Erfurter Vergangenheit wird in die Gegenwart geholt

Erfurt  Bedeutendste Chronik der Stadt ist fortan digital im Internet zugänglich

Sonja Gegenwart transkribiert die „Chronica von Thüringen und der Stadt Erffurth insonderheit“ von Zacharias Hogel dem Mittleren.

Foto: Marco Schmidt

„Dieweil die Stadt Erffurt die Hauptstadt in Türingen ist, und in dieses Landes mittel liegt, . . .“

Die Worte sind die ersten der „Chronica von Thüringen und der Stadt Erffurth insonderheit“ von Zacharias Hogel dem Mittleren. Ihre Schreibweise, der Ausdruck zeugen davon, sie stammen aus einer anderen Zeit. Nun kommen jene Worte in der Moderne an, werden für die Zukunft langfristig archiviert. Denn fortan ist die bedeutendste Chronik der Stadt digital im Internet zugänglich.

Wer die Geschichte Erfurts erforscht, hat zukünftig ganz neue Möglichkeiten. Die Handschrift der Chronik – die originale Erstfassung existiert nicht mehr – steht in der Bibliothek im Augustinerkloster, sozusagen in der Schatzkammer.

Dieser alte Schatz wurde nun digitalisiert und transkribiert. 892 Seiten umfasst die Chronik, in der die Zeit von 320 bis 1628 niedergeschrieben steht. „Die Chronik bezieht sich teilweise auf Dokumente, die man teils heute nicht mehr so findet“, sagt Michael Ludscheidt, Leiter der Bibliothek. Die Idee, ein Digitalisat und eine Transkription anzufertigen, besteht schon länger. Kai Brodersen, Professor an der Universität Erfurt, gab den Anstoß für das Projekt. „Wenn man sich informieren will, stößt man immer wieder auf diese Chronik“, sagt er. „Man ging hierher, musste sich nach den Öffnungszeiten richten, sie ist schwer zu lesen, das alles war ein hoher Zeitaufwand.“

Zukünftig ist es einfacher möglich, in den alten Aufzeichnungen zu lesen. Den Forschungen zur Geschichte werden neue Möglichkeiten eröffnet. Es gibt eine eigene Webseite für das Projekt, gestaltet von der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek mit der Jenaer Agentur Justorange. Und auch die Bibliothek des evangelischen Ministeriums verfügt ab sofort über eine eigene Domain, über die die Hogel-Chronik und weitere Digitalisate aus dem historischen Handschriften- und Buchbestand aufrufbar sind. „Eine Vernetzung mit anderen Systemen, beispielsweise dem neuen Opac-Katalog, ist ohne Probleme möglich“, sagt Michael Lörzer, der kommissarische Direktor der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek. Selbst auf internationaler Ebene könne dann in der Chronik recherchiert werden. Im Volltext ist es möglich, nach Begriffen zu suchen. Zudem ist eine Synonym-Wörtersuche geplant, um verschiedene Schreibweisen ein und desselben Begriffs aufzugreifen und das Wort zu finden. Die Sparkassenstiftung förderte das Projekt mit 3500 Euro.

Doch wie kommt die Chronik überhaupt in den Computer? Wort für Wort, Seite für Seite, transkribiert Sonja Gegenwart die Hogel-Chronik. Die 26-Jährige ist Historikerin und Transkriptorin. Seit 2017 schreibt sie die Chronik ab. „Anfangs musste ich immer in die Bibliothek im Augustinerkloster gehen, mir die Chronik geben lassen. Das ist nun einfacher, seit es das Digitalisat gibt und ich auch von zuhause transkribieren kann“, erzählt die junge Wissenschaftlerin. Und verrät: „Meine Oma brachte mir Frakturschrift bei. Dadurch bekam ich wohl den Zugang zu diesen alten Schriften.“ Von vielen Ereignissen habe sie in der Chronik gelesen, die sie sehr beeindruckt hätten.

„Die Grammatik damals war komplett anders, ebenso der Sprachduktus.“ Kann sie ein Wort nicht lesen oder – sozusagen – entziffern, nimmt sie ein Lexikon des Niederdeutschen zu Hilfe. 419 Seiten hat Sonja Gegenwart bereits in die Zukunft geholt.

bibliothek-augustinerkloster. de

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