Jahre der Entscheidung für den Erfurter Norden

Moskauer Platz  Ortsteilbürgermeister Torsten Haß will Familien an den Moskauer Platz locken und Kita-Plätze zentral vergeben

Torsten Haß, der Ortsteilbürgermeister vom Moskauer Platz.

Torsten Haß, der Ortsteilbürgermeister vom Moskauer Platz.

Foto: Holger Wetzel

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In seinem Büro am Moskauer Platz spricht Ortsteilbürgermeister Torsten Haß über runde Geburtstage ab 70. „Früher habe ich jedem Jubilar persönlich gratuliert“, sagt er. „Aber jetzt sind es 50 bis 70 pro Monat.“ Deshalb könne er nur noch die Geburtstage ab 90 wahrnehmen.

Haß erzählt diese Episode, um den Generationswechsel in den Plattenbaugebieten zu illustrieren. „Die nächsten 15 Jahre werden entscheidend für die Zukunft des Nordens sein“, folgert er. „Wir müssen den Generationswechsel nutzen, um Studenten und junge Familien anzulocken.“ Damit soll erreicht werden, was spätestens seit einer Studie als Zauberwort gilt: soziale Durchmischung.

Studie: Großes Gefälle zwischen armen und reichen Stadtteilen

Die Studie bescherte Erfurt ungewollte Aufmerksamkeit. Sie sah die Landeshauptstadt als eine der deutschen Städte an, in denen die Bevölkerung am wenigsten durchmischt, das Gefälle zwischen armen und reichen Stadtteilen am größten ist.

Gerade bei den Menschen, die in den 70er-Jahren in die Plattenbauten zogen, ist die Lebenswirklichkeit eine andere. Für sie sind die Plattenbausiedlungen lebenswerte Heimat. Doch tatsächlich sei der Norden nach der Wende zu Gunsten der Innenstadt vernachlässigt worden, meint Haß. Allerdings habe sich schon einiges verändert.

Rückbaumaßnahmen hätten mehr Grünflächen geschaffen. Die 2009 erstmals gewählten Ortsteilräte verliehen den Plattenbaugebieten eine Stimme. Speziell der Moskauer Platz habe vor fünf Jahren ein heute gut funktionierendes Stadtteilzentrum und vor drei Jahren ein neues Einkaufszentrum bekommen.

Pläne für die Umgestaltung der Nördlichen Gera-Aue und für vier neue Wohngebiete an den Rändern des Stadtteils nähren die Hoffnung, dass der Norden weiter aufgewertet wird und sich besser mit den dörflichen Strukturen im Umfeld verzahnt. Doch muss laut Haß noch mehr geschehen, um der Ballung von sozialen Problemfällen entgegen zu wirken. Segregation, also die räumliche Trennung von Arm und Reich, existiere auch innerhalb des Nordens, zumeist abhängig vom Sanierungsstand einzelner Wohnblocks.

Hinzu komme, dass die Kowo einen übergroßen Anteil bei der Integration der Flüchtlinge trage, was zu einer ungleichen Verteilung führe. Die im Norden aktiven Wohnungsbaugenossenschaften hätten die Möglichkeit, mehr Verantwortung zu übernehmen – das Sozialamt zahle seit einigen Jahren den Genossenschaftsanteil, der dort anstelle einer Kaution fällig wird. Aber sie tun das noch zu selten, findet der Ortsteilbürgermeister.

20-prozentige Sozialwohnungsquote für Neubauten angestrebt

„Es reicht nicht, zwei bis drei Alibi-Familien aufzunehmen“, sagt er. Haß regt einen Runden Tisch der Wohnungswirtschaft an, um auch private Großvermieter und das gesamte Stadtgebiet mehr zu beteiligen. Die angestrebte 20-prozentige Sozialwohnungsquote für Neubauten müsse durch Maßnahmen ergänzt werden, die den Bestand berücksichtigen.

Um mehr Mittelschicht in den Norden zu locken, sollten Sanierungen verstärkt mit Blick auf hochwertigere Wohnungen und neue Zuschnitte erfolgen, die sich auch für größere Familien eignen. Die Rückbauflächen wieder zu verdichten, sei hingegen zumindest für den Moskauer Platz keine gute Idee.

Durchmischung fange schon bei Kitas und Schulen an, findet Haß. So sollten Kinder aus benachteiligten und wohlsituierten Familien besser aufgeteilt werden. „Eigentlich geht das nur mit einer zentralen Vergabe der Kita-Plätze“, meint Haß. Bei den Schulen sollten die Einzugsgebiete geöffnet werden.

Um den Norden endgültig zum Positiven zu wenden, müsse auch mehr Kraft und Geld in soziale Angebote gesteckt werden. Insbesondere die aufsuchende Beratung hält der Bürgermeister für wichtig, um Familien zu erreichen, die sich aus der Gesellschaft zurückgezogen haben. „Wir brauchen auch mehr Angebote, die den Menschen zeigen, dass es sich lohnt, sich einzubringen“, findet er. Attraktiv und kleinteilig, am besten auf den Wohnblock bezogen, müssten die Angebote sein.

„Woanders in der Stadt gibt es einen Aufschrei bei kleinen Problemen“, sagt Haß. „Hier gibt es existenzielle Probleme, und keiner schreit auf.“

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