurde durch einen Kopfschuss und einen Treffer im Rücken sofort getötet.

Die fünf im Rumpf verzweifelt um sich schießenden Bordschützen erhielten alle mehr oder weniger starke Verletzungen durch die Splitter der Kanonengeschosse des Jägers. Der Pilot Harvey M. Jessen glaubte, das Flugzeug verloren und gab den Befehl zum Absprung aus der Maschine.

Dieser Befehl erreichte die Männer im Rumpf jedoch nicht, da die Sprechfunkverbindung durch den Beschuss ausgefallen war. Die vier Offiziere im vorderen Teil öffneten die Notausstiegsluke am Bug des Bombers. Zuerst sprang der Copilot, dann der Bombenschütze. Es folgte der Navigator und als letzter Offizier aus dem vorderen Teil sprang der Kommandant Leutnant Jessen aus dem Flugzeug.

Die Maschine flog mit eingeschalteter Kurssteuerung und qualmenden rechten Innenmotor weiter auf Kurs in Richtung Südwest. Der Absprung erfolgte in etwa 7000 Meter Höhe. Um schnell den Höhenbereich mit geringem Sauerstoff zu verlassen, ließ sich der Navigator mehr als eine Minute mit geschlossenem Schirm der Erde entgegen fallen.

Die drei anderen Offiziere öffneten ihre Fallschirme sofort. Der Navigator Donald Austin öffnete den Schirm also erst kurz vor der Erdoberfläche und landete an der Straßenkreuzung der B 86, 500 Meter nördlich von Kindelbrück. Die anderen drei Flieger wurden vom leichten Nordostwind abgetrieben und landeten in der Ortslage des Dorfes Tunzenhausen. Ein Soldat auf Heimaturlaub nahm einen Fallschirmspringer gefangen, der Dorfpolizist die beiden anderen.

Die drei Offiziere, welche am Fallschirm in Tunzenhausen landeten, wurden dem abgestürzten Bomber vom Drachenschwanz zugeordnet, doch das war ein Irrtum. Ihre vom Autopilot gesteuerte fliegende Festung flog führerlos weiter in Richtung Südwesten. Die Männer im Heck der Maschine hatten zwar den Entschluss zum Verlassen des Flugzeuges bereits gefasst, zunächst halfen sie sich jedoch gegenseitig, ihre Wunden notdürftig zu versorgen.

Als der Heckschütze Wilbur Brownlee nach den anderen Besatzungsmitgliedern im Bug der Maschine sehen wollte und feststellte, dass der Bordingenieur Belk tot unter der zerschossenen Kuppel lag und die Offiziere längst das Flugzeug mit dem Fallschirm verlassen hatten, kroch er zurück zu seinen Kameraden und half den Verletzten beim Absprung aus der hinteren Luke.

Mehr als 10 Minuten waren bereits seit dem Absprung der Offiziere vergangen und so landeten die fünf Kameraden nördlich von Eisenach an ihren Fallschirmen. Auf Grund ihrer Verwundungen wurde alle ins Reservelazarett Obermaßfeld eingeliefert. Hier starb der Bordschütze Robert Conrad Ende Mai 1944 an seinen Verletzungen. Für die anderen vier begann ebenfalls die noch fast einjährige Zeit der Kriegsgefangenschaft.

Das Flugzeug flog mit drei intakten Motoren und eingeschalteter Kurssteuerung weiter Richtung Südwest. Die Maschine verlor langsam an Höhe und nach weiteren etwa 140 Kilometern Flugstrecke erreichte es den Boden. Ganz sacht, mit noch drei laufenden Triebwerken setzte die Maschine zwischen Mudersbach und Altenkirchen im Landkreis Wetzlar auf einem gefrorenen Acker auf.

Schnell fand man den toten Belk im Rumpf. Aber von den anderen Besatzungsmitgliedern fehlte jede Spur, denn deren Absprung erfolgte bereits über Thüringen.

Am 20. Februar 1944 bekam der kleine Ort Tunzenhausen eine Episode des Luftkrieges über Deutschland zu sehen. Bis heute verknüpfte man die drei gefangen genommenen amerikanischen Besatzungsmitglieder mit dem brennenden Bomberwrack am Drachenschwanz. Erst durch die Auswertung amerikanischer Unterlagen konnte ich die tatsächlichen Geschehnisse rekonstruieren und nachweisen, dass der am Rande Kindelbrücks gelandeten Fallschirmspringer sowie die drei in Tunzenhausen am Schirm gelandeten Offiziere zusammengehören.

Die weiteren Mitglieder dieser Besatzung landeten in der Nähe Eisenachs und das Bombenflugzeug im Landkreis Wetzlar. An die drei Amerikaner, die am Nachmittag des 20. Februar 1944 mit ihren Fallschirmen in Tunzenhausen gelandet sind, können sich die älteren Einwohner des Dorfes noch gut erinnern. Sie wurden wie Wesen aus einer anderen Welt betrachtet. Was mag durch die Köpfe dieser jungen Männer in der Nacht im Dorfgefängnis gegangen sein? Man kann es nur erahnen...

  • Peter Hebel ist beruflich wie privat der Fliegerei seit vielen Jahren verbunden.

Wie der Luftkrieg seine Spuren in Tunzenhausen hinterlassen hat

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