Knöllchen wichtiger als Serientäter: Thüringer Polizist erzählt über Belastung

Michael H. ärgert sich: „In Vorgaben ist festgelegt , wie viele Anzeigen geschrieben werden müssen, wie viel Verwarnungsgeld herausspringen muss.“ H. schüttelt den Kopf und äußert, dass die Jagd nach Knöllchen doch nicht bedeutender sein dürfe als die Überführung von Straftätern.

Polizisten auf Streife: Der Alltag für die Beamten ist nicht nur anstrengend, sondern mittlerweile auch in manchen Situationen gefährlich. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Polizisten auf Streife: Der Alltag für die Beamten ist nicht nur anstrengend, sondern mittlerweile auch in manchen Situationen gefährlich. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

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Er redet immer noch von einem Traumberuf. Dabei verflucht Michael H.* manchmal auch seinen Job. Dann vor allem, wenn er nach einem Zwölf-StundenTag übermüdet ist, sich wieder Beleidigungen anhören musste, vielleicht sogar eine körperliche Auseinandersetzung hinter ihm liegt. Dann hilft eigentlich nur der Sport - Laufen, Radfahren oder Schwimmen - "um runter zu kommen". Das traurige und zugleich mulmige Gefühl, dass der Respekt vor einem Polizisten deutlich nachgelassen hat, verschwindet aber nicht.

Rund 240.000 davon gibt es in Deutschland, die jeden Tag für Recht und Ordnung sorgen. "Genau mit diesem Anspruch bin ich 2002 zur Polizei gegangen. Mensch und Helfer sein, das war damals für mich keine Worthülse", erzählt er.

Die zweijährige Ausbildung sei vielseitig und gut gewesen. Sie beinhaltete auch zwei Mal 16 Wochen spezielle Theorie und Praxis, die unter anderem Straf-, Verkehrs- und Staatsrecht, Kriminalistik, Psychologie, Schießen, Kampfsport, Fahr- und Sicherheitstraining sowie Erste Hilfe umfasst hat. "Jeder musste alles machen, egal, wo er später gelandet ist."

Gegenwehr schon bei Ausweiskontrollen

Michael H. (36) ist Beamter auf Lebenszeit. Der normale Streifendienst, wie ihn der Obermeister ausübt, klingt harmlos und dürfte dennoch mit der gefährlichste Bereich sein. Gerade diese Polizisten geraten öfter in unvorhersehbare Situationen, in denen sie plötzlich Tritten ausgesetzt sind oder einem gezückten Messer ausweichen müssen. Sie sind gefragt, wenn es um Einbruch und häusliche Gewalt geht, bei Verkehrs-Unfällen, aber auch bei Geschwindigkeitskontrollen, Fußballspielen, Schlägereien. Die, so H., hätten in den vergangenen Monaten zugenommen. Vor allem zwischen Flüchtlingen. "Da haben wir leider schlimme Vorfälle erlebt." Politisch würde er sich in der Mitte einordnen, "wobei wir in unserem Beruf allerdings fast ausschließlich die dunkle Seite der Flüchtlinge erleben".

Ins Detail möchte er nicht gehen, doch er gesteht, dass bei Auseinandersetzungen von großen Gruppen nicht immer gleich eingeschritten wird. Das gilt auch bei Zusammenrottungen Rechtsextremer, die in seiner Wahrnehmung ebenfalls zunehmen. "Wenn wir als Polizei deutlich in der Unterzahl sind, kann das für den Einzelnen sehr gefährlich sein." Deshalb gebe es Situationen, in denen lieber gewartet wird, "bis Verstärkung anrückt oder der Spuk vorbei ist". Das sei die Folge von zu wenig Personal in den vier Dienst-Schichten. Durch die Unterbesetzung in den Einheiten müsse häufig ausgeholfen bzw. kurzfristig getauscht werden.

Die Statistik über Widerstände, zeigt, wie die Hemmschwelle beim Aufeinandertreffen mit Polizisten immer mehr sinkt. Sie werden beleidigt, bespuckt und auch verletzt - 40 Übergriffe pro Tag in Deutschland. Die Bürger der Bundesrepublik dialogisieren nicht mit den Beamten, sie werden ihnen gegenüber aufsässig, gar gewalttätig. Nicht nur Demonstranten, alkoholisierte Jugendliche und Hooligans. Schon Ausweiskontrollen können Gegenwehr auslösen, teilweise sogar Brutalität. Man müsse "rohe Gewalt aushalten", so H. "Weil wir auch die Letzten sind, die Grenzen setzen, wenn alle anderen Grenzen längst gefallen sind".

Oftmals dauert es zu lange, bis Unterstützung kommt

Michael H. ist ein großgewachsener, schlanker, sportlicher Typ. Die unterste Schicht seiner Kleidung bildet beim Streifendienst eine schusssichere Weste, an der Seite klemmt eine Pistole im Holster, Handschellen trägt er in der Tasche um die Hüfte. Das wirkt auf manche Täter nicht automatisch respekteinflößend. Er habe schon Bisswunden davon getragen, auch Brüche sowie heftige Prellungen. "Oft dauert es in risikoreichen Situationen einfach zu lange, bis Unterstützung kommt. Es gibt definitiv zu wenige Polizeibeamte im Land."

Und Michael H. ärgert sich, dass die wenigen öfter noch falsch eingesetzt werden. "Weil in Vorgaben beispielsweise festgelegt ist, wie viele Anzeigen geschrieben werden müssen, wie viel Verwarnungsgeld herausspringen muss." Das würde einen riesigen Druck erzeugen, "weil daran ja auch Beförderungen hängen". H. schüttelt den Kopf und äußert, dass die Jagd nach Knöllchen doch nicht bedeutender sein dürfe, als die Überführung von Straftätern. Wobei er in diesem Zusammenhang auch die unklare Kompetenzverteilung zwischen Ordnungsämtern und der Polizei kritisiert.

Ihn erfülle es durchaus mit Stolz, einen Täter auf frischer Tat zu ertappen, einen drogenabhängigen Kriminellen zu überführen. Menschen vor Abgründen zu schützen, vor Raub, Kinderpornografie oder Vergewaltigung - das sei wichtig. "Das ist für mich unerlässliche Polizeiarbeit, sie zählt mehr, als zehn Euro für Falschparken einzunehmen und damit vielleicht den Plan einer Statistik zu füllen", sagt er.

Strafen für Täter zu gering

Zahlen und Akten auf Schreibtischen zufolge, scheint Thüringen jedenfalls immer häufiger aus Verleumdung, Beleidigung, Überfällen, Betrug, Körperverletzung und Freiheitsberaubung zu bestehen. H. empfindet viele Strafen für die Täter als zu gering. Und es würde zu lange dauern, bis manche ins Gefängnis kommen. Deshalb gehört es zu seinem Alltag, dass er heute trifft, wen er gestern festgenommen hat.

Gewalt und Respektlosigkeit machen ihm und den Kollegen ebenso zu schaffen wie die stetig zunehmenden Überstunden. Zwar gehen diese nicht verloren. Doch wer ständig mehr als üblich arbeitet, ist in der Regel weniger leistungsfähig und anfällig für Fehler: "Ein dauergestresster und gereizter Beamter, noch dazu im höheren Alter, verliert wahrscheinlich leichter im Einsatz die Nerven als ein ausgeruhter Kollege."

Und obwohl nun neue Schutzwesten verteilt werden, bereitet die Ausrüstung nach wie vor Sorgen. "Es kann doch nicht sein, dass es in Thüringen an Uniformen mangelt. Dass Drogentests bei Kälte nicht klappen. Dass die Dienst-Fahrzeuge zu langsam sind. Dass der Empfang von Funkgeräten nicht funktioniert, weil die Akkus schnell leer sind", so Michael H., der für den Einsatz von Videokameras auf den Schultern ist. "Die würden zweifellos die Beweissicherung, aber auch unsere persönliche Sicherheit erhöhen."

Für Anti-Terroreinsätze fehlt die Ausbildung

Ein düsteres Bild malt H., was einen möglichen Amoklauf oder Terroranschlag in Thüringen betrifft: "Nein, dafür wären wir nicht ausgebildet und auch nicht entsprechend ausgestattet".

Er legt seine Uniform ab und steigt nach dem Dienst mit blauer Jeans und dunklem Langarm-Shirt aufs Fahrrad. Michael H. lächelt, er fährt zum Training. Die nächsten zwei Stunden kann er wieder seinem Hobby nachgehen. Der Sport ist der Ausgleich für die Belastung am Tag. In seinem Traumberuf...

*Der vollständige Name, die Dienststelle und der Wohnsitz sind der Redaktion bekannt.

Bürgerbeauftragter wünscht sich eine polizeiliche Beschwerdestelle

Von Fabian Klaus

Der Bürgerbeauftragte des Freistaats Thüringen, Kurt Herzberg, plädiert für eine polizeiliche Beschwerdestelle. Diese könne - wie in anderen Bundesländern auch - Anlaufstelle sowohl bei Konflikten innerhalb der Polizei als auch für Beschwerden von Bürgern zum Verhalten von Polizeibeamten sein.

Aus Sicht von Herzberg gibt es derzeit bei der Thüringer Polizei wenige bis gar keine Elemente der Streitschlichtung. Deshalb sei ein Landesbeauftragter für die Landespolizei eine sinnvolle Institution. Inhaltlich könnte diese Aufgabe seinem Bereich zugeordnet werden.

Herzberg verweist darauf, dass sich schon jetzt Polizeibeamte an ihn wendeten. Auch werde er von Menschen angesprochen, die sich mit polizeilichem Handeln konfrontiert sehen. In der Regel gebe es bislang lediglich die Möglichkeit einer Dienstaufsichtsbeschwerde. Diese würden allerdings intern behandelt.

Nach Ansicht von Kurt Herzberg könnte ein solcher Landesbeauftragter auch zwischen Polizei und Politik vermitteln, zumal die bestehenden Kommunikationsstrukturen nach seiner Meinung festgefahren seien. Auch das Problem könne ein unabhängiger Beauftragter lösen.

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