Erfurter Security-Unternehmen auf der Corona-Achterbahn

Erfurt.  Erfurts größtes Security-Unternehmen Guardian Force muss derzeit mit einem unkalkulierbaren Auf und Ab leben.

Für Guardian-Force-Chef Thomas Reinke ist das 20. Firmenjahr das schwerste.

Für Guardian-Force-Chef Thomas Reinke ist das 20. Firmenjahr das schwerste.

Foto: Michael Keller

Guardian Force, das könnte man frei mit Schutz- oder Beschützermacht übersetzen. Thomas Reinke (41) hat den Namen gewählt, als er im Jahr 2000 mit seinem Kompagnon Andreas Nichelmann das gleichnamige Security-Unternehmen, das erste in Erfurt überhaupt, gründete. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Mit zehn Mann hat er angefangen. Heute ist Reinke Chef für ca. 150 Mitarbeiter. Die das Wort Angst nicht kennen. Und dennoch: Bei Guardian Force geht Angst um. Zukunftsangst. Das Jahr 2020 ist für Reinke und seine Leute im 20. Jahr des Bestehens das gefährlichste. Dagegen sind Einsätze gegen gewaltbereite Fußballhooligans fast ein Kinderspiel. Die Jubiläumsfeier ist abgesagt.

„Der Lockdown hat uns mit voller Wucht auf dem falschen Fuß erwischt“, sagt Reinke. Die Auftragsbücher seien brechend voll gewesen. Dann rutschte die Auftragslage von jetzt auf gleich gegen Null. „Ich hatte richtig Existenzangst“, gibt der Erfurter zu. Er bereitete alles für die Kurzarbeit seiner 30 festen Leute und drei Azubis vor. Kündigen wollte er seine zuverlässigen Kräfte nicht. Schließlich würde das ja irgendwann mal ein Ende haben.

Lebensmittelmärkte brauchten Sicherheitsleute

Und tatsächlich, plötzlich ging es im März mit Hochgeschwindigkeit wieder in die andere Richtung – aufwärts. Es sei „schlagartig stressig“ geworden. Der Handel, vor allem die Lebensmittelmärkte, brauchten jede Menge Sicherheitsleute, die die Einhaltung der maximalen Personenzahl, der Abstandsregeln und der Maskenpflicht überwachten und Einkaufswagen desinfizierten. Reinke stellte einen speziellen Corona-Krisenstab zusammen, der täglich die Lage analysierte, Dienstpläne änderte, und telefonierte. „Die Kundenanfragen überschlugen sich geradezu“, erinnert sich der Sicherheitsexperte.

Um die 100 speziell gebriefte Leute hatte Guardian Force zu dieser Zeit nicht nur in Erfurt, sondern auch in Gera, Eisenach, Suhl im Einsatz. Und aus den Büros stellte Reinke Mitarbeiter ab, die ihrerseits wiederum die Wachleute einweisen und ihnen Schutzmittel zur eigenen Sicherheit übergeben sollten.

„Es lief, könnte man sagen, reibungslos. Plötzlich wurde der Türsteher am Supermarkt systemrelevant“, sagt er.

Das Gute an der verrückten Entwicklung, so Reinke, sei gewesen, dass er niemanden kündigen musste. Dann kommt das „Aber“. Aber nun fahre alles wieder langsam zurück. Die Welle sei nur kurz gewesen. Hat etwas von Achterbahnfahrt. Der Handel spart sich nach den Lockerungen größtenteils das Geld für die Security.

Auf dem jetzigen Stand treffe es Guardian Force hart. Zwei Drittel des Gesamtumsatzes, eine hohe sechsstellige Summe – weg. Kein Sonne-Mond-Sterne-Festival, kein Sputnik Springbreak, kein Helene- Beach-Festival, kein Krämerbrückenfest. Und der jahrelange Vertragspartner, der Fußballclub Rot-Weiß, war dem Sicherheitsunternehmen schon vor Corona „abhanden gekommen“.

„Im Moment steht vor mir, vor uns, eine große Nebelwand. Ist dahinter Sommer oder der Abgrund?“, sinniert der Unternehmer. Klar, Guardian Force betreue einige feste Objekte – Online-Logistiker oder auch Kliniken, wo man darauf aufpasse, dass Personal, Patienten oder Kunden sicher ins Objekt und wieder heraus kämen. Dabei ist Erfahrung gefragt, wie sie Reinkes Leute nach so vielen Jahren zweifelsohne haben. Freibäder im Sommer vielleicht? Da könnte erhöhter Security-Bedarf anfallen, um die Disziplin zu gewährleisten.

Reinkes Frage hat aber mehr rhetorischen, denn realistischen Charakter. Keiner weiß, wen die Corona-Welle wohin treiben wird. „Meine Hoffnung liegt auf dem Herbst nach dem 31. August“. Reinke wirkt bei dem Satz schon wieder entschlossen. Denn erfahrungsgemäß ist für Security-Firmen das dritte und besonders das vierte Quartal das umsatzstärkste. Aber wird es 2020 tatsächlich Weihnachtsmärkte geben? Da sind sie wieder, die Zweifel.

„Mit einer medizinischen Lösung steht und fällt alles, auch unser Laden“, sagt der Firmenchef. Untergehen werde Guardian Force wohl nicht. Man sei relativ stabil und er habe gut gewirtschaftet. 2019 sei sein umsatzstärkstes Jahr überhaupt gewesen, seit er im Geschäft ist. Kurzarbeitergeld und Rücklagen erweisen sich zudem als Rettungsanker. Reinke: „Unendlich geht das aber nicht“. Sicher ist er nur, dass das „der ruhigste Sommer meiner 20-jährigen Firmengeschichte“ werden wird. Keiner da, der eine Beschützermacht braucht.