Giftnotruf: Immer mehr Anrufe wegen Crystal Meth

Erfurt. Die eigenen vier Wände bergen für besonders viele Gefahren. Das belegt die unserer Zeitung vorliegende Zehn-Jahres-Statistik des Giftinformationszentrums in Erfurt.

Nachfragen zur synthetischen Droge „Crystal Meth“ sind deutlich angestiegen. Archivfoto: David Ebener/dpa

Nachfragen zur synthetischen Droge „Crystal Meth“ sind deutlich angestiegen. Archivfoto: David Ebener/dpa

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Mit großem Abstand vergifteten sich in Ostdeutschland die meisten Menschen zuhause, bestätigte der Leiter der Einrichtung, Helmut Hentschel.

Knapp 60.000 Anrufe betrafen Erwachsene und etwa 55.000 Kinder. Immer wieder ruht die letzte Hoffnung auf den drei Ärztinnen und zwei Apothekerinnen, wenn Erwachsene versucht haben, sich mit einer Medikamentenüberdosis das Leben zu nehmen.

Ein Schwerpunkt bei Kindern seien falsch dosierte Medikamente. Der Giftexperte Helmut Hentschel verweist darauf, dass selbst bei Hustentropfen oder Inhalten für Erwachsene angegebene Dosierungen bei Kindern schnell zu Vergiftungserscheinungen führen könnten.

Auch gut duftende Reinigungsmittel, vielleicht noch in schillernden Packungen oder als bunte Tabs, erregen viel zu oft das Interesse vor allem kleinerer Kinder. Beim Verschlucken von Waschmitteln könne es zu Brechreiz kommen. Der Experte warnt eindringlich davor, Wasser nachzutrinken, weil so die enthaltenen Tenside aufschäumen würden und sich ausdehnen. Im schlimmsten Fall könnte der Schaum sogar die Atmung behindern.

Aber auch Pflanzen, sowohl in der Wohnung wie auch in freier Natur, führen immer wieder zu Vergiftungen. Auch hierbei sind Kinder besonders gefährdet. Die Erfurter Notrufzentrale spürt immer wieder auch aktuelle Entwicklungen in der Rauschgift- und Drogenszene auf. So stiegen in den Vorjahren Nachfragen zur synthetischen Droge „Crystal Meth“ deutlich an. Die weißen Kristalle werden seit drei, vier Jahren illegal vor allem aus Tschechien eingeschmuggelt.

Eher selten erreichen die Experten Anrufe nach dem Biss eines giftigen Tiers. Vor fünf Jahren allerdings waren die Zahlen bei den Bissen der einheimischen Kreuzotter vor allem in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern angestiegen. Im Jahr 2011 waren es immerhin 28 Anfragen, im Vorjahr wieder deutlich weniger. Vier Bisse wurden dabei als „besonders gefährlich“ eingestuft. Lebensgefahr habe aber in keinem der Fälle bestanden, betont Dr. Helmut Hentschel.

Krankenhäuser holten sich in den Vorjahren besonders häufig Rat in Erfurt. Fast jeder zweite Anruf kam von dort. Ein Drittel der Hilfesuchenden waren Privatleute. Hinzu kommen noch Arztpraxen, Kindereinrichtungen und Rettungsdienste.

Das 1994 gegründete Giftinformationszentrum in Erfurt wird seither von den Ländern Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt betrieben. In Berlin gibt es einen eigenen Giftnotruf. Die Nachtdienste teilt sich die Erfurter Einrichtung zudem mit dem Giftinformationszentrum Nord in Göttingen (Niedersachsen) sowie der Vergiftungsinformationszentrale in Freiburg im Breisgau (Baden-Württemberg).

Für wen wurde im Vorjahr Hilfe nach einer Vergiftung erbeten?

  • Im Vorjahr gingen beim Erfurter Giftinformationszentrum 23 504 Anrufe ein.
  • 1191 Nachfragen betrafen Babys.
  • 5516 Anrufer – also etwa ein Drittel – erkundigten sich zu Vergiftungen bei Kleinkindern.
  • 7543 Anrufer hatten Fragen zu Erwachsenen.
  • 1446 der Anrufe betrafen Kinder und Jugendliche mit Vergiftungserscheinungen.
  • In 1115 Fällen waren Senioren betroffen, die häufig falsche oder zu viel Tabletten genommen hatten.
  • Die Experten mussten aber auch 127 Anrufern helfen, die sich um ein vergiftetes Haustier sorgten.

Der ostdeutsche Giftnotruf in Erfurt ist zu erreichen unter: (0361) 730 730. (In unserer Druckausgabe wurde am 12. April 2016 eine falsche Nummer angegeben!)

Die meisten Vergiftungen ereignen sich im Haushalt