Gnadentod im Löwen-Gehege

Erfurt  Junglöwe Bagani erstickt die schwerkranke Ribat im Erfurter Zoo. Direktorin Merz vermutet „Akt der Erlösung“.

Ribat auf einer Aufnahme aus dem vergangenen September. Gestern ist die Löwin verstorben. Sie wurde 14 Jahre alt.Archiv-

Ribat auf einer Aufnahme aus dem vergangenen September. Gestern ist die Löwin verstorben. Sie wurde 14 Jahre alt.Archiv-

Foto: Holger Wetzel

Die schwerkranke Berberlöwin Ribat ist am Mittwochmittag im Erfurter Zoo verstorben.

Todesursache war aber nicht ihr Nierenleiden, sondern ein Angriff des jungen Angolalöwen Bagani, der Ribat durch minutenlangen Druck auf den Kehlkopf erstickte. Das „ungewöhnliche Verhalten“ Baganis kann sich Zoodirektorin Sabine Merz derzeit nur mit einem „Akt der Erlösung“ erklären.

„Aufgrund ihrer Nierenerkrankung muss Ribat exorbitant aus dem Maul gerochen haben“, sagt Merz. Bagani habe daher noch vor den Pflegern Ribats nahes Nierenversagen geahnt und das Leiden der 14 Jahre alten Löwin beendet.

Zufällig trafen bei der Zootierärztin Tina Risch kurz nach Ribats Tod neue Laborergebnisse der Löwin ein. Sie zeigten, dass sich die Nieren seit der letzten Blutuntersuchung vor drei Wochen, als nur leicht erhöhte Werte festgestellt worden waren, hochgradig verändert hatten.

„Ribat war innerlich vergiftet“, sagt Merz. Die neuen Werte hätten sogar eine Entscheidung erfordert, ob die Löwin eingeschläfert werden müsse. „Die Niere ist bei Katzen das schwächste Organ“, so Merz.

Bagani nahm dem Zoopersonal diese Entscheidung ab. Gegen 12.10 Uhr näherte er sich der Löwin, die gerade auf der Plattform im Außengehege lag. „Er hat ihr zunächst vorsichtig mit den Pfoten an den Kopf gestupst“, schildert die Raubtierpflegerin Sabine Fuß das Geschehen. Ribat wehrte den Löwen ab. Mit zunehmender Intensität wiederholten sich dann Angriff und Gegenattacke, bis Ribat sich auf den Rücken drehte. „Ein Zeichen der Unterwerfung“, erläutert Sabine Fuß.

Bagani zog jedoch nicht ab, sondern schien die Löwin plötzlich in den Hals zu beißen. Minutenlang verharrte er in dieser Stellung. Das Angebot von Futter und die Rufe der Pflegerin, die Bagani von der Löwin weglocken wollte, ignorierte er.

Später zeigte Ribats Kadaver weder Blut noch Bissspuren. „Er hat ihr gezielt den Kehlkopf zugedrückt“, bestätigt Direktorin Merz. Einmal noch stieß Bagani den leblosen Körper an, bis er sich dann doch zum Futter in den Stall locken ließ.

„Wir sind aus allen Wolken gefallen“ berichtet Merz. Sie schildert den zweijährigen Bagani, der im Februar aus Frankreich nach Erfurt kam, als „gut sozialisiert, freundlich, ausgeglichen und rudelaffin“. Im französischen Wildkatzenpark, in dem Bagani aufwuchs, habe er sich um seine jüngeren Geschwister gekümmert.

Seit der Zusammenführung mit Ribat und der im September aus Danzig nach Erfurt gekommenen Junglöwin Bastet vor sechs Wochen habe auch die neue Gruppe bestens funktioniert. „Ribat ist in dieser Zeit richtig aufgegangen“, sagt Merz.

Der Kadaver Ribats wurde in die Pathologie nach Leipzig transportiert. Die Untersuchungsergebnisse könnten bereits am heutigen Donnerstag eintreffen, schätzt Merz ein.

Ribat war eine der letzten Vertreterinnen der Berberlöwen, die in ihrer nordafrikanischen Heimat längst ausgerottet sind und nur noch in wenigen europäischen Zoos überleben. Am 17. Januar 2004 im Zoo von Neuwied in Rheinland-Pfalz geboren, zog sie gemeinsam mit ihrer Halbschwester Lubaya am 28. April 2005 in die damals gerade eröffnete neue Löwensavanne im Erfurter Zoo.

Mit dem später dazugestoßenen Männchen Joco sollten die Weibchen Erfurts erste Löwenzucht begründen. Doch erkrankten die Halbschwestern kurz nacheinander und wurden dabei unfruchtbar.

Als Lubaya im Februar 2017 nach neurologischen Anfällen aus einer Narkose für die MRT-Untersuchung nicht mehr aufwachte, plante der Zoo um: Joco zog in einen englischen Zoo, in dem es noch Berberlöwen gibt. In Erfurt sollen die zweijährigen Angolalöwen Bastet und Bagani nun für den erhofften Nachwuchs sorgen.

Ribat bildete eine Art Mutterfigur des kleinen Rudels. „Sie wäre eine fantastische Tante für den Nachwuchs geworden“, findet Merz.

Vor drei Wochen zeigte Ribat jedoch erste Anzeichen einer Krankheit. Die Löwin fraß schlecht, lief teilweise schwankend und bewegte sich wenig. Eine Untersuchung unter Narkose am Wochenende erbrachte zunächst keinen eindeutigen Hinweis auf eine bestimmte Krankheit. Am Montag sprach der Zoo dennoch bereits von den „Sorgen“, die man sich am Roten Berg um Ribat mache.

„Das Erlösen ist nicht nur ein menschliches Konzept“, meint die Zoodirektorin Sabine Merz, die promovierte Tierärztin ist und zahlreiche Tierbeobachtungen in Afrika durchgeführt hat. „Auch in der Wildnis gibt es den Gnadentod.“

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