„Erfurter Bäume verdienen es, wie Denkmale behandelt zu werden!“

Altstadt  Der Bürgerprotest gegen die massiven Fällungen im Vorfeld der Buga in Erfurt machte sich im Leserforum Luft.

Beim Leser-Forum im Theater Waidspeicher, wo sonst Kabarettisten das Wort haben, nahm niemand ein Blatt vor den Mund. Meist ausgewähltes Ziel der Kritik war das Garten- und Friedhofsamt, als Vollstrecker der massiven Baumfällungen.

Beim Leser-Forum im Theater Waidspeicher, wo sonst Kabarettisten das Wort haben, nahm niemand ein Blatt vor den Mund. Meist ausgewähltes Ziel der Kritik war das Garten- und Friedhofsamt, als Vollstrecker der massiven Baumfällungen.

Foto: Marco Schmidt

200 Plätze und zwei Gesprächsstunden reichten gestern nicht, um beim Leserforum dieser Zeitung zu den massiven Baumfällungen in Erfurt all jene zu Wort kommen zu lassen, denen in der Stadt viel zu oft die Kettensägen rattern. Am Ende einer ebenso emotional wie engagiert geführten Diskussion waren sich alle einig: Bäume brauchen eine stärkere Lobby in der Stadt.

Zuvor hatte sich besonders das Gartenamt als Vollstrecker der Buga 2021-Pläne zum Hauptziel der wütenden Kritik und enttäuschten Proteste gemacht. Amtsleiter Sascha Döll war durchgängig in der Defensive: „Auch meinen Mitarbeitern fällt es nicht leicht, einen Baum zu fällen“, hielt er manchem empörten Zwischenrufer entgegen. „Es ist nicht unsere Strategie, die Erfurter auf die Palme zu bringen“, sagte Döll – und tat mit seinem Verweis auf das Expertenwissen seines Amtes genau das.

Als er dann beim Thema kranker Bäume ans Publikum gerichtet fragte: „Wollen Sie, dass irgendwann ein Kind von einem Ast erschlagen wird?“, beschrieb er zwar sein Dilemma im Wechselspiel zwischen Naturschutz und Amtspflichten, brachte aber auch den letzten Baum-Freund im Publikum gegen sich auf.

Dass Stadtbäume für Wohlbefinden sorgen, Nahrung für Tiere und Nistplätze für Vögel sind, Sauerstoffproduzenten sowie Kohlendioxidverbraucher und damit „von unschätzbarem Wert“, stellte Bernd Krüger, Ortschef des Naturschutzverbandes Nabu klar. „Sie müssten daher als Kostbarkeit behandelt werden“, so Krüger. Das Gegenteil sei in Erfurt der Fall.

Buga-Chefin Kathrin Weiß war sichtlich enttäuscht, dass angesichts der Baumfällungen die eigentlichen Ziele der Buga für viele Erfurter derart in den Hintergrund getreten sind. Dabei gehe es um die Sanierung des Egaparks, die Entwicklung des Petersberges und des Nordparks – und das bereits seit 2013. „Und zwar nicht nur für 178 Tage Gartenschau“. Dass der Petersberg und seine Defensionskaserne überhaupt wieder in den Blick geraten seien, sei überhaupt der Buga zu verdanken. Nun aber gehe die Nachhaltigkeit des Vorhabens leider unter. Angesichts von zehn Buga-Dialogen und diversen Buga-Sprechstunden konterte Kathrin Weiß Kritik an der Gartenschau mit einer Gegenfrage ans Publikum: „Warum treffen wir uns erst heute hier?“.

Für Dirk Fromberger, der als Landschaftsgärtner und engagierter Baumschützer im Podium saß, ist die Antwort klar: Niemandem war tatsächlich klar, wie viele auch alte Bäume ein Opfer der Kettensäge würden. Dort, wo wie bei der Geraaue über die Fällung von 600 Bäumen informiert wurde, habe kein Bürger reagiert. In Ämtern müsse umgedacht werden: „Bäume müssen wie Baudenkmale behandelt werden“, forderte er in der von Redaktionsleiter Casjen Carl moderierten Runde. Aber auch Bürger müssten sich aktiv informieren und sich beteiligen.

Ohne Bürgerproteste stünden auf dem Anger weniger Bäume und auch das Venedig hätte weniger Grün, sagte Falko Stolp, als einer der Leser im Publikum, die ihrem Frust Luft machten: Auch die freitäglichen Schüler-Demonstrationen für Klimaschutz hätten offenbar noch nicht dazu geführt, dass man in Erfurt die Zeichen der Zeit erkannt habe. Döll nannte die Proteste und Empörung der Erfurter „hilfreich“, um mit dem eigenen Amt und dem Anspruch, Erfurt insgesamt grüner machen zu wollen, nicht als die „doofen Grünen“ im Rathaus zu gelten, die „immer über Bäume reden“.

Wie über Buga-Pläne und anstehende Baumfällungen besser informiert werden kann, darüber wollen Weiß und Döll nachdenken, den Anstoß dazu aus der Runde mitnehmen. Ob die Empfehlung aus dem Publikum, zur Fällung anstehende Bäume frühzeitig mit einem Kreuz zu kennzeichnen, aber dazu gehören wird, scheint fraglich. Mit dem Zwischenruf „Dann können wir uns wenigstens rechtzeitig daran anbinden“ scheint diese Idee bereits passé.