Kaum Chancen für DDR-Heimkinder auf Rehabilitierung

Von Bunkern ist die Rede, Essensentzug, Strafarbeiten wie Kohleschippen, wenn Manfred May über seine Gespräche mit DDR-HeimKindern spricht. Es sei eine Opfergruppe, die lange geschwiegen habe, sagt er.

Manfred May, der für die Beratungsinitiative des Caritasverbandes beim Bistum Erfurt frühere DDR-Heimkinder berät, hat auf einer Veranstaltung in der Alten Synagoge in Erfurt über deren Schicksal gesprochen. Foto: Kai Mudra

Manfred May, der für die Beratungsinitiative des Caritasverbandes beim Bistum Erfurt frühere DDR-Heimkinder berät, hat auf einer Veranstaltung in der Alten Synagoge in Erfurt über deren Schicksal gesprochen. Foto: Kai Mudra

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Erfurt. Nur jedes zehnte DDR-Heimkind hat derzeit die Chance auf Rehabilitierung. In vielen Fällen würden sich die Rehabilitierungssenate an den Landgerichten nach der aktuellen Gesetzeslage gegen eine Wiedergutmachung dieser Menschen entscheiden, sagte Opferberater Manfred May auf einem Informationsabend in der Kleinen Synagoge in Erfurt.

Er sprach sich dafür aus, angesichts der erst in jüngster Zeit bekannt gewordenen Schicksale von DDR-Heimkindern deren Rehabilitierung generell zu überdenken. Als Beispiel nannte er den geschlossenen Jugendwerkhof im sächsischen Torgau, für den eine Expertenkommission erklärt habe, dass die Kinder und Jugendlichen dort unter haftähnlichen Bedingungen untergebracht und somit keine Erziehungsziele zu erreichen waren. Seither sei eine Rehabilitierung für die dortigen Insassen einfacher möglich.

Ähnliche Regelungen sollten auch für die anderen Heimformen gefunden werden, so May, der in Abstimmung mit der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen als Berater des Erfurter Caritasverbandes tätig ist.

Der Experte verweist darauf, dass die Heime zwar der Volksbildung in der DDR unterstanden, die Stasi aber immer Einfluss darauf nehmen konnte.

Er habe bisher mit mehr als 300 Betroffenen gesprochen, die sich im vergangenen Jahr an ihn gewandt hatten. Viele seien durch ihren Heimaufenthalt traumatisiert, erklärt der Berater.

Opferberater Manfred May schildert die erdrückenden Schicksale von DDR-Heimkindern und ihr Leiden

Konzentriert sitzt er im Podium. Manfred May hat in die Alte Synagoge nach Erfurt eingeladen, und berichtet über das Schicksal von DDR-Heimkindern. Seine 60 Zuhörer werden in einen Albtraum entführt, in ein finsteres Kapitel DDR.

Nur wenig ist über diese Einrichtungen bekannt, in die Kinder gesteckt wurden, deren Eltern missliebig waren, der DDR den Rücken gekehrt hatten oder die sich als Jugendliche selber gegen das System auflehnten. "Viele der Betroffenen sind bis heute traumatisiert", erklärt der Opferberater, warum sich erst in den vergangenen Jahren frühere DDR-Heimkinder entschließen, über ihr Schicksal zu berichten.

Sie fühlen sich stigmatisiert und Rehabilitierungsregelungen werden dem Erlebten nicht gerecht. Nur ganz selten würde in den verbliebenen Akten Stasi-Verbindungen oder Misshandlungen und unmenschliche Erziehungsmethoden erwähnt. May sieht die Politik gefordert, für diese besondere Opfergruppe einfachere Möglichkeiten der Wiedergutmachung zu schaffen.

Seit etwa einem Jahr hat er 300 bis 350 Gespräche geführt. Der Experte arbeitet für die Beratungsinitiative des Caritasverbandes beim Bistum Erfurt und steht in enger Verbindung mit der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Akten.

In einen Albtraum entführt

Keine Opfergruppe habe bisher so häufig um Hausbesuche gebeten, weil sich viele der Betroffenen nur so sicher fühlen, schildert May seine Arbeit. Viele von ihnen seien arbeitslos, psychisch krank und würden in der unteren Schicht der Gesellschaft leben.

Der Berater zitiert aus Gesprächen mit den Opfern. Bereits nach den ersten Sätzen verlässt eine Frau den Raum, sie kann die Schilderungen nicht ertragen. Von Bunkern ist die Rede, fensterlosen Haftzellen nur mit einer Matratze für die Nacht, in die Kinder bei kleinsten Vergehen gesperrt wurden. Sippenhaft als Bestrafung und gewalttätige, hierarchische Ordnungen waren offenbar in vielen DDR-Kinderheimen genauso normal, wie die strenge Zensur beim Briefeschreiben. Auch von sexuellen Übergriffen wird berichtet.

Manfred May zitiert eines der Opfer, das von einer "geraubten Kindheit" spricht. Er weiß, dass es schwer werden wird, eine greifbare Rehabilitierungsregelung für diese Opfergruppe zu schaffen. Ausdrücklich lobt er Thüringen, in dessen Sozialministerium die Brisanz des Problems erkannt worden sei.

So würden im Freistaat keine weiteren Akten der DDR-Jugendhilfe vernichtet, in denen die Heimschicksale oft nachgezeichnet sind. Auch ließen Gerichte bei der Ablehnung von Rehabilitierungsanträgen inzwischen wenigstens Bedauern durchblicken, weil die Gesetze kaum Spielraum lassen. Um so mehr ringt Manfred May um Regelungen für diese Opfer.

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