Feine Sahne Fischfilet-Gitarrist Christoph Sell: „Hier gibt es ein klares Problem“

Themar  Vor einem Konzert in der thüringischen Kleinstadt Themar am Samstagabend vor 300 Fans aus der Region spricht Christoph Sell über rechte Strukturen auf dem Land, die anstehenden Landtagswahlen am 27. Oktober und ein mögliches neues Album.

Christoph Sell auf dem Konzert in Themar 

Christoph Sell auf dem Konzert in Themar 

Foto: Marvin Reinhart

Christoph Sell ist der Gitarrist einer der bekanntesten und umstrittensten Polit-Punkrockbands der Gegenwart: Feine Sahne Fischfilet. Vor einem Konzert in der thüringischen Kleinstadt Themar am Samstagabend vor 300 Fans aus der Region spricht er über rechte Strukturen auf dem Land, die anstehenden Landtagswahlen am 27. Oktober und ein mögliches neues Album.

Wie seid ihr als Band überhaupt darauf gekommen, in Themar so ein Konzert zu spielen?

Christoph Sell: Durch die großen Rechtsrockkonzerte in den letzten Jahren ist Themar zu einem negativen Begriff geworden in der Öffentlichkeit. Auch ich habe deswegen überhaupt erst von Themar erfahren. Trotzdem gibt es hier auch Menschen, die sich für eine freie und demokratische Gesellschaft einsetzen und dem Rechtsruck etwas entgegensetzen. Und für die ist das Konzert, deswegen spielen wir heute hier.

Dazu kommt noch, dass ja auch nächste Woche Wahlen sind. Wir haben uns überlegt, wie kann man die Leute vor Ort am besten unterstützen. Die Veranstalter hier (Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit) haben wir über ein paar Ecken gekannt. Deswegen war Themar der richtige Ort, es hat richtig Charme hier.

Charme, wie meinst Du das?

Christoph Sell: All das drum herum macht das Flair aus. Das hier mit tollen verschiedenen Menschen von vor Ort zu machen. Themar ist natürlich zu einem Politikum geworden. Das erklärt auch den massiven Polizeieinsatz hier. Dass so eine Veranstaltung überhaupt möglich ist, spricht aber für Thüringen. Sind wir ehrlich, in einigen Gebieten in Sachsen wäre sowas schwieriger.

Und dennoch stehen vor der Tür rund 60 Nazis und halten eine Kundgebung. Wie ordnest Du das ein?

Christoph Sell: Südthüringen hat eine starke und breite Naziszene. Hier gibt es ein klares Problem damit. Ein stadtbekannter sehr radikaler Nazi sitzt hier im Kreistag. Diese lokale Etablierung ist natürlich auch heute sichtbar. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass es gerade in Themar besonders schlimm ist… Das ist ein generelles Problem auf dem Lande. Und die Kultur dort vor Ort zu unterstützen, ist dann der effektivste Weg, um diese gefährlichen Strukturen zu schwächen, das tut denen am meisten weh und hat Wirkung.

Und sind auf dem Konzert heute nun echt auch Menschen aus der Region, oder kommen die am Schluss doch Kilometerweit hergefahren?

Christoph Sell: Wir freuen uns natürlich auch, wenn Menschen weit fahren um uns zu sehen. Aber von den 300 Tickets, die es für dieses Konzert gab, haben wir auch welche direkt hier vor Ort verkauft. So sollte gewährleistet werden, dass die Menschen aus der Region Karten bekommen konnten.

Du hast vorhin die Landtagswahlen in Thüringen angesprochen. Habt ihr das aktuelle Geschehen im Freistaat eigentlich auf dem Schirm, ist das für euch relevant?

Christoph Sell: Ja, na klar. Auch die Wahlen in Sachsen und Brandenburg haben wir mitverfolgt. Dass Rechtspopulismus wieder auf dem Vormarsch ist, ist ja eine europaweite und weltweite Tendenz. Angst schüren und am Ende Krieg; scheinbar ist das für die Menschen wieder ein Ding. Und deswegen haben wir Thüringen auf jeden Fall auf dem Schirm. Dazu haben wir gute Kontakte nach Jena, ich bin auch privat ab und an dort. Wir haben eine Verbindung nach Thüringen, das geht nicht an uns vorbei.

Ihr habt eine längere Pause nach der aktuellen Tour angekündigt. Heißt das, man kann mit einem neuen Album rechnen?

Christoph Sell: Immer! Wir schließen „Sturm und Dreck“ (das letzte Album von Feine Sahne Fischfilet) mit der Tour ab und machen dann Konzertpause. Wir haben ja irgendwie seit der Gründung jetzt auch zehn Jahre durchgespielt. Aber in der Pause werden wir nicht untätig sein. Wir werden uns auf das Proben konzentrieren, viele Songs schreiben und schauen, was um uns herum passiert. Und generell ist das auch einfach gut, sich mal etwas zurückzunehmen. Das inspiriert.

Juckt es einen nicht irgendwann in den Fingern?

Doch, na klar. Aber wir sind ja viel im Proberaum. Dann haben wir noch unser eigenes Festival, das „Wasted in Jarmen“, da ist auch viel zu tun. Die Pause ist jetzt erstmal für ein Jahr angesetzt. Werden wir mal schauen…

Ich danke Dir recht herzlich für das Interview. Jetzt geht’s gleich los. Bist Du da eigentlich aufgeregt?

Christoph Sell: Ich bin immer aufgeregt vor einem Konzert. Und das ist interessant, das liegt überhaupt nicht daran, wie viele Leute da sind. Heute sind es 300 und ich bin aufgeregt, vor allem wegen der Rahmenbedingungen. Dazu haben wir auch eine ganze Weile nicht mehr gespielt. Da ist etwas Druck zu spüren und vor allem Vorfreude auf ein tolles Konzert in einem besonderen Rahmen

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