Hohler Vogel wird Heim

Kleinbrembach  Conni und Thomas Zühlsdorff sanieren eigentlich nicht zu rettende Gutsmühle Kleinbrembach

Mühle von Conni und Thomas Zühlsdorff in Kleinbrembach

Mühle von Conni und Thomas Zühlsdorff in Kleinbrembach

Foto: Peter Hansen

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Vage Hinweise auf Mühlen im 785 erstmals urkundlich erwähnten Kleinbrembach finden sich schon im frühen 16. Jahrhundert. Die Gutsmühle, in der Conni und Thomas Zühlsdorff mit ihren Kindern Erik und Franka leben, gibt es verbrieft seit 1814.

Ein geradezu mordsmäßig großes Gebäude war das für damalige Verhältnisse.

30 mal 7 Meter groß, dreigeteilt in Stall-, Wohn- und Mühlenbereiche. So etwas so kurz nach den Befreiungskriegen aus dem Nichts zu schaffen, konnte möglicherweise nicht mit rechten Dingen zugehen! Urbane Legenden, so nennt Thomas Zühlsdorff die Überlieferungen, glauben zu wissen, dass dies mit einem samt Kriegskasse und Hund abgestiegenen napoleonischen Quartiermeister zu tun haben könnte. Bei Bauarbeiten im Gutshaus in den 30ern sollen unter einer Treppe ein menschliches und ein Hundeskelett gefunden worden sein. Keine Kasse. Die, also deren Inhalt, hat sich dann wohl in der Mühle materialisiert. Alles Legende. So wie auch die Geschichte von den hier abgestiegenen Kosaken, die sich beschwert haben sollen, der auf dem Gut gebrannte Schnaps sei zu leicht.

Die Zühlsdorfs, er arbeitet in der IT-Branche, sie in der archäologischen Denkmalpflege, erwarben die Mühle 2003.

Zuvor hatte diese über Jahre leer gestanden, war angeblich Schauplatz für Mutproben Jugendlicher. Zu Schaden gekommen ist zum Glück niemand – und auch drinnen nichts.

Als die Zühlsdorffs, Zugereiste, sie sich damals anschauten war von ihr, auf Initiative des ersten Nachwendebürgermeisters noch unter Denkmalschutz gestellt, von der Straße aus nichts zu sehen. Rein gar nichts.

Der Hof lag 20, 30 Zentimeter tief unter Unrat und Mutterboden. Die Bäume reichten hinauf bis zur Traufe. 2004 haben sie mit der Sanierung begonnen, den Hof „händisch“ bis aufs Kopfsteinpflaster ausgebuddelt, den Wildwuchs zwischen den Steinen beseitigt. „Der kommt aber immer wieder“, seufzt Conni Zühlsdorff. Vorm Mühlentag war alles pikobello für die vielen Gäste. Ein paar Wochen später, nach dem Urlaub, war schon wieder Grün die vorherrschende Farbe.

Das Haus haben sie beräumt. Und den nächsten Rückschlag erkennen müssen: Die augenscheinlich gute Bausubstanz erwies sich als optische Täuschung. Als sie – die alten Möbel standen noch drinnen, so wie auf dem Dachboden auch noch die Amateurfunkanlage des letzten Vorbesitzers – im großen Zimmer, neben ganz vielen ganz kleinen, die Anrichte von der Wand rückten, sahen sie die Bescherung: Hausschwamm. Eigentlich irreparabel.

Sie zogen einen Sachverständigen zu Rate. Ergebnis seines Gutachtens: Ein Erhalt des Gebäudes ist aus wirtschaftlichen Erwägungen nicht empfehlenswert. „Schon paradox“, erinnert sich Thomas Zühlsdorff. „Andere Interessenten wollten damals abreißen und neu bauen – und durften nicht. Wir hätten jetzt gedurft – und wollten nicht.“

Sicher, Abriss und kontrapunktischer Ersatzneubau mit viel Glas und Stahl, das wäre eine Alternative gewesen.

Allerdings nicht ihre. Quasi entkernen mussten sie ihre Mühle trotzdem. Alle Decken, alle Wände – bis auf einige Fenster – kamen raus. „Das Haus war danach ein hohler Vogel“, sagt Thomas Zühlsdorff.

Peu a peu wurde eine Aufgabe nach der anderen in Angriff genommen. 2005 sind sie in die Baustelle gezogen. „Da war nur die Küche fertig“, erinnern sie sich, gerade in dieser sitzend.

2007 waren sie mit dem Gröbsten fertig, eingerichtet, angekommen.

So richtig fertig ist man mit so einem Gebäude ja ohnehin nie. Es bleibt immer etwas zu tun.

Thomas Zühlsdorff führt die Gäste herum, am Mühlentag auch gern in Müllerskluft mit der obligatorischen weißen Zipfelmütze, hinein in den eigentlichen Mühlentrakt, in dem die Zeit stehen geblieben scheint. „Hier ist alles erhalten – bis auf ein, zwei Kornrutschen vielleicht“, erläutert er. Nach dem Tode des Müllers Rettich, in den 50er-Jahren, ist der gewerbliche Betrieb der Mühle eingestellt worden, bis 1985 wird noch privat Futterschrot gemahlen.

Guckt man sich um: Es hätte gestern gewesen sein können...

Die Technik stammt vom Anfang des 20. Jahrhunderts, einiges ist älter. Von 1875, 1850 ...

Zeit und Geld ohne Ende haben Zühlsdorffs in ihre Mühle gesteckt. „Das ist wie ein Fass ohne Boden“, sagt Thomas Zühlsdorff. „Nein, eher wie eines mit Trickboden. Du wirfst was rein, denkst, es ist voll und im nächsten Moment ist es wieder leer.“ Warum also? Was hat man davon, was gibt einem das Leben in so einem alten Haus?

Conni Zühlsdorff: „Es ist einfach ein fantastisches Wohnen, eine einmalige Lebensqualität. Diese Ruhe, die alten Bäume, du hörst die Nachtigall, den Pirol. Es ist einfach schön.“

Einmal hat Thomas Zühlsdorff einem Bussard direkt vor dem Küchenfenster aus nächster Nähe beim Jagen zuschauen können.

„Es wäre noch schöner, wenn der Öffentliche Personennahverkehr uns in Kleinbrembach öfter anfahren würde. Jetzt in den Ferien und an den Wochenenden fahren kaum Busse. Auch ein Radweganschluss fehlt. Der Konsum ist seit ein paar Jahren zu“, benennt er Nachteile des Lebens auf dem Dorf.

Ob sich ihre Kinder diesen Nachteilen einmal weiter stellen wollen, steht in den des Nachts hier meist gut sichtbaren Sternen.

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