Im Hainich auf der Suche nach Käfern, Larven und Fliegen

Mülverstedt  Im Biodiversitäts-Exploratorium Hainich-Dün geht das Forschungssemester zu Ende. Totholzprojekt läuft seit 2009

Im Nationalpark Hainich werden Marco Lutz (vorn Mitte) und Jasmin Bartetzko (rechts) oft neugierig angeschaut, wenn sie mit Schubkarren und Plastikbeuteln in den Wald stiefeln. Foto: Jens König

Im Nationalpark Hainich werden Marco Lutz (vorn Mitte) und Jasmin Bartetzko (rechts) oft neugierig angeschaut, wenn sie mit Schubkarren und Plastikbeuteln in den Wald stiefeln. Foto: Jens König

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Bei jedem Schritt, den Marco Lutz tut, knackt es unter seinen Füßen. Es sind die unzähligen Bucheckern, die zerplatzen, wenn er mit seinen Gummistiefeln auf sie tritt. Es ist schon fast ein Knistern, dass an das Geräusch von Brausepulver erinnert, das sich im Mund auflöst.

Der Chemisch-Technische Assistent geht den leicht ansteigenden Waldweg im Hainich Nationalpark entlang. Auf dem Rücken hat er einen Rucksack, in der linken Hand einen Müllsack, in der rechten einen leeren Plastikkanister.

Marco Lutz von der Technischen Universität München ist mit seiner Kollegin Jasmin Bartetzko und zwei Helfern im bei Mülverstedt unterwegs, um Fliegen, Larven und Käfer zu sammeln und herauszufinden, wie viele Arten von ihnen im Hainich leben. Genauer gesagt im Totholz. Denn: „Ein Baumstamm ist auch nachdem er geschnitten wurde Lebensraum für viele Organismen“, sagt Marco Lutz.

Die Forschergruppe möchte auch herausfinden, wie sich die Insektengemeinschaft im immer weiter verrottenden Holz verändert und inwieweit Artenvielfalt und Landwirtschaft zusammenhängen.

Im Hainich und im Dün 468 Baumstämme

Das Projekt heißt „BELongDead“, zu deutsch etwa „Sei lange tot“, und wurde im Jahr 2009 gestartet. Seit dem liegen insgesamt 468 Baumstämme über verschiedene Waldarten im Hainich und Dün verteilt. Dort rotten sie vor sich hin.

Das Projekt findet im Rahmen der Biodiversitäts-Exploratorien statt, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert werden. Hainich-Dün ist so ein Exploratorium. Die beiden anderen sind die Schwäbische Alb und die Schorfheide-Chorin bei Berlin.

Auf insgesamt 300 Untersuchungsflächen forschen 300 Mitarbeiter von 50 Institutionen aus ganz Deutschland, aber auch Jerusalem, Wien und Bern. Die Ergebnisse werden regelmäßig verglichen und münden unter anderem in einer Jenaer Online-Plattform, auf die alle beteiligten Wissenschaftler Zugriff haben.

Die Luft im Hainich ist kalt und feucht. Ab und zu fällt eine weitere Buchecker durch die Zweige auf den mit Laub bedeckten Waldboden. Hier liegen auch die Baumstämme für das Totholz-Projekt nebeneinanderaufgereiht. Vorne dran liegt die Kirsche, dann die Birke, dann die Fichte und so weiter.

An unterschiedlichen Stellen sind 40 Zentimeter breite Ringe angebracht, die mit feinmaschigem Draht umspannt sind. Die Ringe sitzen auf den Baumstämmen auf. Links und rechts sind sie mit schwarzem Tuch so abgedeckt, dass es so aussieht, als ob kleine Pavillons auf den Bäumen sitzen. Oben auf dem Ring befindet sich eine Öffnung, auf der eine Plastikschale befestigt ist. Hier finden die Insekten-Sammler ihre Beute.

Tote Insekten werden in München untersucht

Der abgedunkelte Bereich zwischen Baumstamm und Ring hat nur drei Stellen, an denen Licht eindringen kann. Denn: „Nachdem die Insekten am Stamm geschlüpft sind, suchen sie das Licht“, erklärt Marco Lutz. An den Öffnungen ist aber jeweils ein kleines Plastikbehältnis mit Fangflüssigkeit angebracht, mit der die abgetöteten Insekten konserviert werden.

Ab März werden diese Behälter alle fünf Wochen kontrolliert. Dazu wird die Flüssigkeit über einen Teebeutel abgegossen und in einem Kanister aufgefangen. Die toten Insekten werden zur Universität München geschickt. Dort werden sie bestimmt und an jeweilige Experten zur Feinbestimmung weitergeschickt. „So findet man heraus, welche und wie viele Organismen auf dem Totholz leben“, sagt Marco Lutz.

Ganz aktuelle Zahlen kann er nicht liefern. Aber: „Zwischen 2008 und 2011 fanden sich gut anderthalb Millionen Individuen auf den Stämmen im Exploratorium Hainich-Dün. Da seitdem derselbe Aufwand bei dem Experiment betrieben wurde und aus der Erfahrung in der Praxis heraus, kann ich sagen, dass es sich in den Folgejahren auf eine ähnliche Anzahl addiert haben muss.“

Pilze wollten die Forscher bei ihrer Suche in den Pavillons eigentlich nicht finden. Einer suchte sich aber den Kirschstamm als Heimat aus.

„Esche 45 Spinne“, ruft es da vom Nachbarbaumstamm. Beim Öffnen des Behälters ist Jasmin Bartetzko ein Spinnennetz aufgefallen. „Das müssen wir vermerken, weil das Ergebnis so beeinträchtigt wurde“, sagt Marco Lutz. „Die Spinne könnte einige Insekten vor dem Eindringen in die Fangflüssigkeit gefressen haben. Das ist sogar eher der Regelfall als eine Ausnahme.“

Auf dem Weg zum nächsten Untersuchungspunkt stampft Marco Lutz mit Kollegin und Hilfskräften durch das Unterholz, dass von Buchen eingenommen wird. Es geht vorbei an Plastikflaschen im Boden und Mülleimern an Bäumen mit denen Regenwasserproben genommen werden. Eine Falle für flugfähige Insekten hängt zwischen zwei Buchen. In werkzeugkistenähnlichen Behältern werden Stickstoffkreisläufe überwacht. Auch Nationalparkbesucher sind oft neugierig. „Wenn wir mit Müllsäcken und Schubkarren in den Wald laufen, fragen die Leute schon verwundert, was wir denn vorhätten“, sagt Marco Lutz und grinst.