Ein Wolf im Südharz? - Jäger gelingt Schnappschuss

Rothesütte  Im Harz wurde das Tier schon mehrfach nachgewiesen. Jetzt sorgt ein neues Foto für Aufsehen.

Diese Aufnahme gelang dem Jäger Holger Grüning am Morgen des 3. Oktober unweit des Dreiländerecks bei Rothesütte.

Diese Aufnahme gelang dem Jäger Holger Grüning am Morgen des 3. Oktober unweit des Dreiländerecks bei Rothesütte.

Foto: Holger Grüning

Er wollte Rotwild sehen, es ist Brunftzeit. Holger Grüning, Jagdpächter im Dreiländereck bei Rothesütte, hatte Pech vergangenen Dienstagmorgen. Und er hatte Glück: Denn statt Hirschen sah er plötzlich ein Tier, von dem er überzeugt ist, dass dies ein Wolf ist: wegen dessen Größe und Verhaltens.

Es wäre nicht der Erste im Harz. Es gab seit 2016 insgesamt schon vier Wolfsnachweise.

Grüning, hauptberuflich als Arzt in Wernigerode tätig und seit drei Jahrzehnten Jäger, sitzt am Dienstagmorgen gegen 7 Uhr auf seiner Kanzel zwischen Benneckenstein und Rothesütte, etwa einen Luftkilometer vom Dreiherrenstein entfernt.

Es ist kalt und regnerisch, er blickt in den Wald, auf eine Weihnachtsbaumplantage mit 1,50 Meter hohen Fichten. „Ich wunderte mich, dass ich kein Rotwild sah. Und plötzlich sah ich in etwa 200 Metern Entfernung ein Tier an der Wiesenkante entlangziehen, so groß wie ein einjähriges Rotwild, deutlich größer als ein Schäferhundrüde. Die Schulterhöhe war 70 bis 80 Zentimeter. Dann kam es bis auf etwa 100 Meter auf mich zu. Ich traute meinen Augen nicht. Ich fotografierte, und sofort verschwand das Tier. So scheu ist kein wildernder Hund“, ist Grüning überzeugt.

Entscheidender Beweis ist nicht zu erbringen

Holger Piegert, als Kreisjägermeister im Landkreis Harz auch für die Benneckensteiner Gemarkung zuständig, kennt Holger Grünings Foto. „Es könnte ein Wolf sein, die Kopfpartie spricht dafür“, sagt er. Und doch bleibt er vorsichtig: Denn anhand des Bildes von dem zwischen Bäumen sitzenden Tier sei nicht genau dessen Größe zu bestimmen.

Der entscheidende Beweis wird nicht zu erbringen sein, stellt Ole Anders klar. Für einen genetischen Nachweis brauche es Tiermaterial, etwa ein Haar. „Die Möglichkeit, dieses zu finden, ist geringer, als eine Nadel im Heuhaufen zu finden.“ Der Luchs- und Wolfsbeauftragte im Nationalpark Harz teilt die Auffassung Piegerts: „Anhand des Bildes ist unmöglich zu entscheiden, ob es wirklich ein Wolf war.“

Mehrfach seien Leute schon ähnlich aussehenden Hunden aufgesessen. Pro Woche gebe es inzwischen zwei Anrufe wegen vermeintlicher Wölfe im Harz, ergänzt Nationalparksprecher Friedhart Knolle. Verwunderlich ist das nicht: So fern aus Thüringer Sicht der Wolf hierzulande scheint – bisher ist im Freistaat nur von einem Einzeltier auf dem Truppenübungsplatz in Ohrdruf die Rede –, so nah ist er vor allem nördlich des Harzes gekommen: 13 Rudel leben laut Wolfskompetenzzentrum in Niedersachsen, außerdem je zwei Wolfspaare und residente Einzelwölfe.

Sachsen-Anhalt kann keine aktuellen Zahlen liefern, verweist auf das jüngste Monitoring 2015/16, wonach insgesamt 65 Wölfe in dem Bundesland leben, und zwar in zwölf verschiedenen Wolfsterritorien.

Der Harz selbst sei bisher kein Wolfsgebiet, sagt die Sprecherin des Magdeburger Umweltministeriums. Was allerdings nicht heißt, dass noch kein Wolf in Deutschlands nördlichstem Mittelgebirge gesichtet wurde. „Der Wolf ist erst dann im Harz angekommen, wenn es eine Population mit mindestens zwei Wölfen gibt, also nicht nur durchstreifende Tiere“, erklärt Nationalparksprecher Knolle. Sein Kollege und Wolfsexperte Ole Anders berichtet von einem „gesicherten Nachweis“ eines Wolfs im Wald zwischen Bad Grund und Clausthal-Zellerfeld im April oder Mai dieses Jahres. Im sachsen-anhaltinischen Teil des Harzes war bereits im Februar 2016 nahe Ballenstedt ein Wolf in eine Fotofalle getappt. Biologen des Wolfsmonitorings hatten die Vermutung damals bestätigt.

Der zweite eindeutige Nachweis gelang am 1. Mai dieses Jahres bei Siptenfelde an der B 242 nahe Harzgerode.

Dem Landkreis Nordhausen nahe gekommen sind Wölfe offenbar schon im Frühjahr dieses Jahres. Als „bestätigte Hinweise“ sind zwei Fotos aus dem Raum Stiege eingestuft: „Am 17. Mai war es ein Wolf nahe Albrechtshaus, am 2. Juni am Unterberg an der Landesgrenze“, erklärt Holger Piegert, der Jägermeister im Landkreis Harz.

„Die Beobachtungen häufen sich“, konstatiert er. Er geht von mehreren Einzeltieren aus, die inzwischen im Harz sesshaft geworden sind.

Kai Liebig erwägt, den Schafbestand zu senken

Ein Südharzer Jäger berichtet zudem von einem Wolfsbild einer Fotofalle am Hufhaus; erzählt wird sich weiterhin von einer im August vom Wolf gerissenen Hirschkuh am Birkenkopf etwa fünf Kilometer östlich von Sophienhof. Offizielle Stellen wissen davon nichts. Eine Meldepflicht für Wölfe gibt es nicht.

„Ich denke, dass der Wolf auch schon durch unseren Landkreis lief, ohne dass er gesichtet wurde oder Schaden anrichtete“, sagt Matthias Piontek von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt. Gerade der Harz biete Rückzugsräume einerseits und genug Nahrung andererseits. „Der Tisch ist gedeckt“, bestätigt der hiesige Forstamtsleiter Klaus-Wilhelm Brüggemann und spricht von „erhöhter Wilddichte“ in den Harzrevieren, die die Wälder destabilisiere, den Waldumbau behindere.

Der Wolf als Polizist des Waldes steht unter Naturschutz, er genießt absolutes Abschussverbot. Wenngleich er, räumt Brüggemann ein, die Jagd erschwert: „Das Wild ist nervöser, schließt sich zu größeren Rudeln zusammen.“

Am Donnerstagabend kam Holger Grüning wieder in sein Jagdgebiet am Dreiherrenstein: Wo er sonst zwei Hirsche zugleich röhren hört, war nach wie vor keine einzige Spur von einem Reh oder Hirsch. „Die Ruhe ist weg für die Tiere. Noch mehr aber habe ich Sorge um die Ziegen in Sophienhof“, sagt er.

Kai Liebig meint, die Ziegen würden nachts im Stall schlafen, im Gegensatz zu den etwa 150 Mutterschafen und Lämmern. „Ich werde meinen Schafbestand wahrscheinlich abbauen, meinen Rinderbestand aufbauen. Das sind wehrhaftere Tiere“, sagt er mit Blick auf die Ausbreitung des Wolfs in den Harz.

Stich-Wort: Die offene Debatte fehlt

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