Hier herrscht Ordnung im Erfurter Amt

Erfurt  Die Stadt verklagt einen ihrer Mitarbeiter vor Gericht, weil der bei einem deutschlandweit beachteten Kulturevent etwas Beiläufiges vergaß

Diese barock anmutende Musikergruppe war mit von der Partie. Foto: Ch. Drescher

Diese barock anmutende Musikergruppe war mit von der Partie. Foto: Ch. Drescher

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Hubertus Röder (58), hat eine große Affinität zur klassischen Musik. Er wollte gern zum Thomanerchor, schon als 5-Jähriger. Seine Eltern drängten ihn zum Violinespiel. Eine gute Entscheidung. Noch heute ist das Instrument ein Teil von ihm. Und daher auch die Musik von Johann Sebastian Bach.

Irgendwann stieß Hubertus Röder, der sich in der Erfurter Kulturdirektion viele Jahre als Organisator von Großveranstaltungen einen Namen gemacht hatte, auf den Slogan "Bach in the Subways". Entstanden in der New Yorker Metro, wird dort alljährlich am 21. März, dem Geburtstag des großen Komponisten, auf den Stationen musiziert. Mit riesigem Erfolg. Und inzwischen weltweit.

Röder fand die Idee super und rief seinen Freund Christoph Drescher an. Drescher ist Geschäftsführer des Vereins Thüringer Bachwochen. Der war genau so begeistert. Schnell war klar: Das machen wir auch. Zwar hat Erfurt keine Metro, aber längst hat sich "Bach in the Subways" auf öffentliche Straßen, Plätze, an ungewöhnliche Orten ausgedehnt.

Am 21. März 2016 war es so weit. In aller Herrgottsfrühe wurde der Schmidtstedter Knoten besetzt. Genau zur Rushour bauten sich Musiker aller Couleur an den Ampeln auf. Schalteten die auf Rot, ging die Post ab. Auf der Mittelinsel gab es Barocktanz zu bestaunen, an vier Eckpunkten standen Amateurmusiker und spielten los. Hubertus Röder hatte eine Sängerin an seiner Seite. Beide intonierten die Kaffeekanate. Die Scheiben gingen runter, alles freute sich.

Die beim Verkehrsamt angemeldete Aktion dauerte 45 Minuten und zog ob ihres ungewöhnlichen Potenzials eine hohe mediale Aufmerksamkeit auf sich. Das ZDF Heute Journal drehte, Deutschlandradion Kultur und MDR Kultur waren vor Ort, ebenso das MDR Thüringenjournal. Von allen Seiten nur lobende Worte.

Alles toll?

Überhaupt nicht. Als die Künstler dabei waren, ihre zwei Partyzelte – die vorsorglich als Wetterschutz aufgebaut waren – abzubauen, bekam Röder Besuch. Von zwei Ordnungsamtsmitarbeitern. Sie wollten dies und jenes zu der Aktion wissen, ließen sich die Genehmigung des Verkehrsamtes zeigen und trollten sich dann aber ohne nochmals das Gespräch gesucht zu haben. "Alles klar, habe ich gedacht", so Röder. Nichts war klar. Am 20. April flatterte ihm ein Anhörungsbogen des Ordnungsamtes ins Haus. Man störte sich an den zwei Stoffpavillons, unter denen die Musiker im Ernstfall Schutz hätten suchen können. Der Vorwurf; illegale Nutzung öffentlicher Flächen ohne Sondergenehmigung. Was Hubertus Röder komisch fand. Er legte Widerspruch ein und packte alle Schriftstücke dazu. Auch ein Schreiben des Vereins Thüringer Bachwochen, unter dessen Ägide die Aktion gelaufen war.

Was lange währt, wird schlecht. Anfang dieses Jahres lag ein Bußgeldbescheid über 228,50 Euro im der Post. Am 11. Januar Widerspruch eingelegt, Widerspruch am 13. Februar abgelehnt. Mit dem Hinweis, man gebe den ganzen Vorgang nun an die Staatsanwaltschaft. Nun liegt er beim Amtsgericht.

Die Stadt klagt, trotz kostenloser und begeisterter Publicity für Erfurt, gegen ihren eigenen Mitarbeiter wegen einer Lappalie. Röder hat inzwischen die Nase voll und seinen Plan "Bach in the Subways" in diesem Jahr noch etwas größer und schöner zu gestalten, längst ad acta gelegt hat. Zumindest so lange, bis die Sache beendet ist. Und der hofft, dass Oberbürgermeister Andre-as Bausewein bis dahin die Zeit finden möge, auf seinen Brief vom 16. Februar zu reagieren. Was logisch sein sollte, ob dieser Posse. Aber wenn schon hochrangige Verantwortungsträger im Rathaus abschätzig nur von dem "Typen" reden, wenn von Hubertus Röder gesprochen wird, ahnt man, welches Standing der heute im Haus Dacheröden geparkte Kulturdirektionsmitarbeiter in der Stadtverwaltung hat.

"Das überrascht mich gar nicht", sagt Wolfgang Beese, Kulturexperte der SPD-Stadtratsfraktion. Er weiß zwar, dass eine Sondernutzung öffentlicher Flächen – wie eben mit den beiden Zelten – nicht genehmigungs-, aber anzeigepflichtig ist. Aber hätte man das dem Veranstalter nicht einfach so als Handreichung, als guten Rat fürs nächste Mal mit auf den Weg geben können und gut ist?, fragt er. Das dann so unnachgiebig zu verfolgen, hält er für "unerhört". Was ihn auch an das unwürdige Gezerre um den Kunstcontainer auf dem Anger erinnere.

"Teile der Verwaltung außer Rand und Band"

"Hier sind Teile der Verwaltung außer Rand und Band und niemand hält sie im Zaum", reagiert Beese stocksauer. Er wird die Posse in den Stadtrat und den Kulturausschuss einbringen. Und fügt dann die Hoffnung an, dass sich ein kluger Richter findet, der diesen Unsinn wegen Geringfügigkeit einstellt.

"Man schießt mit Kanonen auf Spatzen", kann Christoph Drescher da nur feststellen. Ein einfacher Hinweis hätte gereicht, wenigstens in der zweiten Stufe des Verfahrens. Und wieso man das jetzt alles an Hubertus Röder festmacht und nicht am Verein, das weiß er auch nicht. Hier verstecken sich Bürokraten hinter Regeln und Gesetzen und keiner hat Mut zur Verantwortung. "Einfach lächerlich."

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