Kali in Thüringen: Die Chronik eines Skandals

Die Kali-Werke in Thüringen haben in den teils mehr als einhundert Jahren ihres Bestehens unzählige Male die Besitzer und die Rechtsform geändert. Einschneidende Eingriffe sind hier dokumentiert: 1. Januar 1970: Die damalige DDR-Regierung fasst alle Kaliwerke das Landes in einer neuen Struktur zusammen.

Eine Bergmannsausrüstung samt Grubenlampe und Selbstretter hängt in der Kaue des Kaliwerkes Bischofferode. Archiv-Foto: Roland Obst

Eine Bergmannsausrüstung samt Grubenlampe und Selbstretter hängt in der Kaue des Kaliwerkes Bischofferode. Archiv-Foto: Roland Obst

Foto: zgt

Das Volkseigene Kombinat Kali entsteht. Der Sitz des Unternehmens wird von Erfurt nach Sondershausen verlegt. Die bisher selbstständigen Einzelwerke wurden auf Basis der Lagerstättenreviere zu Betrieben zusammengefasst.

Zum Kombinat gehören der - VEB Kalibetrieb Südharz mit den Kaliwerken Sondershausen, Roßleben, Sollstedt, Bleicherode, Bischofferode und Volkenroda, - der VEB Kalibetrieb Werra mit den Kaliwerken Merkers, Dorndorf und Unterbreizbach, - der VEB Kali- und Steinsalzbetrieb Saale mit den Kaliwerken Staßfurt, Bernburg, Teutschenthal und Saline Oberilm, - der VEB Fluß- und Schwerspatbetrieb Lengenfeld mit den Werken Lengenfeld, Ilmenau, Schmalkalden (Trusetal) und Rottleberode, - sowie der VEB Bergwerksmaschinenbau Dietlas mit den Werken Dietlas und Obergruna.

1. Januar 1973: Zum Kalikombinat kommt ein weiteres Werk hinzu: in Zielietz bei Magdeburg wird eine neue Lagerstätte erschlossen und ein weiterer Betrieb aufgebaut.

1. Juni 1990: Noch vor der deutschen Wiedervereinigung wird das Kali-Kombinat der DDR offiziell aufgelöst, im Zuge der Umwandlung entstehen daraus die Kali-Südharz AG, die Kali-Werra AG, die Kali-Zielitz AG und die Fluß- und Schwerspat GmbH. Das Kombinat als solches fungiert danach als Holding dieser Gesellschaften als Mitteldeutsche Kali AG. Alleiniger Eigentümer wird die Treuhandanstalt.

Juli 1990: Die Kaliproduktion im Werk Volkenroda wird eingestellt, betroffen sind 1200 Kumpel.

August 1990: Einstellung der Kaliproduktion im Werk "Glückauf" in Sondershausen, das Gros der 2100 Mitarbeiter wird in Kurzarbeit geschickt. Lediglich Magnesiumchlorid und Brom werden noch für einige Monate am Standort erzeugt.

Oktober 1990: Das Kaliwerk Bleicherode stellt die Fertigung von Kali-Düngemitteln ein, 1200 Beschäftigte verlieren ihre Arbeitsplätze.

Dezember 1990: Zwei weitere Werke in der Südharzregion stellen die Fertigung ein. In Sollstedt gehen rund 1300 und in Roßleben 2000 Arbeitsplätze verloren.

5. Juli 1991: Wütende Bergleute aus den Revieren an der Werra und im Südharz schütten Kalisalz auf die Treppe des Thüringer Landtages und erzwingen eine Änderung der Tagesordnung des Parlaments. Das muss sich kurzfristig mit dem Sozialplan für die einst rund 30.000 Beschäftigten der Mitteldeutschen Kali AG beschäftigen. Das Land schießt zunächst Geld vor und will dieses vom Bund zurückfordern.

November 1991: Der Aufsichtsrat der Mitteldeutschen Kali AG beschließt das endgültige Ende der Kalidüngemittelproduktion im Werk "Glückauf" in Sondershausen. Die Produktionsstätten über Tage zur Herstellung von Kalidüngemitteln werden demontiert. Die Schachtanlagen der Gruben II, III, IV und VI wurden inzwischen verfüllt. Die Schachtanlagen der Gruben I und V dienen heute zum Transport von Materialien zur angelegten Untertagedeponie für Abfälle.

10. Dezember 1992: Der Verwaltungsrat der Treuhandanstalt beschließt die Fusion der Mitteldeutschen Kali AG in Sondershausen mit dem Kasseler Unternehmen Kali und Salz. Die Pläne für das neue Gemeinschaftsunternehmen sehen unter anderem vor, auch die Kaliwerke in Bischofferode und in Merkers stillzulegen. In Thüringen soll nur das Werk in Unterbreizbach erhalten bleiben.

April 1993: Bergleute aus Bischofferode demonstrieren erneut vor dem Landtag in Erfurt. Sie fordern, dass das Übernahmekonzept des Investors Johannes Peine aus Nordrhein-Westfalen geprüft wird, der ihr Werk übernehmen und fortführen will.

7. April 1993: Die Kumpel in Bischofferode halten ihr Werk ab sofort besetzt, um einen Abtransport von Maschinen und Anlagen oder einen Abbau von Einrichtungen zu verhindern. Sie fahren aber weiterhin in die Grube ein und bauen ab, um den Kundenstamm nicht zu verlieren.

23. April 1993: Trotz aller Proteste wird der Fusionsvertrag für die deutschen Kaliunternehmen unterzeichnet.

24. April 1994: Aufgebrachte Bergleute bewerfen den Vorstand der Mitteldeutschen Kali AG, Peter Backhaus, und Gesamtbetriebsratschef Roland Gimpel mit Eiern. Sie werfen Gimpel Verrat vor.

17. Mai 1993: 400 Bergleute aus dem Bergwerk Bischofferode demonstrieren vor der Treuhandanstalt in Berlin. Die sagt ein Prüfung des Übernahmekonzeptes von Peine zu.

30. Juni 1993: Der Treuhandausschuss des Bundestages stimmt der Kalifusion zu. Der Einzelverkauf von Bischofferode wird von dem Gremium abgelehnt.

1. Juli 1993: Als Reaktion auf die Zustimmung treten die ersten 17 Bergleute in Bischofferode in einen Hungerstreik. Zwischenzeitlich beteiligen sich 41 Männer und Frauen an dem Streik.

6. Juli 1993: Mit seiner Unterschrift besiegelt der Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) die Kalifusion und damit das Aus für die Gruben in Merkers und Bischofferode.

14. Dezember 1993: Die EU-Kommission genehmigt den Kali-Fusionsvertrag.

31. Dezember 1993: Das Werk Bischofferode wird endgültig stillgelegt, die rund 700 Bergleute erhalten Abfindungen und befristete Ersatzarbeitsplätze.

20. September 2011: Das Land Thüringen kündigt an, die Zahlungen für Bergbau-Altlasten an das Unternehmen Kali und Salz in Kassel einzustellen. Das Unternehmen verklagt das Land darauf hin. Seit einigen Monaten zahlt Thüringen wieder unter Vorbehalt.

8. März 2014: Die Thüringer Allgemeine lüftet das große Geheimnis: Wir veröffentlichen den bis dahin geheimen Kali-Fusionsvertrag. Darin ist auch ersichtlich, dass das Betriebskonzept des neuen Gemeinschaftsunternehmens ausdrücklich auf der Schließung von Bischofferode aufgebaut war. Die Gespräche mit Peine waren also nie mehr als ein Feigenblatt.

19. März 2014: Der Landtag in Erfurt beschäftigt sich mit dem Kali-Fusionsvertrag. Linken-Fraktionschef Bodo Ramelow legt eine Kopie des Vertrages, der inzwischen den Fraktionen zugespielt wurde, auf den Tisch der Ministerpräsidentin. Die lehnt die Annahme ab und zweifelt an der Echtheit der Papiere.

31. März 2014: K+S-Vorstandschef Norbert Steiner räumt bei einer Grubenfahrt in Unterbreizbach mit der Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht erstmals ein, dass es sich um Kopien des Originalvertrages handelt, die in Thüringen im Umlauf sind.

Thüringer zahlen monatlich 1,5 Millionen Euro an Kali und Salz

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.