Erfurt, Winnenden und die Verantwortung der Medien

Die Podiumsdiskussion "Gutenberg, Winnenden und die Verantwortung der Medien" thematisierte die Fehler, aber auch die Chance der unterschiedlichen Berichterstattung der Jahre 2002 und 2009. Schulleiterin Christiane Alt kritisierte vor allem den Zeitdruck der Journalisten: "Die Geschwindigkeit, mit der Nachrichten eingefordert werden, passt nicht zur seelischen Verfassung der befragten Schüler."

Ralf Kaufmann, Frank Nipkau, Claudia Fischer, TA-Redakteur Hanno Müller, Christiane Alt und Eric T. Langer (von links) debattierten über die Medienwirkung. Foto: Marco Kneise

Ralf Kaufmann, Frank Nipkau, Claudia Fischer, TA-Redakteur Hanno Müller, Christiane Alt und Eric T. Langer (von links) debattierten über die Medienwirkung. Foto: Marco Kneise

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Christiane Alt, Eric T. Langer, Uwe Kaufmann, Claudia Fischer und Frank Nipkau verglichen die Berichterstattung über Erfurt und Winnenden. TA-Redakteur Hanno Müller leitete die Debatte. Unsere Zeitung dokumentiert an dieser Stelle das Streitgespräch.

Hanno Müller: Was war Ihre prägendste Erfahrung im Umgang mit Medien?

Eric T. Langer: Es hat zehn Jahre lang ganz unterschiedliche Erfahrungen gegeben. Schmerzvoll ist mir aber eine Episode in Erinnerung geblieben. In der Woche vor der Trauerfeier habe ich in einem Erfurter Restaurant erlebt, wie der Kellner von Journalisten nach Augenzeugen ausgefragt wurde. Da wurde eine Fangprämie von 100 Euro ausgelobt. Der Kellner hat sich verweigert und die Journalisten gebeten, das Lokal zu verlassen. Sie seien hier unerwünscht. Das war die beste Reaktion, die er machen konnte.

Als Sprecher der Angehörigen habe ich oft unterschiedliche Behandlungsweisen erlebt. Einige Texte wurden mir gezeigt. Bei Fernsehinterviews wurden hingegen nur Teile gesendet oder ganz aus dem Zusammenhang gerissen.

Ralf Kaufmann: Die Medienerfahrungen, die ich in den ersten 14 Tagen nach dem Amoklauf gemacht habe, waren sehr schlecht. Die Trauerfeier am 3. Mai war perfekt organisiert. Aber als der Bundespräsident und der Bundeskanzler den Domplatz verlassen hatten und die Schüler ihre Rosen niederlegen wollten, da haben die Fotografen um die besten Plätze gekämpft und sich gegenseitig beleidigt. Die Schüler hatten keine Chance. Das hat sich mir eingegraben.

Allerdings muss ich auch sagen, dass es einen großen Unterschied zwischen der regionalen und der überregionalen Presse gab. Ich habe Hochachtung vor der regionalen Presse.

Christiane Alt: Der erste Anruf mit der Frage nach der Anzahl der Opfer erreichte mich am 26. April 2002 direkt im Schulgebäude. Seitdem habe ich viele Interviews gegeben. Die regionale Presse ging ganz anders mit den Erfurtern um, aber es gab auch überregionale Medien, die fair berichteten. Im Grunde hat es nie aufgehört, dass ich Medienanfragen beantworten musste. Ich finde, auch nach zehn Jahren kann man darüber reden. Aber man muss abgrenzen, wo eine Schamgrenze erreicht wird, wo es Beleidigungen und Schmerzen gibt. Ich spreche grundsätzlich für meine Schulgemeinde. Es geht mir um die Opfer und den Erhalt der Würde der Opfer. Denn es waren über 600 Personen, die von dem Amoklauf betroffen waren.

Ich erinnere mich noch daran, wie an dem Abend das Schulhaus von den Fernsehstationen erleuchtet war wie ein Fußballstadion von der Flutlichtanlage. Es war eine Lawine über uns gekommen. Das hat eine Dimension erreicht, die wir nicht einordnen konnten.

Hanno Müller: Überrascht Sie das negative Bild der Medien?

Frank Nipkau: Nein, ich habe auch nicht jede Anfrage für ein Interview angenommen. Das Bild, das mir hängengeblieben ist, war vom Tag nach dem Amoklauf in Winnenden. Das Telefon klingelte permanent. Es gab eine regelrechte Jagd auf die Opfer. Die erste Anfrage für eine Talkshow kam am Donnerstag, einen Tag nach dem Amoklauf.

Die Boulevardisierung der Medien ist erschreckend. Sie reflektieren nicht, sie folgen einem Ritual. Das sind Opfergalerien und Opfergeschichten. Das ist der Standard.

Claudia Fischer: Man muss immer einen Mittelweg finden. Journalisten sind dafür nicht ausgebildet. Eine Vorbereitung gibt es nicht. Was wir gelernt haben, ist Menschen in einem Interview hart anzugehen, um an die Fakten zu kommen. Was wir nicht lernen, das ist die Wirkung abzuschätzen, die unsere Interviews später auslösen. Dieses Vordenken ist nicht verankert.

Der Kodex von Winnenden

Eric T. Langer: Natürlich gibt es auch bei Journalisten Berührungsängste. Aber der Regelfall ist ein anderer. Das Fernsehen filmt, eine Stunde lang wird gefragt. Und es wird so zusammengeschnitten, dass es die Sensationslust bedient.

Das gibt es sowohl beim Privatfernsehen als auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Auch Texte werden reduziert auf eine sensationelle Veröffentlichung. Das hat nichts mit einer fairen Berichterstattung zu tun.

Ralf Kaufmann: Herr Langer, Sie machen eine Verallgemeinerung. Denn es gab auch zwei Dokumentarfilme, die sehr sensibel mit dem Thema umgegangen sind. Der Autor hat zum Beispiel immer gefragt: Darf ich eure Gesichter zeigen?

Und nur zur Erinnerung: Bereits am 26. April hat mich das Team von Johannes B. Kerner gefragt, um meinen Sohn zu interviewen.

Hanno Müller: Sollen Medien über bestimmte Dinge also gar nicht berichten?

Christiane Alt: Wir hatten überhaupt keine Erfahrungen. Wir hatten auch keine Zeit nachzudenken. Denn wir waren mitten in einer Katastrophe. Es ist unerheblich, die Debatte zu führen, ob in der Ausbildung von Journalisten über die Frage der Wirkung von Interviews gesprochen wird. Es geht eher um moralische Werte.

Ich erinnere mich daran, wie Schüler, die von der Schule weggelaufen waren, in Cafés geführt wurden und von angeblichen Psychologen oder Seelsorgern ausgefragt wurden. Natürlich haben sie etwas erzählt. Und dann stand es am nächsten Morgen groß in den Gazetten.

Natürlich weiß ich, dass der Zeitfaktor eine große Rolle spielt. Journalismus ist ein schnelles Metier. Aber die Geschwindigkeit, mit der Nachrichten eingefordert werden, passt nicht zur seelischen Verfassung der befragten Schüler.

Seit sechs Wochen haben die Medien das Thema Gutenberg wieder aufgelegt. Wenn es nach den Anfragen ginge, könnte ich jeden Tag ein bis zwei Stunden Interviews geben. Das kann kein Mensch leisten.

Claudia Fischer: Der Umgang mit Opfern muss in der Ausbildung von Journalisten verankert werden. Zeitdruck und Redaktionsschluss dürfen da keine Rolle spielen.

Denn es gibt eine Medienwelle, über die wir noch gar nicht gesprochen haben und die wir auch nicht aufhalten können, das sind die sozialen Medien. Vermutlich wären heutzutage die Bilder von einem Amoklauf sofort von Schülern bei Facebook hochgeladen worden.

Hanno Müller: In Winnenden gab es einen Kodex zur Berichterstattung, was stand drin?

Frank Nipkau: Wir hatten drei Dinge verabredet: Erstens, wir berichten nicht über Beerdigungen. Zweitens, wir werden keine Opfer ansprechen. Drittens, wir drucken keine Opferfotos.

Die Opfer können in den ersten Tagen überhaupt keinen Beitrag bei der Aufklärung leisten. Man weiß, dass es ihnen nicht gut geht. Da muss man nicht auch noch anrufen.

Training für Notfallsituationen

Trotz dieser Einschränkungen konnten wir ausführlich berichten. In dieser Zeit haben wir 138 Zeitungsseiten veröffentlicht. Für uns galt, wir richten keinen Schaden an. Das wäre ein Maßstab für jeden Journalisten. In jedem Beruf gibt es ein umfangreiches Training für Notfallsituationen. Nur bei uns Journalisten gibt es das nicht. Wir hatten aber zumindest die Erfahrung im Jahre 2002 mit einer Geiselnahme an einer Schule in Waiblingen gemacht. Diese Bilder hatten wir im Kopf. Der Kodex war insofern das Ergebnis pragmatischer Überlegungen.

So haben wir früh gesellschaftliche Diskussionen angeregt, etwa zum Thema Waffenrecht oder zu Computerspielen.

Hanno Müller: In Erfurt wurde hart darüber diskutiert, dass dem Täter zu viel Platz eingeräumt wurde. Unsere Zeitung hatte ein Foto von ihm. Das war ein journalistischer Glücksfall. Aber von Opfern ist zu höre: Wir können das Bild nicht mehr sehen.

Eric T. Langer: Das Täterbild gehört zur Berichterstattung. Etwas anderes war es, als das Bild an der Mauer des Klinikums in der Nordhäuser Straße zu sehen war. Das Bild täglich zu sehen war unerträglich. Und ich musste mit der Klinikleitung streiten, damit das Bild übermalt wird.

Christiane Alt: Das sehe ich anders. Für meine Kollegen ist es unerträglich, weil wir seit zehn Jahren darum ringen, die Opfer im Gedächtnis zu behalten. Das Foto bringt nur unsere Wut zurück.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, die vor einer Nachahmung warnen. Der Täter ist zu Ruhm gekommen. Und die postmortale Berühmtheit könnte erneut ein Suizid-Verhalten auslösen.

Frank Nipkau: Wir hatten das Foto des Attentäters am Tag nach dem Amoklauf gezeigt. Diese Entscheidung halte ich heute für einen Fehler. Wir wissen, dass für derartige Menschen der Nachruhm, auch wenn sie ihn nicht erleben, etwas Wichtiges ist. Darauf kann man verzichten.

Hanno Müller: Wie geht man mit der Familie des Täters um?

Claudia Fischer: Das ist eine Einzelfallentscheidung. Denn auch die Familie hat eine gewisse Würde verdient.

Hanno Müller: Herr Langer, Sie hatten eine Strafanzeige gestellt?

Eric T. Langer: Ja, und das wurde medial nicht begleitet. Die Anzeige wurde mit einem Ablehnungsbeschluss versehen; das Verfahren wurde einfach eingestellt. Auf die Vorwürfe ist niemand eingegangen.

Überhaupt ist der Gasser-Bericht nicht richtig aufgearbeitet worden. Das ist offensichtlich nicht erwünscht. So hat es auch überhaupt keine juristische Auseinandersetzung gegeben.

Christiane Alt: Wir hatten drei Jahre zu tun, um um die Schule zu ringen. Wir waren rund um die Uhr im Einsatz - von einem Krisenstab zum anderen. Es ging zunächst darum, das Abitur der Schüler im Sommer abzusichern. Dann mussten wir in ein anderes Gebäude umziehen, begleitet von 56 Therapeuten und vielen Ersatzlehrern.

Da ist alles andere in den Hintergrund getreten. In dieser Zeit habe ich nicht ferngesehen und keine Zeitung gelesen. So hat sich diese Debatte letztlich als sinnlos erwiesen. Ich kann mir nicht anmaßen, die Arbeit der Polizei zu beurteilen.

Frank Nipkau: Wichtig für die Aufarbeitung in Winnenden war der Gerichtsprozess, bei dem der Vater des Attentäters wegen Beihilfe verurteilt wurde. Es hat uns geholfen, die Fakten öffentlich zu diskutieren.

Wir haben über jeden Prozesstag ausführlich berichtet. So wurde bekannt, dass viele Warnzeichen ignoriert worden waren. Mit der Verurteilung des Vaters wurde auch ein Stück Rechtsgeschichte geschrieben.

Heinz Günter Maaßen, Erfurt: Während die regionale Presse mit dem Amoklauf sehr gut umgegangen ist, waren die Fernsehjournalisten ganz schlimm. Da wurden Schüler befragt, die nicht befragt werden sollten. Ich warne davor, dass man Fernsehjournalisten ungefiltert auf Opfer loslässt.

Claudia Fischer: Man muss den Kollegen auch klar machen, dass Schüler in einer derart seelisch belasteten Situation keine verlässlichen Quellen für eine Berichterstattung sind. Aber es findet ein Umdenken statt. Wir reden hier über die Fälle, die schlecht gelaufen sind. Doch es gibt auch Hunderte Fälle, bei denen die Berichterstattung gut ist.

Letztlich muss man sich als Journalist vorher die eigene Position klar machen. Dann kann man auch eine Berichterstattung verweigern. Und dann ist man auch näher bei sich.

Hanno Müller: Bei der TA gab es kein Reglement, aber Regeln. Erstens, wir drucken keine Fotos der Ermordeten. Zweitens, wir bedrängen niemanden. Brauchen wir künftig ein Regelwerk?

Eric T. Langer: Was ich mir wünsche, ist menschlich bleiben.

Christiane Alt: Es kann nur um eine Bitte gehen, dass der Mensch, der vor einem sitzt und einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat, über den er erst hinwegkommen muss, gar nicht für ein Interview geeignet ist. Man muss mit Folgen rechnen, die das nach sich ziehen kann.

Ein Regelwerk für die Berichterstattung

Regelungen kann man sicherlich machen. In Erfurt und in Winnenden haben die Journalisten, die hier leben, den Umgang gelernt. Aber was ist mit den Kollegen, für die das graue Theorie ist. Man muss das Bewusstsein über die Städtegrenzen hinaus tragen.

Claudia Fischer: Das stimmt, und wir arbeiten auch daran.

Frank Nipkau: Das Thema ist nicht vorbei. Die Polizei beschäftigt sich permanent damit: Was ist die richtige Strategie? Wie können wir eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit machen. Auch in den Ministerien und Behörden wird darüber nachgedacht. Einzig der Journalismus beschäftigte sich bisher nicht damit. Das muss sich ändern. Wir sollten uns selber Regeln setzen, bevor es andere tun.

Ralf Kaufmann: Ich bin skeptisch gegenüber derartigen Regelungen. Ob es den Menschen ändert, der berichtet, wage ich zu bezweifeln.

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