Erlebnis Schaubestelle: Mit Helm und Kopfhörern durch das Schloss Schwarzburg

Schwarzburg  Das Hauptgebäude des Schlosses Schwarzburg kann ab Samstag erstmals nach mehreren Jahrzehnten auf einem Audiowalk betreten werden.

Zutritt normalerweise verboten: Doch der Audiowalk bietet für einige Wochen die Möglichkeit, das Hauptgebäude des Schlosses Schwarzburg zu besichtigen.

Foto: Henry Trefz

Reinhard Rach lugt hinter dem Bauzaun hervor. Durch das blaue Polo-Hemd ist er gut zu erkennen. Der 67-Jährige stammt aus Königsee, gehört dem Förderverein Schwarzburg an, der sich der Rekonstruktion und dem Wiederaufbau des Schlosses Schwarzburg widmet.

Anfang der 1960er-Jahre war er erstmals in dem geschichtsträchtigen Gebäude, dem stundenlangen Besuch folgte ein jahrelanges Engagement. „Das Schloss ließ mich nicht mehr los. Mich hat die unheimliche Zerstörung erschrocken. Das wollte ich nicht einfach so hinnehmen“, erzählt er und hält kurz inne. Tischler sei er von Beruf gewesen, zugleich „ehrenamtlich Bodendenkmalpfleger“, deshalb gab es stets auch eine emotionale Verbindung.

Der Förderverein, der rund eine Viertelmillion Euro in den letzten Jahren gesammelt hat, umfasst etwa 200 Mitglieder. Fünf von ihnen, darunter Reinhard Rach, führen ab Samstag bis Oktober jedes Wochenende durch das Hauptgebäude des Schlosses, das viele Jahrzehnte offiziell gesperrt war.

Hauptgebäude bietet beeindruckende Geschichte

Die Ernennung zum Iba-Projekt, die Idee des Audio-Walks, ermöglicht nun eine zeitlich begrenzte Begehung. Für rund drei Monate ist das Schloss-Hauptgebäude – das sogenannte Corps de Logis – nach langjährigen Sicherungs- und Instandsetzungsmaßnahmen durch die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten eine Schaubaustelle. Die Stiftung ist Eigentümerin der Liegenschaft. Direktorin Doris Fischer erläutert, dass zwar Wände sowie Decken fehlen und das Gebäude „wie ein hohler Vogel“ sei, es aber eine beeindruckende Geschichte bieten würde .

Der Ahnen- und Emporensaal soll perspektivisch als ständiger lebendiger „Denkort für Demokratie“ für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Knapp 2,3 Millionen Euro kostet die Umsetzung, ein Drittel steuert das Land bei. Die erste Phase der Fertigstellung ist 2021 geplant. Dann können dort auch Veranstaltungen stattfinden.

Doch historische Spuren, Wandfassungen und Einschreibungen in den barocken Raumeinheiten sollen bleiben, so Architektin Carola Niklas. Dazu zählen auch die Kritzeleien, die „wie eine wilde Kontaktbörse“ anmuten.

Eine kleine, bezaubernde, eigene Welt

Die zuständige Bau-Referentin ist jedenfalls voller Vorfreude auf die kommenden Monate. „Ich bin selbst neu eingetaucht und sehr gespannt, wie der Audio-Walk auf die Besucher wirkt.“

Sie stammt aus Rudolstadt, das Schloss ist für die Thüringerin somit eine „Herzensangelegenheit.“ Und mit den vielen Einzelgebäuden und den dort vollzogenen Brüchen sei die große Anlage „eine kleine, bezaubernde, eigene Welt.“ Es sei bewegend, die Fortschritte auf der Baustelle zu erleben. Rohbauer, Zimmerleute, Steinmetze und Fensterbauer schwitzen täglich, hämmern, klopfen, bohren und spachteln. Allein deshalb ist die gleichzeitige Umsetzung des Iba-Projekts schwierig. „Doch letztlich haben alle Beteiligten eng zusammengearbeitet“, so Linda Tschöpe vom betreuenden Projekt Museologie.

Der Audiowalk steht geführten Gruppen von maximal 20 Personen offen, in szenischen Sprach-Klang-Erzählungen werden die Besucher auf eine Zeitreise mitgenommen. Sie erstreckt sich über das vordere Areal bis zum Hauptgebäude, das dank des 2018 fertiggestellten nördlichen Treppenhauses im Rohbau zugänglich ist. Neben allgemeinen Informationen über die 1000-jährige Geschichte des Schlosses – beispielsweise unterzeichnete Friedrich Ebert dort 1919 die Weimarer Verfassung – sind mehrere Verweil-Punkte in den Spaziergang eingebaut.

Augenmerk auf das Gebäude, die Historie und die Region

Momente der Ruhe, in denen Reinhard Rach und seine Kollegen dafür sorgen, dass sich der Blick auch auf den gleichnamigen Ort Schwarzburg im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt und die malerische, ländliche Umgebung richtet. Für den Audiowalk sprachen die Ideengeber ausführlich mit Einwohnern, Beteiligten und Experten, sie stöberten aber auch hartnäckig in Archiven. „Wir wollen die Geschichte auf unterhaltsame Weise nahebringen. Das darf keinesfalls schnöde wirken“, so Iba-Chefin Marta Doehler-Behzadi über das Anliegen. Wichtig sei, das Augenmerk gleichermaßen auf das Gebäude, die Historie und die Region zu richten.

Reinhard Rach schaut in Richtung des langgezogenen, lichtdurchfluteten Flures. Er setzt kurz den Schutzhelm ab, nimmt die Kopfhörer in die Hand, nestelt ein wenig an den Schnüren des Audiogerätes.

Nein, ihm bereite das Tragen „keine Probleme.“ Schließlich sei er als Tischler gewohnt gewesen, mit Gehörschutz zu ­arbeiten. Jetzt freue er sich ­sogar, „etwas auf die Ohren zu bekommen“. Denn allein die weibliche Stimme sei ja äußerst angenehm, sagt er lächelnd und geht zurück zum Metallzaun, wo Carola Niklas gerade mit Handwerkern im Gespräch ist.

Ein Schild weist dort darauf hin, dass das Betreten der ­Baustelle verboten ist. Der Audiowalk beschert die Aus­nahme.

Termine

  • Führungen an Samstagen und Sonntagen vom 13. Juli bis 13. Oktober
  • jeweils 13.30 und 15.30 Uhr, Dauer: etwa eineinhalb Stunden
  • Buchungen über die Museumskasse im Torhaus, Telefon 036730/399630

Stadt und Land: 28 Iba-Vorhaben

Die Internationale Bauausstellung (Iba) Thüringen wurde 2012 auf Beschluss der Landesregierung gegründet, der Freistaat ist einziger Gesellschafter. 2014 erfolgte der Aufruf Zukunft „StadtLand“. Von den aktuell 28 Iba-Vorhaben haben sich bereits 12 als Projekt qualifiziert. Iba-Kandidat wird, wer gute Ideen und Konzepte für die Wechselwirkung von Stadt und Land vorweisen kann, für Beziehungen zwischen Individuen und Natur, Siedlung und Landschaft, Gesellschaft und Ressourcen.

Die Iba dauert bis 2023, die regionalen Projekte sollen darüber hinaus wirken. Wir stellen Einzelne vor.

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