Im Gedenken an Walter Krämer

Unser Leser Frank Hildner sieht den Arzt von Buchenwald wieder besser gewürdigt, als dies 20 Jahre lang der Fall war.

Krämerbüste des Bildhauers Eberhard Reppold und Eingangstafel der Medizinischen Fachschule. Foto: privat

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"Walter Krämer", war der Ehrenname für die ehemalige Medizinische Fachschule in Weimar. Im Juni 2012 jährt sich der Geburtstag des "Arztes von Buchenwald" zum 120. Mal. Unser Leser Frank Hildner blickt auf Krämers Leben und dessen Einschätzung in verschiedenen politischen Systemen zurück.

Vor 40 Jahren, im Sommer 1972 erhielt eine der größeren Bildungseinrichtungen der Stadt, den Ehrennamen "Walter Krämer". Für die damals Anwesenden ein besonderes Erlebnis, dass zwei Zeitzeugen, die Buchenwaldhäftlinge Ottomar Rothmann und Kurt Roßberg, der Namensgebung beiwohnten. Während Ottomar Rothmann eine lebendige Laudatio auf seinen ermordeten Kameraden hielt, zitierte Kurt Roßberg Kurztexte aus der Dissertation seiner jungen Ehefrau Christine, welche den Leidensweg Walter Krämers im KZ Buchenwald aus der Anonymität geholt hatte.

Als dann der Weimarer Bildhauer Eberhard Reppold, seine gelungene Krämerbüste der Öffentlichkeit vorstellte, war ein emotionaler Höhepunkt erreicht. Hier ein Faktum für die Nachgeborenen: Die Medizinische Fachschule "Walter Krämer" der Kliniken und Polykliniken Weimar, hat im Zeitraum von 1972 bis 1990, in dreijähriger dualen Ausbildung, Tausende hochqualifizierte Absolventen in die Praxis entlassen.

Für all diese jungen Frauen und Männer war der Antifaschist und Humanist Walter Krämer ein unaufgezwungenes Vorbild für ihren selbst gewählten Berufsstand. Hier ist dem Autor noch ein Wunsch des Buchenwaldhäftlings Emil Carlebach im Gedächtnis, den er den Fachschülern empfahl: "Ich kann den jungen Medizinern nichts besseres wünschen, als dass sie werden, wie Walter Krämer war; mutig, gerade, hilfsbereit und immer solidarisch". Dies hatten sie bis heute verinnerlicht, wie dem Autor vielfach bestätigt worden ist.

Wer war nun dieser Mann, dessen ethikgeprägte Charaktereigenschaften, vor allem aber dessen autodidaktisch erworbenen medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten uns so faszinierten und die vor allem vielen KZ-Mithäftlingen das Leben retteten?

Nach dem Reichstagsbrand als KPD-Politiker erneut wegen Hochverrat zu mehrjähriger Haft verurteilt, kam Krämer ins KZ Lichtenberg und 1937 als Häftling in das KZ Buchenwald. Eine unglaubliche "Ausbildung" zum "Arzt von Buchenwald", veränderte sein Leben. Der österreichische Mithäftling Eugen Kogon wählte in seinem Standardwerk "Der SS-Staat" die Worte: "Walter Krämer war eine starke und mutige Persönlichkeit, ungeheuer fleißig und sehr organisationsbegabt; er wurde ein vorzüglicher Wundbehandler und Operateur". In überlieferten Operationsbüchern ist er in 223 Fällen als Operationsassistent eingetragen. Vermutlich hat Krämer selbst operiert, sein Name durfte in den Dokumenten nicht allein stehen. Da er SS-Größen operierte und von Krankheiten befreien musste, illegal jüdische Häftlinge operierte sowie russische Kriegsgefangene pflegte und ständiger Augenzeuge von Unmenschlichkeiten der SS-Ärzte war, wurde er im Außenlager Goslar, am 6. November 1941 ermordet. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ehrte 1999 Walter Krämer posthum mit der Auszeichnung "Gerechter der Völker". Diese Auszeichnung ist die höchste, die der Staat Israel an Nichtjuden vergeben kann.

Die Auflösung aller Medizinischen Fachschulen im ehemaligen DDR-Gebiet war der Tatsache geschuldet, dass es keine gleichwertige Ausbildung für mittleres medizinisches Personal im alten Bundesgebiet gab. Dies führte auch dazu, dass Walter Krämer wieder in die Anonymität der Geschichte verschwinden musste.

Der spanische Buchenwaldhäftling Jorge Semprun, benennt in einer seiner letzten Schriften, die erzwungene "Kooperation" zwischen SS und roten Kapos in Buchenwald "schäbig und heldenhaft, blutig und großmütig, tödlich und moralisch". Hier muss man Volkhardt Knigge, Direktor der Stiftung Buchenwald, zustimmen, wenn er sagt: "Es gibt eben nicht die eine Geschichte von Buchenwald, sondern viele und es gilt herauszuarbeiten, wie mit diesem Faktum produktiv umgegangen werden kann". Inzwischen werden die Stimmen lauter, sich der geschichtlichen Wahrheit wieder anzunähern.

So konnten auch mit großer Genugtuung Siegener und Weimarer Bürger erleben, dass sich ihr jahrzehntelanger Kampf für eine Anerkennung der Leistung Walter Krämers gelohnt hat. Der konservative Stadtrat von Siegen hat nunmehr beschlossen, dem Sohn der Stadt, Walter Krämer, ein Denkmal zu setzen. Bürgermeister Steffen Mens Begründung zeigt die neue Position: "Es geht bei dieser dauerhaften Ehrung um das humanitäre und selbstlose Handeln und Wirken, das eindeutig über weitem die Kritik an seiner Person überstrahlt".

Für Weimarer Bürger und Besucher der KZ-Gedenkstätte hat der VVN/BdA Siegerland-Wittgenstein und die Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora im Vorraum zum Krematorium eine neue Erinnerungstafel angebracht. Hier kann der Besucher innehalten oder mit einer Blume des 120. Geburtstages von Walter Krämer gedenken.

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