Eichsfelder Genetiker an wichtigen Erkenntnissen beteiligt

Jena/Eichsfeld  Als sich vor etwa 7500 Jahren die Landwirtschaft in Mitteleuropa ausbreitete, wurden nicht nur die Techniken von einer Bevölkerungsgruppe an die andere weitergegeben. Es fand auch eine große Wanderungsbewegung von der heutigen Türkei (Anatolien) aus statt.

Institutsdirektor Professor Johannes Krause (35) hat nach seinem Abitur am Leinefelder Leibniz-Gymnasium (Leistungsfächer Mathe und Geschichte) und der Zivildienst-Zeit beim Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal in Leipzig und Irland Biochemie studiert. Foto: Holger John

Institutsdirektor Professor Johannes Krause (35) hat nach seinem Abitur am Leinefelder Leibniz-Gymnasium (Leistungsfächer Mathe und Geschichte) und der Zivildienst-Zeit beim Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal in Leipzig und Irland Biochemie studiert. Foto: Holger John

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Die aus Anatolien ausgewanderten Bauern vermischten sich mit den europäischen Jägern und Sammlern. Aus dem Erbgut der heutigen Europäer lässt sich noch heute die damalige Umstellung auf eine andere Ernährung, auf andere Umweltbedingungen und den engen Kontakt zu Tieren herauslesen.

Der gebürtige Leinefelder Johannes Krause, Direktor des Jenaer Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte, und sein Gruppenleiter Wolfgang Haak hab nun zusammen mit einem internationalen Forscherteam darüber neue Erkenntnisse gewonnen, die jetzt in der renommierten Zeitschrift „Nature“ veröffentlicht wurden.

Der Genetiker Johannes Krause (35) hatte nach seinem Abitur in Leinefelde Biochemie studiert und gehörte schon als junger Forscher im Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie zu dem Team, das das Neandertaler-Genom entschlüsselte. Auf ihn gehen auch die Entdeckung des Denisova-Menschen und weitere neue Forschungsergebnisse unter anderem zur Evolution von Tieren und Krankheiten zurück. Einige Jahre war er Professor an der Uni Tübingen.

Das Erbgut von 230 Menschen aus der Zeit von 6500 bis 300 vor Christi Geburt wurde für die neue Studie ausgewertet und mit dem von über 2300 heutigen Europäern verglichen. „Unser Datensatz umfasst einen Zeitraum, der von der späten und jüngeren Steinzeit über die Bronzezeit bis in die Gegenwart reicht und sich räumlich von der Eurasischen Steppe bis nach Spanien erstreckt“, sagt Johannes Krause. Darunter waren erstmals auch 26 Steinzeitbauern aus dem Westen der heutigen Türkei.

Wie Krause berichtet, wurde zwischen den anatolischen und mitteleuropäischen Steinzeitbauern eine „enge Verwandtschaft“ nachgewiesen. Eine sich ausbreitende bäuerliche Bevölkerung habe also vor rund 8000 Jahren das Wissen um Ackerbau und Viehzucht über Europa verbreitet. Die Forscher können nun auch nachvollziehen, wie sich bestimmte Merkmale der Menschen durchsetzten.

Europäer vertragen auch als Erwachsene Milch, wofür ein bestimmtes Gen verantwortlich ist. Hatte man zunächst gemeint, die entsprechende Genveränderung sei schon kurz nach der Domestizierung des Rindes (um 8000 vor Christus) erstmals aufgetreten, so stellten Krause und Kollegen nun mit den neuen Daten fest, dass es diese erst seit 4300 bis 4200 Jahren gibt.

Und zur gleichen Zeit seien erstmals genetische Varianten einer besseren Versorgung mit Vitamin D aufgetreten, die bei Nordeuropäern am häufigsten ist. „Diese Varianten werden auch im Zusammenhang mit einer helleren Haut der heutigen Europäer gesehen, die aufgrund ihrer höheren Lichtdurchlässigkeit dazu beiträgt, die Vitamin-D-Versorgung in sonnenärmeren Gegenden sicherzustellen“, erklärt Krause. Dabei seien die anatolischen Steinzeitbauern viel hellhäutiger als die alten Jäger und Sammler Europas gewesen. Auch dieses Merkmal habe sich, zusammen mit der neuen Lebensweise, von der heutigen Türkei aus schnell in Europa ausgebreitet.

Die neue Studie weist außerdem erstmals nach, dass bei wachsender Bevölkerungsdichte und der Nähe zu domestizierten Schafen, Ziegen, Kühen und Schweinen und damit deren Krankheitserregern sich auch das Immunsystem der Menschen veränderte. Gefunden wurden auch Gene, die äußerliche Merkmale bestimmten, darunter eines, das sich heute nur bei Asiaten und Indianern findet und unter anderem mit der Straffheit der Haare und einer höheren Anzahl von Schweißdrüsen in Verbindung zu stehen scheint. Es wurde auch in einer 7000 Jahre alten Jäger-Sammler-Gruppe aus Schweden nachgewiesen – eine weitere Frage, die es noch zu klären gilt.

„Auch die Körpergröße unserer Ahnen, dirigiert über ein komplexes Wechselspiel genetischer Variation, stand unter Selektion, wie sich durch diese Studie ermitteln ließ“, heißt es in einer Mitteilung des Max-Planck-Instituts. Während die Körpergröße der spanischen Steinzeitbauern im Vergleich zu denen in der heutigen Türkei über 3000 bis 4000 Jahre hinweg stark abgenommen habe, sei sie bei den Steppenvölkern angewachsen.

Vermutlich sei das heutige Nord-Süd-Gefälle bei der Körpergröße auf diese „gegenläufigen Trends“ jener weit zurückliegenden Zeit zurückzuführen. Und es lasse auch den Schluss zu, „dass sich die Steppenvölker stärker mit der Bevölkerung in Nordeuropa vermischt haben als im übrigen Europa“.

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