Ich bin ein Russenkind

Ein Leben lang trieb die Tochter einer Deutschen und eines sowjetischen Offiziers die Frage nach ihrem Vater um. Vor vier Jahren fand sie die Vaterfamilie in Minsk.

Das Bild des Vaters von Ulrike G., das ihr der russische Halbbruder aus Minsk schickte. Als Jugendliche erfuhr sie von der Liebesbeziehung zwischen ihrer Mutter und dem sowjetischen Offizier Alexander. Foto: privat

Das Bild des Vaters von Ulrike G., das ihr der russische Halbbruder aus Minsk schickte. Als Jugendliche erfuhr sie von der Liebesbeziehung zwischen ihrer Mutter und dem sowjetischen Offizier Alexander. Foto: privat

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Wenn Ulrike G. an ihre Kindheit denkt, spürt sie noch heute dieses Gefühl: Ich bin anders.

Ihre Familie stammt aus Ostpreußen, 1945 kamen sie ins Ruhrgebiet. Sie sprachen hochdeutsch, die anderen ruhrpöttisch. Sie waren evangelisch, die anderen katholisch. In der Schule fiel sie auf, weil sie gern und gut lernte. Von 44 Kindern in der Klasse war sie das einzige Mädchen, dass auf das Gymnasium wechselte.

Aber das war es nicht, nicht nur.

Da war dieses Unausgesprochene in der Familie. Oder Unaussprechliche, je nach Perspektive. Die Mutter war Witwe, für sie war klar, der Vater war im Krieg geblieben. Das war nichts Ungewöhnliches in jenen Jahren. Ungewöhnlich fand sie nur, dass nie jemand über ihn sprach. Kein Bild, kein freundliches „das hast du von deinem Vater...“ Und da war diese Distanz, die Verwandte zu ihr hielten. Als sei sie nicht eine von ihnen. Aus der Art geschlagen, irgendwie. Wenn es in Gesprächen um sie ging, wurde sie aus dem Zimmer geschickt.

Einmal, sie sah ihre Mutter auf einem alten Bild neben einem unbekannten Mann stehen, fragte sie die Tante: Ist das mein Vater? Ihren Blick sieht sie heute noch vor sich. Abweisend, abwehrend. Ein Blick, der Schweigen befahl. Sie kannte das Wort „Tabu“ noch nicht, aber sie wuchs mit seiner Bedeutung auf. Dazu gehörte das instinktive Wissen, dass Fragen ihre Mutter verletzen. Also fragte sie nicht.

Die Mutter heiratete wieder, bekam einen Sohn, ihren Halbbruder. Sie war etwa zwölf, da fiel ihr das Familienbuch der Mutter in die Hände. Sie fand den Namen des Bruders. Unter der Spalte „Kinder aus erster Ehe“ stand nichts. Eine leere Seite. Es gab sie nicht. Sie blätterte weiter. Ganz hinten fand sie sich unter dem Eintrag „uneheliche Kinder“, mit dem Mädchennamen der Mutter. Dabei hatte sie die Tochter überall unter ihrem Witwennamen angemeldet, was sie gar nicht durfte. Der Vater: unbekannt.

An das Zittern, die Tränen, die diese dürren Worte in ihr auslösten, kann sie sich bis heute erinnern. Aber sie fragte nicht. Und vergaß. Es war ein Cousin, der ihr ein paar Jahre später, es ging in einem Gespräch um uneheliche Kinder, beiläufig eröffnete: Das bist du. Dein Vater ist ein russischer Offizier.

Dieses Mal fragte sie. Und ihre Mutter erzählte. Von dem Sammellager in Stolpmünde im heutigen Polen, in dem sie unterkamen nach ihrer Flucht aus dem Osten mit dem Treck übers Eis. Und von jenem klugen, gut aussehenden russischen Offizier, der zu den Wachmannschaften gehörte und in den sie sich verliebte. Alexander Iwanowitsch.

Als sie schwanger wurde, war er es, der ihr riet, in den Westen zu gehen, wo die Eltern schon waren. Zum Abschied gab er ihr ein Foto von sich, in Zivil. Auf der Rückseite der volle Name und seine Adresse.

Aber das Foto gab es nicht mehr. Die Mutter hatte es gehütet, aber nicht gut genug. Als sie wieder heiratete, fand es die Großmutter und verbrannte es.

Das konnte sie ihrer Großmutter ein Leben lang nicht verzeihen.

Sie kannte nicht mal den vollständigen Namen

Und nein, es war kein Schock. Keine Scham, keine Verwirrung. Im Gegenteil. Sie konnte, sagt sie, mit diesem Wissen gut leben. Ihr Anderssein hatte jetzt eine Erklärung, eine Geschichte, die von Liebe handelte. Sie war sogar stolz drauf.

Vielleicht war es auch die erwachende Widerständigkeit des Teenagers, der diesen fast trotzigen Stolz gebar. Auf den unbekannten russischen Offizier, der ihr Vater war.

Das änderte sich erst recht nicht, als sie später als Studentin nach Berlin ging. Eine offene Stadt, eine offene Zeit, es waren die 70er. „Ich bin ein Russenkind.“ Sie sagte diesen Satz gern und oft. Sie versuchte sogar Russisch zu lernen und glaubte, die Sprache müsste ihr zufliegen. Nein, es ging ihr nicht schlecht mit diesem Wissen.

Nur dass sie eine Unvollständigkeit spürte. Eine Sehnsucht nach dem Wissen um die zweite Hälfte. Was von ihm ist in mir?

Mit Freunden fuhr sie in die Sowjetunion. Ein paar Wochen waren sie unterwegs, von Berlin bis Jerewan. Im Kopf der romantische Gedanke, auf Vatersuche zu sein. Sie kannte nicht einmal seinen vollständigen Namen.

Einmal, es war in Rostow am Don, sah sie im Park Veteranen mit ihren Orden an der Brust auf einer Bank Schach spielen. Plötzlich verspürte sie diesen irrationalen Drang, auf sie zuzugehen und zu sagen: Hier bin ich, mein Vater ist einer von euch. Kennen Sie Stolpmünde? Sie spürte ihr Herz hämmern und sagte sich: Du spinnst. Und ging weiter.

Jahre später sollte sie erfahren, dass ihr Vater in genau dieser Zeit mit seiner Familie in Rostow am Don lebte. Seitdem spult sich in ihrem Kopf immer wieder diese filmreife Was-wäre-wenn-Fantasie ab. Wenn jemand von den Veteranen Deutsch verstanden hätte. Wenn jemand zufällig ihren Vater gekannt hätte.

Wenn sie ihn getroffen hätte an jenem Tag im Park.

Den vollständigen Namen des Vaters erfuhr sie erst viel später. Da war sie schon 50, ihr Stiefvater war gestorben, da nannte ihn die Mutter. Grabaurow. Alexander Iwanowitsch Grabaurow.

Du musst ihn suchen. Freunde ermunterten sie immer wieder, weil die Sehnsucht sie nicht loslassen wollte.

Die Wende hatte vieles verändert und in Russland hatte Gorbatschow die jahrzehntelangen Verkrustungen aufgebrochen. Wann, wenn nicht jetzt?

Sie schrieb nach Karlshorst ans Militärmuseum. Sie fragte im russischen Militärarchiv in Podolsk, beim Internationalen Roten Kreuz. Sie ging zur russischen Botschaft in Bonn. Sie schrieb an den deutschen Botschafter in Moskau. Über Völkerverständigung und dass diese Suche doch beitragen könne, fast symbolisch sei sie. Kein gutes Thema in Russland, schrieb man zurück.

Irgendwann bat sie den Freund ihrer Tochter, ein Historiker mit Russischkenntnissen: Versuche du es. Es war ein Strohhalm, nicht mehr.

Aber er fand eine Spur über einen russischen Namensforscher. Und dann kam diese E-Mail aus Minsk. „Mein liebes Schwesterchen...“

Das ist jetzt vier Jahre her. Die Erinnerung daran treibt ihr bis heute die Tränen in die Augen.

Sie hatte einen russischen Halbbruder Wladimir, sechs Jahre älter als sie, der Vater hatte also schon eine Familie gehabt.

Es war ein langer Brief voller Herzlichkeit, voller Wärme. Er schrieb ihr von seinem Glück, eine Schwester gefunden zu haben. Vom Vater, der 1986 starb, während einer Operation noch unter Narkose. Vor der Zeit. Der ein kluger und guter Mensch war. Der zwei Hochschulabschlüsse hatte und der, um die Familie zu schützen, seine deutsche Herkunft ein Leben lang verschleierte. Auch das war eine Überraschung für sie. Ihr Vater, der Russe, hatte deutsche Wurzeln.

Im Anhang des Briefes fand sie ein Bild des Vaters. In einer fremden Uniform, aber mit einem Gesicht, das ihr vertraut war. Aus dem Spiegel, sagt sie.

Erzählungen über den unbekannten Vater

Es dauerte nicht lange, da holte sie ihn am Bahnhof ab. Sie fielen sich in die Arme.

Sie haben sich seitdem wiederholt getroffen, In Petersburg, in Minsk. Manchmal staunen sie über die Gemeinsamkeiten, die sie finden. Sie reden englisch miteinander, das mit dem Russischen wird wohl nichts mehr, sagt sie lächelnd. Er ist Professor für technische Wissenschaften. Sie hat seine Familie kennengelernt, die ja auch ihre ist.

Und ja, sie hat ein Stück ihrerselbst gefunden, nach dem sie sich so lange gesehnt hatte. Ist, wie sie sagt, ein wenig „ganzer“ geworden.

Ein Glück und ein Schmerz gleichermaßen. Weil sie ihm nie begegnet ist, dem Vater.

Sie weiß, dass ihre Geschichte eine gute Geschichte ist. Eine, wenn man so will, mit einer glücklichen Fügung.

Sie weiß aber auch, dass viele Geschichten von „Besatzungskindern“ in Deutschland anders verliefen. Eigentlich die meisten. Kinder, die aus Vergewaltigungen entstanden, die ein Leben lang unter dem Schweigen ihrer Mütter litten, die das Stigma ihrer Herkunft nicht abschütteln konnten und die Scham der Mutter auf sich nahmen. Oder die suchten aber nicht gefunden werden wollten.

Wer bin ich, wo komme ich her? Wie sehr diese Frage ein Leben prägen kann, weiß sie auch aus ihrem Beruf, sie ist Psychologin. Nur deshalb möchte sie in der Zeitung nicht erkannt werden. Es ist eine Frage von Professionalität, sie arbeitet mit Menschen.

Aber ihre Geschichten, sagt sie, die muss erzählt werden. Wir alle sind Menschen, unsere Herkunft darf uns nicht trennen. Wer sonst sollte diese Botschaft weitergeben wenn nicht sie, die „Russenkinder“.

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