Helden des Alltags: Thüringens Helfer in Zeiten von Corona im Porträt

In unserer neuen Serie „Helden des Alltags“ stellen wir Thüringens Helfer in der Corona-Krise in kurzen Porträts vor.

Steve Poronczuk vom THW.

Steve Poronczuk vom THW.

Foto: Sascha Fromm

Die Krankenschwester. Der Polizist. Die Verkäuferin. Die Erzieherin. Der Altenpfleger. Der Zeitungszusteller. Die Hausärztin. Sie gehören zu den Menschen, die unser Leben in diesem Ausnahmezustand am Laufen halten. Sie können nicht ins Homeoffice gehen.

Dabei werden viele von ihnen gar nicht wahrgenommen in ihrem Einsatz. Dabei ist ihr Risiko ist der Preis dafür, dass unser Leben in den wichtigsten Bereichen gesichert ist und bleibt. Diesen Menschen wollen wir Porträts widmen. Um ihren Einsatz sichtbar zu machen, persönlich und gleichzeitig stellvertretend. Hinter jedem von ihnen steht ein Team, hinter jedem Team viele Kollegen an anderen Orten im Land.

Viele von ihnen arbeiten in Berufen, die schlecht bezahlt werden, denen es auch oft an Wertschätzung fehlt. Wenn das alles überstanden ist, wird auch darüber zu reden sein. Dann wird sich zeigen, was vom Applaus in Zeiten der Not übrig bleibt. Bis es soweit ist, bleibt unser Dank.

Müllentsorger Mario Fischer

Aufstehen um vier Uhr, zehn vor sechs sitzt er im Fahrzeug. An diesem Tag war er in einem Mühlhäuser Wohngebiet unterwegs und in einem Ortsteil. 500 Haushalte, gut zehn Kilometer. Mario Fischer (42) arbeitet als Müllwerker im Abfallwirtschaftsbetrieb Unstrut-Hainich-Kreis. In dieser Dienstags-Schicht, rechnet er nach, hat er insgesamt 16 Tonnen Hausmüll bewegt. Eine Frage des Trainings, er arbeitet jetzt das dritte Jahr im Betrieb.

Die Abende werden trotzdem nicht lang. Etwas essen, etwas Fernsehen, dann fallen einem die Augen zu. Man spürt, sagt er, dass viele Leute jetzt zu Hause sind. Bewohner kommen öfter als sonst vor die Haustür und suchen das Gespräch. Ob bei uns alle gesund sind, hatte ihn heute eine ältere Frau gefragt. Manchmal kommen Kinder heraus und wollen das Müllauto sehen. Wenn man den ganzen Tag zu Hause sitzt, bemerkt er heiter, wird die Müllabfuhr zum Ereignis.

Und es fällt mehr Müll an. Auf Touren, bei denen sonst 350 Mülltonnen geleert werden müssen, können es schon mal 150 mehr sein. Zuweilen sieht man es beim Entleeren auf den ersten Blick: Hier hat jemand die Corona-Ruhe genutzt und den Dachboden ausgeräumt. Er für seinen Teil ist froh, dass er sich solche Beschäftigungen nicht suchen muss und jeden Morgen zur Arbeit ausrücken kann. Die Kollegen, sagt er, sehen das auch so. Niemand hat sich krank gemeldet, als es mit Corona los ging.

Was ihn ärgert, ist die Ignoranz mancher Menschen. Wenn die Tonnen von Bauschutt überquellen, wenn im Hausmüll kaputte Elektrogeräte landen oder Schlimmeres. Hauptsache weg damit, der Rest ist egal. Kürzlich hatte sich bei einem Kollegen im Fahrzeug eine Chemikalie entzündet, die jemand im Altpapier entsorgt hat. Zum Glück hatten sie den Qualm rechtzeitig bemerkt und die Feuerwehr gerufen.

Krankenpfleger Nelson Eliel Tezen Rivera

In Peru geboren, kam Nelson Eliel Tezen Rivera bereits im Alter von fünf Jahren mit der Familie nach Italien. In Rom ist er aufgewachsen, dort hat er die Schule besucht, eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert und auch seine Freundin Valeria Gianfrancesca kennengelernt. Gemeinsam mit ihr hat sich der junge Mann vor drei Jahren entschlossen, nach Deutschland zu gehen und hier zu leben und zu arbeiten.

Ihr Weg führte sie zunächst nach Stuttgart, wo beide die Sprachschule besuchten und ihre erste Prüfung ablegten. Im Januar 2018 zog Nelson Eliel Tezen Rivera dann nach Jena um, verbesserte seine Deutschkenntnisse weiter und nahm eine Beschäftigung am Uniklinikum auf.

Als hier die Frage aufkam, wer sich vorstellen könne, in der Corona-Krise in einem italienischen Krankenhaus Patienten zu helfen, habe er nicht lange überlegen müssen, sagt der 29-Jährige. Allerdings sei seine Mama alles andere als begeistert gewesen, als er sie am Telefon von seinen Plänen in Kenntnis setzte. „Aber ich habe das meiner Mutter in langen Telefonaten ausführlich erklärt, und am Ende war sie auch davon überzeugt, dass es richtig ist, was ich mache“, sagt Nelson Eliel Tezen Rivera.

Im Krankenhaus in Boscotrecase – in der Nähe von Neapel -- hat der junge Krankenpfleger gemeinsam mit seiner Freundin und zwei Ärzten des Jenaer Klinikums rund zwei Wochen lang das medizinische Personal unterstützt und zugleich Erfahrungen im Umgang mit der neuartigen Covid-19-Erkrankung sammeln können.

THW-Helfer Steve Poronczuk

Sie sind immer da, wenn Not am Mann ist, die angestellten und ehrenamtlichen Mitstreiter des Technischen Hilfswerks THW. Seit dem September 2107 ist Steve Poronczuk einer der fast 80.000 ehrenamtlichen THW-Helfer bundesweit.

„Binnen sechzehn Tagen hatten mehrere Hochwasser meinen Heimatort Wiegendorf im Weimarer Land immer wieder überflutet“, erinnert sich der 35-Jährige an das damalige Unglück.

In diesen Tagen habe er wiederholt miterlebt, wie professionell die Helfer des THW ihr Handwerk ausführten und wie sie die Bevölkerung unterstützten. Das habe ihn schließlich überzeugt, sich selber beim Technischen Hilfswerk zu engagieren. „Das habe die Jungs damals wirklich sehr gut gemacht, und nebenbei haben sie auch noch erzählt, wie schwer es ist, freiwillige Helfer zu finden“, erinnert sich Steve Poronczuk.

Auslandeinsätze hat er in seiner zweieinhalbjährigen Tätigkeit für das Hilfswerk noch nicht absolviert. Im Gegensatz zu seinem vorhergehenden Wehrdienst bei der Bundeswehr, da war er im Auslandseinsatz, hat eine Übung zur Abstimmung zwischen den Armeen befreundeter Staaten miterlebt. Natürlich sind die Helfer des THW auch in der aktuellen Coronakrise zur Unterstützung bereit, wenn sie gebraucht werden.

Gemeinsam mit einem weiteren Helfer hat Poronczuk etwa den Transport von vier Beatmungsgeräten und weiterem medizinischen Material vom Klinikum Jena zum Erfurter Flughafen übernommen, als ein Jenaer Ärzte- und Pflegerteam zum Auslandseinsatz in Italien aufbrach.

Lastwagenfahrer Alex Schulze

Nachts ist es jetzt auf der Autobahn noch stiller als sonst. Eigentlich ein entspanntes Fahren, sagt er, aber manchmal wird diese Stille richtig unheimlich. Du fährst und fährst und sieht minutenlang kein anderes Fahrzeug.

Alex Schulze (38) ist Lastwagenfahrer beim Sömmerdaer Transportunternehmen Frank Polczyk. Wenn für andere der Feierabend beginnt, besteigt er das Fahrerhaus im Erfurter Güterverkehrszentrum und startet seine Runde: von den Post-Verteilzentren nach Alsfeld, wo er mit einem Kollegen aus Süddeutschland die Fracht tauscht, dann wieder zurück nach Thüringen.

Die beiden gelben DHL-Container voller Briefe und Pakete. Für Familien, die verteilt im Land leben, sind solche persönlichen Sendungen jetzt besonders wichtig. Und er gehört zu jenen, die täglich dafür sorgen, dass diese Strukturen verlässlich funktionieren.

In der ersten Zeit der Krise, bemerkt sein Chef Frank Polczyk, war es für viele Fahrer kaum möglich, in einer nächtlichen Pause an einer Raststätte einen Kaffee zu bekommen. Von einer Dusche bei längeren Fahrten ganz zu schweigen, aber das sei auch ohne Corona oft schwierig. Wäre es das einzige Problem seiner Branche, wäre er glücklich. Seine Firma könnte 25 Fahrzeuge auf die Straße schicken. Könnte.

Die geschlossenen Werktore bei der Autoindustrie, sagt er, bekommen sie hart zu spüren. Das hat Auswirkungen in viele Branchen, Aufträge fehlen. Und die, die es gibt, werden zu Dumpingpreisen vergeben, sagt er wütend. In der Branche, ohne die in diesen Zeiten die Versorgung längst zusammengebrochen wäre, werden viele die Corona-Krise nicht überstehen.

Krankenpflegerin Valeria Gianfrancesca

Anderen Menschen, denen es nicht gut geht, zu helfen – dafür hat sie ihren Beruf ergriffen, sagt Valeria Gianfrancesca. Deshalb musste sie auch nicht lange überlegen, als die Idee am Jenaer Uniklinikum aufkam, ein Team ins italienische Corona-Krisengebiet zu entsenden.

„In Jena auf der Intensivstation, wo ich normalerweise als Krankenpflegerin arbeite, war es durch die verschobenen Operationen sehr ruhig – deshalb habe ich mich schnell entschlossen, dort zu helfen, wo die Situation viel dramatischer ist: in meiner Heimat Italien“, sagt sie.In Rom ist die junge Frau geboren und aufgewachsen. Die Familie sei natürlich besorgt gewesen, als sie vom Plan erfahren habe, in einer Corona-Klinik in der Nähe von Neapel zu arbeiten. Doch nach langen Telefonaten habe man ihr zugestimmt, dass sie sich richtig entschieden habe.

Gestutzt habe sie nur kurz, als sie bemerkte, die einzige Frau im vierköpfigen Team von Ärzten und Pflegern zu sein. Aber wie schon bei ihrem Umzug nach Deutschland im April 2018 wusste sie ihren Freund Nelson Eliel Tezen Rivera an ihrer Seite, der in Peru geboren und in Rom aufgewachsen ist. Mit ihm hat sie zunächst in Stuttgart im Kurs die deutsche Sprache gepaukt und die entsprechenden Prüfungen abgelegt.

Gemeinsam sind sie dann ans Klinikum nach Jena gewechselt, wo sie sich inzwischen sehr wohl fühlen, versichert die 24-Jährige. Im Klinikum in Italien waren die beiden Pfleger aus Rom auch die Dolmetscher für die beiden Ärzte aus Jena.

Polizeibeamter Denny Schlee

Er lief Streife in einem Park, auf einer Bank saßen drei Leute zusammen. Es war ein lauer Frühlingsabend, eine alltägliche Szene, aber er musste sie stören. Drei Personen zusammen, das war eine zu viel, die Kontaktbeschränkungen, ob sie bitte… Die Parkbesucher, erinnert er sich, haben nicht lange diskutiert. Aber für ihn war das ein Moment, in dem er spürte, wie sehr die derzeitige Situation aus allem Alltäglichen herausfällt. Denny Schlee (38) ist Polizeioberkommissar in Erfurt.

Im Grunde, sagt er, machen er und seine Kollegen ihren Dienst wie immer, nur anders. Anzeigen zum Beispiel werden jetzt hinter einer Schutzscheibe aufgenommen, persönliche Kontakte mit Kollegen versucht man zu minimieren.

Ladendiebstähle, Zwischenfälle in Diskotheken: Solche Einsätze fallen jetzt natürlich weg. Dafür gibt es Situationen, die neu sind. Kürzlich haben sie einen Fahrer aus dem Verkehr ziehen müssen wegen Verdachts auf Alkohol am Steuer. In der Hoffnung, einer Blutprobe zu entgehen, hatte der Fahrer behauptet, mit dem Coronavirus infiziert zu sein.

Solche Erfahrungen, bemerkt er, machen natürlich etwas mit dir. Du kannst angesteckt werden und das Virus mit nach Hause nehmen: Das Risiko ist da, aber den Gedanken daran musst du ausblenden, und ja, das geht.

Polizisten gehören zu jenen, die für die Menschen die Gewissheit verlässlicher Strukturen bedeuten. In Zeiten, in denen viele Verlässlichkeiten infrage stehen. Nur an eines, sagt er noch, kann er sich nicht gewöhnen: an den Anblick der abgesperrten Spielplätze im Park. Eigentlich müssen dort Kinder toben – er hat selber zwei kleine Söhne.

Facharzt Florian Prechter

Als die Mail mit der Anfrage einging, welcher Mediziner sich einen Einsatz im Corona-Krisengebiet in Italien vorstellen könne, habe er nicht lange überlegen müssen und sofort zugesagt, erklärt Florian Prechter. Der Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie arbeitet am Universitätsklinikum in Jena. Von dort waren Anfang April zwei Ärzte und zwei Pfleger zu einem zweiwöchigen Einsatz in einer Klinik in der kleinen Stadt Boscotrecase in der Nähe von Neapel aufgebrochen, inzwischen sind sie wieder zurück.

Der 39-jährige Mediziner Prechter lebt seit fünf Jahren in Jena. In Ansbach in Franken geboren, kam er ans Uniklinikum der Saalestadt, wo er mittlerweile in der Anästhesie seinen Dienst tut. „Wenn ich die Bilder aus Italien und den Kliniken dort sehe, kann ich als Mediziner nicht zusehen, ich muss vor Ort den Menschen helfen“, erläutert Prechter seine Motivation sich für diese Mission zu melden.

Natürlich habe er vor dem Abflug ein mulmiges Gefühl gehabt und sei ungewohnt angespannt gewesen. „Aber wir dürfen uns in einer solchen Krise unser Leben nicht von der Angst diktieren lassen“, erklärt Florian Prechter seine Überzeugung. Schließlich habe der Einsatz in Italien auch die Möglichkeit geboten, sich direkt ein Bild über die neuartige Erkrankung und ihre Auswirkungen auf die Menschen zu verschaffen. Mit den im Krisengebiet gesammelten Erfahrungen über Covid-19 kehrt er nunmehr mit seinen Begleitern an die Klinik in Jena zurück.

Taxifahrer Andy Wesemann

Es geht auf Mittag zu, Andy Wesemann (34) hat an diesem Tag gerade einmal einen Auftrag gehabt. Ein Patient musste zur Behandlung gefahren werden. Mit solchen Fahrten, sagt der Erfurter Taxifahrer, hält er sich derzeit über Wasser. Mit Menschen, die auf seine Arbeit angewiesen sind, weil sie zur Dialyse müssen, zur Chemotherapie, oder zum Hausarzt. Alle anderen Fahrten sind weggebrochen, weitestgehend. Normalerweise kommen pro Stunde ein bis zwei Aufträge, jetzt sind es vier bis fünf am Tag.

Vor drei Wochen hat er sechs Stunden am Bahnhof in Erfurt auf Kundschaft gewartet, seitdem stellt er sich seltener irgendwohin. Gerade hat er die Soforthilfe erhalten, damit kommt er in den nächsten anderthalb Monaten über die Runden. Wie es dann weitergeht, ist ungewiss. Mein Geschäft, bemerkt er bitter, lebt von Menschen die aus dem Haus gehen. Zu Hause herrscht auch Ausnahmezustand, seine Kinder sind drei und zehn Jahre alt, er teilt sich mit seiner Frau die Betreuung.

Gründe genug, um die Situation zu beklagen, aber dafür ist er nicht der Typ, im Gegenteil. Mit seiner Taxizentrale „Clever-Car-Taxi“ hat er vor drei Wochen ein Hilfsangebot an Menschen unterbreitet, die nicht aus dem Haus können, oder sich nicht trauen. Einkäufe aus dem Supermarkt oder Bestellungen aus der Apotheke bis vor die Haustür, vor allem in den Erfurter Ortsteilen auf dem Land, wo die Wege länger sind. Und das alles nur für einen geringen Obolus um die Selbstkosten einigermaßen zu decken, nicht für den üblichen Taxipreis. Gemeldet haben sich nicht sehr viele, sagt er. Aber ihm ist es trotzdem wichtig, bemerkt er, es wenigstens zu versuchen. Wo wären wir in dieser Situation, wenn jeder nur sich selbst bedauert.

Hausarzt Thomas Rechtacek

Montagvormittag, es geht auf halb elf, in der Praxis von Thomas Rechtacek (42) in Saalfeld steht Schichtwechsel an. Um acht Uhr hat der Hausarzt mit seinen Mitarbeiterinnen Melanie Richter und Claudia Weiss begonnen, Patienten mit Coronaverdacht zu untersuchen und Abstrichproben zu nehmen.

Kurze Pause, Zeit für gründliche Desinfektion, dann beginnt die normale Sprechstunde. Aber was ist schon normal in dieser Zeit. Weißer Overall, Atemschutz, davor ein Gesichtsschutz, nur die Augen sind erkennbar. Nach Stunden Arbeit unter Vollschutz ist man froh, wenn man wieder durchatmen kann, bemerkt er.

Sie waren in Thüringen eine der ersten Praxen, die in separaten Räumen eine Abstrichstelle einrichteten. Dann wuchsen die Verdachtsfälle so stark an, dass sie auf dem Gelände der Thüringen-Klinik der Stadt in ein Zelt umziehen mussten. Ein professioneller Aufbau, zu verdanken den vielen Helfern, von Katastrophenschutz bis zur Wasserwacht. Das zu erwähnen, ist ihm wichtig, dies ist nicht die Zeit für Einzelspieler.

In der Hochzeit kamen täglich bis zu 70 Patienten, an diesem Montag waren es gerade einmal fünf. Der erste Tag seit vier Wochen, an dem er die Tests wieder in seine Praxis verlagern kann. Das Zelt auf dem Klinikgelände steht noch. Aber sie hoffen in der Praxis alle, dass sie nicht wieder dorthin umziehen müssen.

Maskennäherin Franziska Uslau

Als Zweifach-Mama Franziska Uslaub aus Straußfurt erfuhr, dass der ambulante Pflegedienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Sömmerda dringend Schutzmaterial benötigt, überlegte sie nicht lange. Kurzerhand holte sie ihre Nähmaschine aus dem Schrank und begann mit Zuschneiden, Nähen und Bügeln.

In der Zwischenzeit sind weit mehr als 50 Stoffmasken entstanden, die sie nicht nur an die Mitarbeiter des Pflegedienstes, sondern auch schon an Arztpraxen und Freunde verteilte – ohne einen einzigen Cent dafür zu verlangen.

Eigentlich arbeitet Franziska Uslaub als Sachbearbeiterin bei einem Automobilzulieferer, ist aber wegen der aktuellen Pandemie in Kurzarbeit beschäftigt. Die freie Zeit nutzt sie nun, um andere bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Für die Masken benutzt Franziska Uslaub Stoffreste von früheren Näharbeiten oder aussortierte Bettwäsche. Nach den ersten Versuchen und einer abgeänderten Nähtechnik ist eine Stoffmaske innerhalb von 15 Minuten fertig. Beim Entfernen der Nadeln und beim Bügeln gehen ihr sogar die beiden Söhne Lennard und Phillip zur Hand.

Doch ein Problem gibt es: Gummiband für den nötigen Halt der Masken ist derzeit kaum noch zu bekommen. Hier helfen Franziska Uslaub ihre Auftraggeber. Die Hobbyschneiderin kümmert sich um die Näharbeiten, die Mitarbeiter des DRK um Gummiband-Nachschub.

Feuerwehrmann Steven Dierbach

Am Osterwochenende mussten sie fünf Mal ausrücken, um Feuer zu löschen. Als vor wenigen Tagen auf einem Schlotheimer Betriebsgelände ein Chemikalienbehälter zu explodieren drohte, bannten 80 Kameraden von sieben Feuerwehren die Gefahr.„Wir betrachten uns nicht als Helden, wir machen unseren normalen Job.“ Das ist der erste Satz, den er sagt.

Steven Dierbach ist Stadtbrandmeister in Bad Langensalza, er koordiniert die Einsätze der 13 Freiwilligen Feuerwehren, die zur Stadt und ihren Ortsteilen gehören. Sie sind da, wenn eine Unfallstelle gesichert werden muss und Rettungskräfte Unterstützung brauchen; wenn in einem Krankenhaus oder einem Pflegeheim der Feuermelder anschlägt; wenn jemand ohne Schlüssel vor einer geschlossen Tür steht; wenn ein Keller unter Wasser steht, ein Dachstuhl brennt... Zu jeder Zeit, sicher.

Aber in dieser Krisenzeit ist diese Gewissheit, sich auf sie verlassen zu können was immer passiert, ein besonderer Wert. Eine Verlässlichkeit in unsicherer Zeit. Aber so sagt er es nicht. Stattdessen: „Die Vorstellung, dass Kameraden wegen Krankheit oder Quarantäne reihenweise ausfallen, dass unsere Stützpunktfeuerwehr deswegen außer Gefecht ist, bereitet mir Kopfschmerzen.“ Sie tun alles, um dieses Risiko zu minimieren. Mundschutz bei jedem Einsatz, die Besetzung der Mannschaftswagen ist jetzt kleiner, dann rückt eben ein Fahrzeug mehr aus... Einsatzfähig bleiben, das ist die Hauptsache.

Die zehnjährige Tochter sitzt zu Hause, die Arbeitsstelle seiner Frau ist geschlossen: Die Ausnahmesituation hat längst auch sein privates Leben erreicht. „Ich versuche, die Unsicherheit auszublenden, wie jeder von uns“, sagt er. „Die Menschen verlassen sich auf uns.“

Mitarbeiterin der Kassenärztlichen Vereinigung Djamila Wagner

Die ersten beiden Wochen war es am heftigsten: Bis zu 15 Stunden am Tag haben Djamila Wagner und ihre sechs Kollegen vom Anfang März gebildeten Krisenstab der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen gearbeitet. Es gab so viel gleichzeitig zu tun: Schutzkleidung für die Arztpraxen auftreiben und verteilen, Abstrichstellen schaffen, damit Infizierte nicht das Personal und andere Patienten anstecken, und zuletzt auch die Infektsprechstunden.

„Anfangs haben wir Baumärkte und Textildiscounter abgeklappert“, sagt die 40-Jährige aus Gotha. „Wir nahmen alles, was wir kriegen konnten.“ Zunächst sei der Bereitschaftsdienst ausgestattet worden, dann, als ihr Chef einen großen Posten Masken und Kittel direkt aus China ordern konnte, bekam jede Arztpraxis ihren Anteil. Jetzt seien die Psychotherapeuten an der Reihe.

Djamila Wagner hat nicht gezählt, wie oft sie Ärzte am Telefon beruhigen musste. Aber das ist etwas, was sie auch im größten Stress gut kann: Nicht nur, weil sie die Arbeit an der Basis aus dem Effeff kennt – sie hat selbst sieben Jahre als Medizinische Fachangestellte in einer Hausarztpraxis gearbeitet. Auch in ihrem normalen Job in der Stiftung ambulante ärztliche Versorgung Thüringen – einer gemeinsamen Stiftung von Land und KV -- nimmt sie oft junge Ärzte, die in einer Art Fahrschulpraxis den Weg in die Selbstständigkeit beschreiten, beruhigend an die Hand.

Dass die jüngste ihrer drei Töchter nicht versteht, warum Mama jetzt nur noch frühmorgens Zeit für sie hat und nicht wie gewohnt auch am Nachmittag, muss Djamila Wagner jetzt ausblenden. Irgendwann, wenn die Krise vorbei ist, kehrt sie an ihre Teilzeitstelle zurück – und kann dann auch für alle drei Mädchen (3, 14 und 20 Jahre) wieder mehr da sein.

Pflegeheimleiterin Jacqueline Werner

Im Briefkasten lag eine Karte: „Haltet durch!“, unterschrieben von „dankbaren Erfurterinnen“. An der Pforte wurden Blumen und Rosen abgegeben, Kita-Kinder schicken Bilder. „An uns wird gedacht, solche Signale tun gut“, sagt Jaqueline Werner. Und Kraft gibt es auch. Sie leitet die Alloheim Senioren-Residenz „Am Hirschgarten“ in Erfurt. 134 Menschen leben hier, und seit dem Besuchsverbot, der die Senioren vor einer Ansteckung schützen soll, müssen sie und ihr Team noch mehr auffangen, als sonst. Zuhören, Reden, Beruhigen, Trost spenden. Und keiner ist zu Hause geblieben, trotz Corona, trotz geschlossener Schulen und Kitas, bemerkt sie. „Wie eine große Familie, die in schweren Zeiten fest zusammenhält“.

Auch das gibt Kraft. Im Umgang mit Keimen sind sie hier alle geschult, das gehört zu ihrer Arbeit, sie sind Profis. Auch wenn allen klar ist, dass es keine hundertprozentige Garantie geben kann. Sie tun, was möglich ist. Sie weiß aber auch: Die Angst der Bewohner vor dem Virus ist nicht so groß, wie die Angst, ihre Angehörigen lange nicht sehen zu können. Es gibt Bewohner, die bekommen normalerweise fast jeden Tag Besuch. Es wird, erzählt die Leiterin, jetzt viel telefoniert, sie haben auch eine Möglichkeit zum Skypen geschaffen. Aber die Technik kann menschliche Nähe nicht ersetzen. Dafür sind sie da. Die Bewohner sollen sich umsorgt und geschützt fühlen, auch Corona-Zeit ist Lebenszeit.

Im Grunde, sagt sie, ist das jetzt unsere größte Herausforderung.

Installateur Marko Grigoleit

In der Gothaer Kita „Wirbelwind“ gibt es eine undichte Stelle in der Wasserleitung. Installateur Marko Grigoleit (50) parkt sein Auto, schultert die Handwerkertasche und inspiziert den Problemort. „Bekommen wir hin“, bemerkt er knapp und macht sich ans Werk. Er ist kein Mann der großen Worte. Die Kitaleiterin atmet auf. Sie haben hier Kinder in der Notbetreuung, es muss ständig geputzt und abgewaschen werden, die Hygienevorgaben sind streng, und ein Loch in der Leitung hat ihnen allen gerade noch gefehlt.

„Für solche Notfälle sind wir da“, sagt der Installateur vom Gothaer Handwerksbetrieb „Jens Schweiger“. Trotz Corona, trotz beschränkter Kontakte, trotz vereinsamter Straßen. Wenn er in der Kita fertig ist, muss er zu einem Ehepaar, in dessen Wohnung das Wasser schon durch die Decke tropft. „Was sollen die Leute denn machen, wenn plötzlich die Heizung ausfällt oder kein warmes Wasser fließt?“ Befürchtung, dass er sich bei einem seiner täglichen Wege selbst infizieren kann? Den Gedanken, sagt er, lässt er gar nicht erst an sich heran. So weit das geht.

Im Grunde, bemerkt Handwerker Grigoleit, sei er froh, arbeiten zu können in dieser Zeit. Nicht nur, weil kein Gehalt ausfällt. Für ihn ist es einfach ein besseres Gefühl, etwas tun zu können.

Apotheker Florian Wagner

Zweihundert Liter Alkohol hat er sich bei Nordbrand besorgen können. Als Grundstoff für Desinfektionsmittel, das sonst kaum noch aufzutreiben ist. Florian Wagner (36) leitet in Weimar zwei Apotheken – aber in diesen Zeiten muss ein Apotheker auch Krisenmanager sein. Die Lösung reichte immerhin für eine Woche, unter seinen Kunden sind auch Arztpraxen und Pflegeheime, die sind darauf angewiesen, dass er sich etwas einfallen lässt. Dazu gehören zuweilen auch gute Argumente und beruhigende Worte. Als die Kontaktbeschränkungen in Kraft traten, kamen viele Menschen, die schnell Medikamente auf Vorrat kaufen wollten aus Angst vor Engpässen, erzählt er. Nachdem kurzzeitig Fake-News über die Schädlichkeit von Ibuprofen bei Corona kursierten, mussten sie in der Apotheke den Verkauf von Paracetamol auf eine Packung pro Person beschränken. „Sonst hätten manche Kunden, die das Medikament für ihre Kinder brauchen, überhaupt nicht mehr bekommen.“Die Menschen sind verunsichert, haben viel Redebedarf, ein Apotheker ist ja oft auch eine Vertrauensperson. Sie sind jetzt viel in der Stadt unterwegs, um Medizin auszufahren. Die Onlinebestellungen sind um ein Vielfaches angestiegen, weil sich viele Kunden nicht mehr unter Leute trauen. Die Sorge kann er verstehen. Er selber hat sie auch. Kunden bedienen, beraten, beruhigen: Seine 40 Mitarbeiter arbeiten in festen Schichten, damit im Fall der Fälle nicht alle in Quarantäne müssen.Viele Rezepte der Senioren aus den Pflegeheimen, die er beliefert, liegen bei ihm. Wie sollen sie dann an ihre Medikamente kommen? Der Gedanke treibt Apotheker Wagner um.

Tafel-Helferin Dana Franke

Paprika, Bananen, Kartoffeln, Brot, Zwiebeln, Tomaten haben wir. Milchprodukte, Wurst und Obst kommen jetzt seltener rein.“ Dana Franke (38) listet ihre Bestände auf -- wie ein Feldherr sein Arsenal. Sie ist Mitarbeiterin der Arbeitsloseninitiative Talisa, zusammen mit Margit Schönfeld (60) und Judith Franke (35) halten sie in Bad Langensalza die Tafel am Leben. Lebensmittel für Menschen, denen jeder gesparte Euro eine Hilfe ist. Jeden Mittwoch und Freitag stehen sie an der Ausgabe, an den Donnerstagen sind sie in Bad Tennstedt (Unstrut-Hainich-Kreis). Dazwischen sammeln sie in Supermärkten und Bäckereien die Spenden zusammen, fahren Tüten mit Lebensmitteln an diejenigen aus, die nicht selber kommen können. Weil sie krank sind, gebrechlich oder aus Angst vor dem Virus nicht aus dem Haus gehen. Es sind immer mehr Senioren, die diese Hilfe brauchen. Sie sind viel unterwegs, das schafft ein Risiko. „Manchmal denkst du, wer soll das weitermachen, wenn es eine von uns erwischt und wir in Quarantäne müssen“, bemerkt Dana Franke. „Aber das schiebst du schnell wieder weg. Es gibt ja keine Alternative. Solange die Lebensmittelgeschäfte spenden, schmeißen wir den Laden hier.“

„Normalerweise ist die Tafel auch ein wichtiger sozialer Treff“, erzählt sie.„Man trinkt einen Kaffee zusammen und schwatzt. Das ist jetzt weggebrochen.“ Jetzt heißt es Abstand halten beim Warten und dann schnell wieder nach Hause. „Die Menschen“, sagt sie, „sind trotzdem unendlich erleichtert, dass wir noch da sind. Das hören wir immer wieder.“ Kürzlich hatte ein Mann Tränen in den Augen, als er das sagte.

Pflegerin Christiane Werdin

Gerade haben wir Geburtstag gefeiert, ein Bewohner wurde 86 Jahre alt“, erzählt Christiane Werdin (52). Es gab ein Ständchen und Blumen, bei der Kaffeerunde am Nachmittag versuchten sie, sich etwas länger als sonst dazuzusetzen. „Das Besuchsverbot belastet unsere Senioren an solchen Tagen natürlich besonders.“

Sie ist Fachpflegerin im Weimarer Caritas Altenpflegezentrum St. Raphael. 32 Senioren leben auf ihrer Station. Waschen, anziehen, beim Essen helfen, zuhören, Trost spenden. Das gehört zum Alltag ihres Berufs, er fordert ohnehin viel Kraft ab, aber diese Zeiten drücken ihm einen besonderen Stempel auf. Keine Angehörigen, die kommen, keine kleinen Ausflüge. Und im Fernsehen laufen Corona-Nachrichten. Das macht die Tage besonders lang, schafft Zeit zum Grübeln. Das müsse sie auffangen, sie und ihre Kolleginnen sind derzeit die einzige Verbindung zur Außenwelt. „Natürlich machen sich die Senioren Sorgen, ihnen geht es nicht anders, als allen anderen auch“, bemerkt Christine Werdin. „Wir spielen die Gefahr nicht herunter, aber wir versuchen Ruhe und Sicherheit zu geben. Das brauchen die Menschen jetzt.

“Ihre größte Unruhe schafft die Angst vor einer Infektion. Die Sorge, dass sie bei aller Umsicht trotzdem das Virus ins Heim einschleppen könnte. Allen geht es so, bemerkt sie. Bei Hilfen, die ohne Körperkontakt nun einmal nicht möglich sind, tragen sie Mundschutz. Seit die Bestände zur Neige gehen, greift Christiane Werdin zur Selbsthilfe: Nach Dienstschluss näht sie zu Hause aus Stoffresten Mundschutzmasken für sich und ihre Kollegen. „Wir müssen tun, was wir können“, sagt sie. „Wir sind für die Menschen verantwortlich.“

Erzieherin Nicole Sorci

Normalerweise würde es an diesem Morgen in der Gothaer Awo-Kita „Wirbelwind“ turbulent zugehen, aber an diesem Tag sind nur zwei Kinder in der Notbetreuung. In der kommenden Woche werden es mehr sein, sagt die Leiterin,
Nicole Sorci (44). „Unter den Eltern sind auch Mediziner, die ihre Kinder nicht zu uns bringen und andere Möglichkeiten finden“, bemerkt sie. „Um uns Erzieherinnen zu schützen, wie sie gesagt haben, weil es auch eine Zeit nach Corona gibt.“ Das hat sie überrascht und berührt.

Der Kita-Alltag mit so wenigen Kindern ist eine besondere Herausforderung. „Sie brauchen mehr Anregungen, um bei Laune zu bleiben, ihnen fehlen ja ihre Freunde.“ Die Kolleginnen sehen aber auch eine Chance in der Situation. „So können wir die Bedürfnisse und Interessen eines einzelnen Kindes einmal stärker in den Fokus nehmen.“

Natürlich müssen sie auch hier auf besondere Hygiene achten. Jedes Spielzeug wird vor und nach Gebrauch gereinigt, Tische und Stühle sowieso. Desinfektionsmittel heißt hier „Zauberschaum“, wie Viren übertragen werden, haben sie den Kindern mithilfe von Glitzerpuder erklärt. Man muss erfinderisch sein. „Die Kinder brauchen Abwechslung, Routine und Ruhe – das bekommen wir hin“, sagt Nicole Sorci.

Ihr Mann stammt aus Italien, das Thema Corona bewegt sie auch sehr persönlich. Von der Angst, selbst infiziert zu werden, lässt sie sich trotzdem nicht einfangen. Im Gegenteil. „Ich bin froh, dass ich jeden Tag in die Kita kommen und etwas tun kann“, sagt sie. So gehe es allen Kolleginnen.
„Ich bin stolz auf meine Mädels.“

Ärztin Ulrike Reinsch

Tests geben Auskunft darüber, wer mit dem Virus infiziert ist und wer nicht. Test ermöglichen es, Menschen mit einem positiven Befund zu isolieren und so andere davor zu bewahren, sich anzustecken. Tests sind wichtig, um die Infektionsketten zu unterbrechen, den Anstieg der Corona-Zahlen zu verlangsamen, die Pandemie endlich aufzuhalten. Dafür macht Ulrike Reinsch Dienst in der Abstrichstelle des Erfurter Gesundheitsamtes. Freiwillig, wie alle Ärzte, die sich hier in einem abgetrennten und bewachten Saal oder in einer der anderen Abstrichstellen überall im Land bei der Entnahme von Rachen- und Nasenproben abwechseln.

In der allgemeinmedizinischen Gemeinschaftspraxis von Ulrike Reinsch ist mit den Kollegen alles so organisiert, dass die Behandlung von Kranken ohne Covid-19-Symptome weiterlaufen kann. Selbst fürchtet sich die Medizinerin nicht vor dem Virus. Gesunde Menschen haben gute Chancen, sich dagegen zu wehren. „Wir machen es für die, deren Körper diese Abwehr vielleicht nicht leisten kann – Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen und die, die vielleicht gar nichts von ihrem erhöhten Risiko wissen“, sagt die Medizinerin. Dafür nimmt sie die drei bis vier Stunden im Ganzkörper-Schutzanzug in Kauf.

20 bis 30 Patienten kommen pro Schicht. Ob sie das Virus ins sich tragen, wissen sie in ein bis zwei Tagen. Experten und Öffentlichkeit fordern mehr Tests. „An uns soll es nicht liegen“, sagt Ulrike Reinsch.

Rettungssanitäter Niklas Hemme

Montagabend, es geht jetzt auf 20 Uhr, hinter ihm legen zwölf Einsatzstunden. Niklas Hemme (24) ist Notfallfallsanitäter beim ASB in Erfurt. Unter den Einsätzen des Tages war ein schwerer Kopfsturz, ein Infarktverdacht, ein Patient musste reanimiert werden. "Ein vergleichsweise ruhiger Dienst, wir hatten schon andere." Vielleicht liegt es daran, dass die Notrufe, die nicht wirklich Notfälle sind, weniger geworden sind in den vergangenen Tagen. Das ist zumindest sein Eindruck.

"Vielleicht macht die Situation die Menschen vernünftiger", bemerkt er. "Das wäre nur gut, denn Einsätze, die eigentlich ein Fall für den Hausarzt sind, binden Ressourcen, wenn es wirklich um Leben und Tod geht." Dafür bekommen sie jetzt häufiger einen Dank und ein "Bleibt gesund" auf den Weg.

Bei ihren Einsätzen arbeiten sie auch in normalen Zeiten in Schutzkleidung, jetzt tragen sie zusätzlich einen FFP2-Mundschutz. "Der Anblick verunsichert viele Patienten im ersten Moment, wir erklären dann, warum das notwendig ist." Um mit den knappen Ressourcen effektiv umzugehen, werden die Masken am Ende des Dienstes desinfiziert und mehrfach verwendet. Der Nachschub ist schwierig zu organisieren, die Bestände sind überall knapp.

Schwierig für ihn ist die Unbestimmtheit der Situation. Eine latente Gefahr, die nicht sichtbar ist und trotzdem allgegenwärtig. "Das spannt dich an, du gehst zum Dienst und weist nicht, was auf dich zukommt. Ob und wann die befürchtete große Erkrankungswelle anrollt." Er fragt sich, mit welchen Ressourcen sie das dann stemmen müssen. Von Angst spricht er nicht, er nennt es Respekt. Respekt vor einer Situation, für die es keine Blaupause gibt.

Mediziner Olaf Arnold

Wenn man ihn nach seinem derzeitigen Grundgefühl fragt, nennt er die Ungewissheit. Die Frage, was auf sie zurollt. Die Hoffnung, dass die Welle sie nicht mit der Wucht trifft, wie die Kollegen in Italien und Spanien.

Olaf Arnold (51) ist Intensivmediziner im Katholischen Krankenhaus St. Nepomuk in Erfurt. Die Station ist derzeit zu 60 Prozent belegt, alle geplanten Operationen, die nicht überlebensnotwendig sind, werden verschoben, damit die Betten frei bleiben. „Unser Vorteil“, sagt der Arzt, „ist die Zeit. Wir können uns nach Kräften vorbereiten.“ 20 Ärzte arbeiten auf der Station, sie haben das Team so eingeteilt, dass in einer Schicht immer die selben sieben Kollegen im Dienst sind. Um im Quarantänefall handlungsfähig zu bleiben, um Kräfte zu schonen, die sie vielleicht bald brauchen werden. Die Situation besprechen sie jeden Tag neu, die Zahlen vom Robert-Koch-Institut, die Krankheitsverläufe.

„Wir sind Mediziner, die Erfahrung im Umgang mit Infektionen haben und mit Patienten, die intensiv versorgt werden müssen“, sagt er. Trotzdem fragen sie sich jeden Tag aufs Neue, ob sie alles bedacht, oder womöglich etwas übersehen haben. Ob das, was sie jetzt für den Notfall tun, ausreichen wird.

Die zehn Intensivplätze, die es im Normalbetrieb sind, wurden auf 15 aufgestockt. 15 Patienten mit Covid-19, die beatmet werden müssen, könnten sie behandeln, derzeit ist es nur einer. Was, wenn die Kapazitäten nicht mehr ausreichen? „Die Frage“, sagt der Arzt, „stellt sich jeder Kollege.“ Ob sie schmerzhafte Entscheidungen treffen müssen, auf die kein Medizinstudium wirklich vorbereiten kann.

Hebamme Tina Kirchner

Früher Nachmittag, die Erfurter Hebamme Tina Kirchner (42) hat schon acht Besuche bei Wöchnerinnen und ihren Neugeborenen hinter sich. Mutter und Kind untersuchen, Tipps zum Stillen geben, Fragen beantworten, manchmal beruhigen und Tränen trocknen... Jetzt hat sie Sprechstunde, der Warteraum füllt sich mit werdenden Müttern, die eine Vergewisserung brauchen, dass alles in Ordnung ist. Außerdem hatte sie allein im März acht Dienste im Kreißsaal des Helios-Klinikums, mehr als sonst, weil einige Kolleginnen ausgefallen sind.

Das Thema Corona ist in jedem Gespräch präsent. Sie muss jetzt viele zusätzliche Fragen beantworten und beruhigende Worte finden. Dabei versetzen die ersten Tage mit einem Neugeborenen junge Paare ohnehin in einen Ausnahmezustand. Eltern und Großeltern sollten jetzt keine Besuchstouren machen oder helfend bereitstehen, da bleiben nur sie, die Hebammen. Der Fels in der Brandung, am Telefon ist sie bis zum späten Abend erreichbar.

„Die jungen Mütter machen sich Sorgen, und dass die Väter jetzt nicht mehr ans Wochenbett dürfen, treibt werdende Eltern um“, sagt sie. Viele entscheiden sich deshalb in diesen Tagen für eine ambulante Geburt und sind schon wenige Stunden nach der Entbindung zu Hause, statt die ersten drei Tage auf der Geburtsstation zu verbringen.

Für Tina Kirchner bedeutet das einen extrem höheren Aufwand, weil sie viel häufiger zu Hausbesuchen unterwegs ist. Kinder fragen nicht nach der Corona-Krise, sie werden geboren und sind da. Und sie ist für deren Mütter da.

Pflegedienstleiter Michael Weise

Michael Weise leitet das Awo-Pflegewohnheim im Psychosozialen Zentrum Gera. Dort leben 48 Menschen mit psychischen Einschränkungen, der Jüngste ist 32 Jahre alt, 78 der Älteste. Einige von ihnen haben auch körperliche Behinderungen, brauchen Hilfe beim Waschen und Essen, sitzen im Rollstuhl. „Es ist schwer für sie zu verstehen, warum jetzt vieles in ihrem Alltag anders ist“, sagt er. Keine Bastelstunden mit Kindern aus der Kita, keine Ausflüge, keine begleiteten Fahrten in die Stadt. Dafür körperliche Distanz, auch zu den Pflegern.

„Das sind Einschnitte, die beunruhigen. Das müssen wir immer wieder erklären“, sagt er. Normalerweise bemühen sie sich um einen aktiven Alltag, jetzt müssen sie Ruhe ins Haus bringen. Das wird, ahnt er, mit der Zeit immer schwieriger und niemand weiß, wie lange sie dauert – und was sie bringen wird. Für den Fall einer Quarantäne hat er ein Notfallteam zusammengestellt: Er und neun seiner Mitarbeiter, die sich jeweils zu fünft eine Woche lang um die Menschen im Heim kümmern. Rund um die Uhr. Er will vorbereitet sein.

Die Frage, wo sie schlafen werden, ist noch nicht ganz klar. Er denkt über ein Wohnmobil nach, das er im Hof aufstellen will. Mit den Kollegen hat er schon gesprochen. Sie alle haben auch ein Privatleben, Familien, um die sie sich sorgen. Abgelehnt hat niemand.

Dass er einmal ein solches Notszenario entwerfen muss, erscheint ihm noch immer unwirklich. Aber für solche Gefühle ist jetzt kein Raum. „Unsere Bewohner haben keine Angst“, sagt er, „weil sie die unsichtbare Gefahr nicht erfassen können. Sie vertrauen uns.“

Krankenschwester Nancy Furchbrich

In normalen Zeiten arbeiten die Krankenschwester Nancy Furchbrich (45) und ihr Team auf der internistischen Station am Hufeland Klinikum in Bad Langensalza. Als in der vergangenen Woche der erste an Covid-19 erkrankte Patient eingeliefert werden musste, wurde sie zur Corona-Station erklärt. „Wir sind 15 Kollegen, niemand hat gezögert, diese Aufgabe anzunehmen“, sagt die Teamchefin.

Sie sind auf eine leer stehende Station umgezogen, 36 Betten stehen bereit für Patienten, die nicht intensivmedizinisch betreut werden müssen, aber in einem Krankenhaus besser aufgehoben sind. Aktuell kümmern sie sich um drei Erkrankte und einen Verdachtsfall, auf dessen Testergebnisse sie warten.Besuche sind untersagt, sie und ihr Team sind die einzigen Kontaktpersonen. „Wir tun alles, damit sich die Patienten sicher und gut versorgt fühlen“, sagt sie.

Das ist auch logistisch eine Herausforderung: Bevor sie ein Krankenzimmer betreten, muss Vollschutz angelegt werden. Langer Kittel, Schuhüberzieher, Handschuhe, Haube, FFP-Maske, darüber noch ein zusätzlicher Mundschutz. „Wie oft wir das am Tag machen, haben wir aufgehört zu zählen“, bemerkt sie. Die Fernsehbilder aus italienischen und spanischen Krankenhäusern sind gegenwärtig, natürlich. Sie können nur hoffen, dass es so weit nicht kommen muss, sagt sie.

Und an die Menschen appellieren, sich an die Kontaktverbote zu halten, auf sich und auf andere aufzupassen.Sie setzen sich auf dieser Station einem besonderen Risiko aus. Aber das sagt sie nicht. Stattdessen: „Der Umgang mit Infektionsschutz gehört zu unserer beruflichen Routine. Das gibt uns Sicherheit, wir fühlen uns gewappnet.“ Und nein, Angst, sich selbst zu infizieren, lassen sie nicht zu. „Wir sind für unsere Patienten da. Dafür sind wir Krankenpfleger geworden.“

Lehrerin Susanne Steger

Abstand halten! Die Ermahnung schallt immer wieder über den Schulhof, in der Stille ringsum klingt ihre Stimme lauter als sie eigentlich ist. „Die Kinder kennen die Regeln, wir erklären sie immer wieder, aber beim Spielen vergisst man das schnell“, bemerkt Lehrerin Susanne Steger. Zusammen mit Referendar Philip Wandner sichert sie die Notbetreuung an der Erfurter Europaschule, sie wechseln sich im Kollegium täglich ab. 14 Kinder sind es an diesem Vormittag, gerade haben sie ihre Aufgaben erledigt. Zwei Klassenräume sind vorbereitet mit Tischen die extra weit auseinander stehen.

„Die Kinder haben konzentriert gearbeitet, ich kann nicht klagen“, sagt sie. Jetzt sollen sie sich austoben, bevor am Nachmittag die Horterzieherin übernimmt. Normalerweise wäre jetzt ohnehin Hofpause, diese Zeiten halten sie ein, um so viel wie möglich von der alltäglichen Routine in den Ausnahmezustand zu retten. Verlässliche Strukturen in unruhigen Tagen: mit festen Arbeitszeiten, Pausen und Spielzeiten, in denen gebastelt und vorgelesen wird. Die Kinder sollen in der Notbetreuung ja nicht nur „irgendwie unter“ sein. „Sie brauchen jetzt Ruhe und Sicherheit, das versuchen wir auszustrahlen und das gelingt uns auch“, sagt die Lehrerin.

Und nein, an das Ansteckungsrisiko, dem sie sich stärker aussetzt als im Homeoffice, denkt sie nicht. Sie haben hier viele Schüler, deren Eltern im Gesundheitsbereich arbeiten, als Polizisten und Feuerwehrleute. „Die müssen jetzt ihre Arbeit machen und wir machen unsere", sagt sie nur. Für die Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen, steht sie telefonisch bereit. Auch das ist jetzt ein wichtiges Band.

Pflegefachkraft Dajana Sureck-Schön

Viel Zeit zum Gespräch hat sie nicht, gleich beginnt die Mittagsrunde, neun Senioren warten auf ihr Essen. Ihre Schicht begann 6.15 Uhr, 14 Senioren waren es am Morgen, 99 Jahre alt die Älteste.

Waschen, Frühstück bereiten, Medikamente geben, manchmal Spritzen, Sorgen anhören... Dajana Sureck-Schön (35), Pflegefachkraft bei „Häusliche Kranken-und Seniorenpflege“ in Gotha, fährt jeden Tag zu Senioren nach Hause. „Wir sollen“, bemerkt sie, „räumliche Distanz halten, aber wie soll das gehen?“ Neun der Senioren leben ganz allein, sie trifft die aktuelle Situation besonders hart, weil sie isoliert sind. Friseur, Physiotherapie, der Gang ins Café oder zur Fußpflege: Was normalerweise ihren Alltag strukturiert und für Kontakte sorgt, fällt aus.

Lücken, die sie versucht, mit Gesprächen zu füllen, so gut es in der kurzen Zeit geht. Sie ist den ganzen Tag unterwegs, Angst vor einer Ansteckung, sagt sie, hat sie nicht. „Das versuche ich auch den Senioren zu vermitteln“, sagt sie. Ihre kleine Tochter ist zu Hause, natürlich ist das nicht einfach. Ihr Partner kann sich derzeit noch kümmern, was später kommt, wird man sehen.

Sich einen Krankenschein zu holen, kommt für sie nicht in Frage, für keinen der Kollegen im Team. „Viele meiner Senioren“, sagt sie, „kenne ich schon seit Jahren, ich bin fast wie eine Angehörige. Was passiert mit ihnen, wenn diese Verlässlichkeit auch noch wegfällt? Sie sind schon unruhig genug, der Fernseher läuft, sie hören den ganzen Tag Corona-Nachrichten und dass sie zur Risikogruppe gehören. Sie jetzt im Stich zu lassen, passt nicht zu meinem Beruf.“

Zeitungszusteller Hartmuth Schierhorn

Wenn jemand die Stadt in ihren stillsten Stunden kennt, dann ist das einer wie Hartmuth Schierhorn (62). Er gehört zu jenen, die dafür sorgen, dass jeden Morgen die neuesten Nachrichten im Briefkasten liegen: die Zeitungen der Mediengruppe Thüringen und überregionale Blätter. Seit zehn Jahren, sechs mal die Woche, bei Wind, Regen und Eisglätte und auch jetzt, in Zeiten der Krise.

Ihn einen Frühaufsteher zu nennen, wäre untertrieben. Aufstehen um 1.15 Uhr, um zwei Uhr fährt er mit seinem Auto im Druckhaus Erfurt vor, nimmt die druckfrischen Zeitungen in Empfang, zählt nach, sortiert. Spätestens 3.30 Uhr beginnt er seine morgendliche Tour mit 650 Zeitungen im Gepäck. Wenn die letzte im Briefkasten steckt, hat er insgesamt 60 Kilometer zurückgelegt, quer durch die Stadt.

In normalen Zeiten trifft er manchmal die letzten Nachtschwärmer auf dem Heimweg. Doch jetzt sind sogar diese ruhigen Stunden noch ruhiger. Zu seinem Revier gehört auch ein großes Möbelhaus am Stadtrand. Wo sonst Laternen den Parkplatz beleuchten, herrscht jetzt Dunkelheit, nur eine Notbeleuchtung glimmt. Das ist, bemerkt er, ein eigenartiges Gefühl, fast beklemmend. Die Stadt hält den Atem an, man spürt es schon im Morgengrauen.

Wenn Hartmuth Schierhorn gegen sechs Uhr zu Hause ist, genießt er seine vielleicht schönste Stunde am Tag: mit einem Kaffee, der Zeitung und einem guten Gefühl, die Menschen mit ihrer Zeitung versorgt zu haben. Ein Gefühl, das in diesen Tagen sogar noch etwas besser ist. „Ich spüre ja selber“, bemerkt er, „wie groß das Bedürfnis gerade jetzt ist zu wissen, was um einen herum passiert.“