Innovative Antriebstechnologie: Interesse an Wasserstoff-Zug für Thüringen

Erfurt  Die Erfurter Bahn will ein neues Antriebskonzept in Ostthüringen testen. Das Umweltministerium sieht Chancen, Kohlendioxid einzusparen.

Auf den ersten Blick sieht der Coradia iLint von Alstom aus wie ein gewöhnlicher Zug. Die Druckbehälter für den Wasserstoff befinden sich auf dem Dach.

Auf den ersten Blick sieht der Coradia iLint von Alstom aus wie ein gewöhnlicher Zug. Die Druckbehälter für den Wasserstoff befinden sich auf dem Dach.

Foto: Alstom

Bislang fährt die Erfurter Bahn nur mit Dieseltriebwagen durch Ostthüringen. Geht es nach dem Geschäftsführer Michael Hecht, kommt eine innovative Antriebstechnologie dazu, die ohne Abgase auskommt.

„Wir haben großes Interesse, Züge auf Wasserstoff-Basis zu erproben“, sagt Hecht und verweist auf ein neues Fahrzeug des französischen Herstellers Alstom, das vor dem ersten Linieneinsatz steht. Der Prototyp des Coradia iLint erprobt auf der niedersächsischen Strecke von Buxtehude nach Cuxhaven den Betrieb mit Fahrgästen.

Nach Herstellerangaben ist es der weltweit erste Niederflur-Personenzug, der mit einer Wasserstoff-Brennstoffzelle betrieben wird, die elektrische Energie für den Antrieb erzeugt. Der geräuscharme Zug gebe nur Wasserdampf und Kondens­wasser ab. Das Fahrzeug tankt gasförmigen Wasserstoff, so dass ein Neben­produkt von industriellen Prozessen sinnvolle Verwendung finden kann. Eine Erzeugung sei auch aus erneuerbaren Energien wie Windkraft denkbar. Der Transport des Gases in Druckbehältern auf dem Dach sei sicher, heißt es von Alstom.

Michael Hecht reizt vor allem der Umweltaspekt. Bislang verfügen die Triebwagen RS1 in der Flotte im besten Fall über eine mit der Euro 5 bei Autos vergleichbare Abgasnorm. Diese werde nur bei jenen Zügen erreicht, die Harnstoff als Zusatz zur Abgasreinigung tanken.

Aus Umweltsicht wären als Alternative elektrische Züge die beste Wahl. Weil es aber finanziell utopisch ist, über jede Strecke eine Oberleitung zu ziehen, braucht es Alternativen. Akku-betriebene Züge hält Hecht wegen der geringen Reichweite nicht für alltagstauglich. Für die Züge mit Wasserstoff-Brennstoffzelle seien hingegen Reichweiten von bis zu 800 Kilometern prognostiziert, so dass sie in die normale Umlaufplanung eingetaktet werden könnten.

Erzeugen von Wasserstoff ist Herausforderung

Bleibt die größte Herausforderung: Wo kann die Bahn Wasserstoff in großen Mengen tanken? Bislang besteht dafür keine Möglichkeit in Thüringen. „Wir benötigen einen Speicher oder eine Anlage zur Produktion“, sagt Hecht. Platz dafür gebe es auf dem Firmengelände in der Landes­hauptstadt. Dort steht auch die Werkstatt, in die das kommunale Unternehmen investieren müsste. „Bei einem Wasserstofffahrzeug wären besondere Sicherheitsvorkehrungen bei der Wartung und regelmäßige Dichtigkeitsprüfungen notwendig“, sagt der Geschäftsführer. Deshalb führte die Erfurter Bahn bereits Gespräche mit dem Umweltministerium über eine mögliche Förderung eines solchen Projektes.

„Wasserstoff-Brennstoffzellen-Antriebe sind insbesondere für Triebwagen eine sehr innovative Technologie“, sagt Tom Wetzling, Sprecher des Umweltministeriums. Da die Erfurter Bahn bislang nur Dieseltriebwagen betreibe, könne besonders viel CO2, Luftschadstoffe und Lärm reduziert werden.

Andere Bundesländer zeigen bereits großes Interesse an der neuen Technik. Alstom liegen Absichtserklärungen für die Anschaffung vor. In Hessen sollen 20 Züge bis Ende 2021 rollen, Niedersachsen will bis 2020 auf 14 Züge kommen. Auch in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg gibt es bereits Einsatzpläne. „Thüringen gehört noch zu den grauen Flecken auf der Landkarte. Das wollen wir ändern“, sagt Hecht.

Zumal in Thüringen die Quote von Bahnstrecken mit Oberleitung am niedrigsten ist. Nur nur ein Drittel der Strecken ist elektrifiziert – im Bundesschnitt sind es 57 Prozent. „Es gibt also bei uns ein besonders großes Kohlendioxid-Einsparungspotenzial“, sagt Ministeriumssprecher Wetzling.

Im Umweltministerium werde deshalb gegenwärtig vor dem Hintergrund der Kohlendioxid-Minderungsziele des Landes die Umsetzbarkeit eines Pilot­projekts geprüft. Darin solle die Kompetenz von Thüringer Unternehmen und Hochschulen mit einfließen. „Das Unternehmen Kumatec aus Sonneberg hat einen hocheffizienten Elektrolyseur zur Produktion von Wasserstoff entwickelt, der zum Einsatz kommen könnte“, sagt Wetzling. „Thüringer Wissenschaftler könnten ein hochinnovatives Energiekonzept für das Pilotprojekt entwickeln.“

Der Bund unterstützt die Anschaffung der Züge, indem er einen Teil der Mehrkosten trägt. Diese liegen gegenüber einem Dieselfahrzeug bei etwa 20 Prozent. Im Betrieb erwartet Hecht niedrigere Kosten mit dem Wasserstoff-Fahrzeug. Bei Testfahrten auf Referenzstrecken zeigte sich eine durchschnittliche Energieeinsparung gegenüber Dieselantrieb von 27,8 Prozent.

Hecht sieht die Strecke von Erfurt nach Gera als ideales Testgebiet für Wasserstoff-Züge. Aber auch die Linie von Saalfeld über Gera nach Leipzig komme dafür in Betracht, zumal wegen der großen Nachfrage oft mehrere Triebwagen gekoppelt verkehren. Der neue Zug hat gleich zwei fest verbundene Wagen und bis zu 150 Sitzplätze.

Freilich darf die Erfurter Bahn nur mit Genehmigung der Auftraggeber vom Verkehrsvertrag fürs Dieselnetz Ostthüringen abweichen, indem sie andere Züge bei der Elster-Saale-Bahn einsetzt. Doch der Anbieter hofft, dass sich im Sinne des Umweltschutzes das Infrastrukturministerium nicht querstellt.

„Bei künftigen Ausschreibungen von Streckenpaketen sollte die Option Wasserstoff berücksichtigt werden“, sagt Hecht, der zur Sicherung des Unternehmens künftig auch Ausschreibungen in einem größeren Umkreis als bislang belegen will.

Zwar stehen die Erfurter Bahn und die Tochter Süd-Thüringen-Bahn derzeit bei mehreren Großaufträgen in Thüringen und Bayern unter Vertrag, aber zum Ende der Laufzeit werden diese erneut im Wettbewerb vergeben. Um die Risiken zu minimieren, wollen die Erfurter neue Herausforderungen annehmen. Dazu gehört, künftig auch für Netze mit elektrischem Verkehr zu bieten, wie Hecht ankündigt.

So funktioniert der Wasserstoff-Zug

• Der Zug wird durch Elektromotoren angetrieben. Die Energie dafür stellt eine Brennstoffzelle bereit.

• In Druckbehältern auf dem Dach des Fahrzeuges lagert der Wasserstoff, der zusammen mit Sauerstoff reagiert. Dabei entsteht neben der elektrischen Energie Wasserdampf.

• Zudem verfügt der Zug über Batterien. Darin wird nicht benötigte Energie zwischengespeichert. Auch beim Bremsen wird Energie gewonnen, die so das Anfahren wieder unterstützen kann.

• Laut Hersteller Alstom erreicht das Modell „iLint“ die gleiche Höchstgeschwindigkeit wie ein vergleichbarer Dieselzug: 140 Kilometer pro Stunde.

• Die Züge sind nach Alstom-Angaben sicher: So seien die Wasserstoff-Tanks beständiger als Kraftstofftanks in brenzligen Situationen. Zudem sind regelmäßige Kontrollen vorgeschrieben, dass kein Wasserstoff austritt.

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