Hebammen sind überlastet und schlecht bezahlt

Weimar. Ihre Arbeit wird selten auskömmlich vergütet. Nicht wenige haben den Beruf inzwischen aufgegeben. Elke Pirrhs aus Tonndorf ist Vorsitzende des Hebammenlandesverbands.

Immer weniger Hebammen haben immer mehr Aufgaben, die Geburtshilfe zählt bei vielen nicht mehr dazu. Archiv-Foto: Alexander Volkmann

Immer weniger Hebammen haben immer mehr Aufgaben, die Geburtshilfe zählt bei vielen nicht mehr dazu. Archiv-Foto: Alexander Volkmann

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Wenige andere Berufe sind so sehr Berufung wie der der Hebamme. Frauen, die sich dafür entscheiden, entscheiden sich dagegen, mit ihrer Hände Arbeit wohlhabend zu werden. So romantisch selbstlos aber ist keine, dass sie sich bewusst dafür entschiede, davon schlecht oder gar nicht leben zu können.

Das aber ist der Fall. Und obwohl immer noch eine besondere Aura diesen Beruf umgibt, stört sich kaum jemand daran: "Mittlerweile wird in der öffentlichen Wahrnehmung offenbar davon ausgegangen, dass der Beruf und die Tätigkeit der Hebamme lediglich der individuellen Selbstverwirklichung dient; nicht jedoch dem Broterwerb."

Das schreibt der Hebammenlandesverband auf seinen Internetseiten. Elke Pirrhs aus Tonndorf ist dessen Vorsitzende. Die 43-Jährige arbeitet seit 22 Jahren in ihrem Beruf. Kurze Zeit war sie Klinikhebamme, dann machte sie sich selbstständig. Seitdem hat sich viel verändert, vor allem aber dies: "Es gibt immer weniger Hebammen, die immer mehr Aufgaben haben."

Von jener Aufgabe, die gemeinhin als die zentrale gilt, hat sich Elke Pirrhs inzwischen verabschiedet: die Geburtshilfe. Damit liegt sie im Trend: Laut IGES, einem Forschungsinstitut fürs Gesundheitswesen, arbeitet nur noch jede fünfte deutsche Hebamme in der Geburtshilfe; 2010 war es noch jede vierte.

Es gebe dafür einfach "keine auskömmliche Entlohnung", sagte Elke Pirrhs, schon gar nicht für den Aufwand und die Verantwortung, die damit verbunden sind. Wer eine Geburt betreut, muss dafür drei Wochen davor und danach ständig in Bereitschaft sein. "Währenddessen kann ich nichts anderes machen", so Pirrhs. Auch keine weitere Wochenbettbetreuung.

Das reicht dann hinten und vorne nicht. Elke Pirrhs ist selbst Mutter von vier Kindern. Mit einer Dreiviertelstelle könnte sie so allein von ihrem Beruf nicht leben. "Nur, wenn ich ständig 120 Prozent arbeite, geht das."

Laut Hebammensuche ihres Verbandes ist Pirrhs noch eine von fünf Hebammen im Weimarer Land, in Weimar sind es 10; die Gelben Seiten verzeichnen vier im Kreis, sechs in Weimar.

Mit Zahlen ist Pirrhs aber ohnehin vorsichtig. Es gebe Kolleginnen, die sich nicht registrieren mit dem Argument: "Ich habe schon genug zu tun, ich brauche nicht auch noch Werbung."

Nur jede fünfte Hebamme macht noch Geburtshilfe

Aber auch die Zahlenbasis des Gesundheitsministeriums, das von ausreichend Hebammen für Thüringen ausgehe, sei fraglich. Viele würden doppelt gezählt.

Elke Pirrhs beschreibt das am eigenen Beispiel. Sie ist beim Gesundheitsamt in Apolda gemeldet, aber auch in Erfurt, wo sie früher arbeitete und heute noch mitunter, außerdem im Ilmkreis. "Also gibt es mich in der Statistik drei Mal."

Elke Pirrhs hatte überlegt, in Bad Berka eine Praxis zu eröffnen. Sie ließ es sein. Die Fixkosten wären zu hoch. Zu dritt würde es gut gehen, meint sie. Aber es gibt weit und breit keine Kolleginnen, die sie fragen könnte.

Das ist auch so schon ein Problem. Laut Berufsordnung sind Hebammen verpflichtet, bei Abwesenheit für eine Vertretung zu sorgen. Nur wie?

Also schicken freiberufliche Hebammen Schwangere im Sommer zum Beispiel in die Klinik. Die Kolleginnen dort sind auch so schon am Limit.

Auch Kliniken bräuchten die Eins-zu-eins-Betreuung, Hebammen müssen sich aber oft um zwei oder drei Schwangere parallel kümmern. Und im Krankenhaus Apolda zum Beispiel, wo längst nicht jeder Dienst eine Geburt bringt, muss ein kleines Team ständige Bereitschaft absichern. Die wird nicht vergütet.

Hebammen sind eingebunden in Leistungskataloge, in Dienstpläne. "Aber Geburten sind nicht planbar", sagt Elke Pirrhs. Und der Beistand, den sie ja auch leisten, nicht messbar.

Es gibt viel zu wenig Ausbildungsplätze

Immerhin haben sich Hebammenverbände und Krankenkassen im Februar geeinigt, dass die Vergütungen um mindestens 13 Prozent steigen. Doch so viel ist das nicht, bei 7,50 Euro durchschnittlichem Stundenlohn.

Hoch sind nur die Kosten, für Geräte, Mieten, Anfahrten, die Rentenpflichtversicherung. Prominent sind die 4200 Euro Beitrag zur Berufshaftpflicht. Die Klagefreudigkeit nehme zu, Regressforderungen der Krankenkassen auch. Daher würden Hebammen Dinge tun, von denen sie nicht überzeugt sind: etwa Geburten früher einleiten.

Trotz allem mangelt es an Nachwuchs noch nicht, theoretisch. Die Helios-Klinik Erfurt, eine von zwei Ausbildern im Lande, hatte 2009 noch 900 Bewerberinnen, 2012 weniger als die Hälfte; sie hat aber nur 18 Plätze. Weitere 15 sind es in der Uni-Klinik Jena.

"Ich habe den schönsten Beruf der Welt", glaubt Pirrhs. Er sei erfüllend und mache dankbar. Was fehlt, ist die angemessene Vergütung. Und freundlich ist der Beruf nur zu Familien der anderen.

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