Landesweit besteht Gefahr durch noch immer scharfe Bomben

Die britischen Bomber waren bereits in der Luft - mit Kurs auf Gotha. Die ehrwürdige Residenzstadt erwartete am 4. April 1945 das Ende des Krieges. Die weiße Flagge war bereits gehisst. Die 4. Panzerdivision der III. US-Armee lag mit ihren Kettenfahrzeugen vor der Stadt - und bat die Briten per Funk, beizudrehen.

Auf alten Truppenübungsplätzen und Schießständen lagern vergessene Minen und Granaten in Thüringens Erde. Archiv-Foto: Hans-Peter Stadermann

Auf alten Truppenübungsplätzen und Schießständen lagern vergessene Minen und Granaten in Thüringens Erde. Archiv-Foto: Hans-Peter Stadermann

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Erfurt. Es war Rettung in letzter Sekunde. Denn anstelle von Gotha traf es erneut das bereits am Vortag aus der Luft angegriffene Nordhausen. Nahezu die komplette Altstadt lag am Ende des Tages in Schutt und Asche. Rund 8800 Nordhäuser kamen ums Leben.

Ausgestanden ist die Gefahr 67 Jahre nach Kriegsende immer noch nicht ganz. Es liegen heute noch Hunderte Bomben weitgehend unversehrt im Nordhäuser Untergrund. Die Zahl rechnet sich aus Schätzungen hoch, demzufolge ist im Schnitt jede zehnte alliierte Bombe nicht explodiert.

Noch nicht. Denn die Gefahr einer Selbstzündung von bestimmten Bombentypen nimmt zu, warnte bereits vor fünf Jahren Professor Wolfgang Spyra vom Lehrstuhl Altlasten an der Technischen Universität Cottbus. Er hatte die Gefahren aus dem Untergrund untersucht, die von den Blindgängern im brandenburgischen Oranienburg ausgehen.

Konstruiert seien die Bomben so, dass beim Aufprall der bis zu 500 Kilo schweren Bomben chemische Prozesse in Gang gesetzt werden sollten, die ihre Detonation um bis zu zwei Tage verzögern sollten. So wurden selbst die Bergungsarbeiten nach Angriffen zu lebensgefährlichen Einsätzen.

Doch die Zünder hatten qualitative Probleme. Nicht immer wurde die Chemie wie geplant in Gang gesetzt. Die Bomben verblieben an Ort und Stelle im Untergrund, wurden vergessen und rosten seitdem vor sich hin. Rund ein Dutzend Mal bundesweit explodierten in den letzten 20 Jahren Bomben ohne erkennbare äußere Ursache. Materialermüdung gilt als wahrscheinlichste Ursache.

Der "Zahn der Zeit", so bestätigt auch Andreas West, Niederlassungsleiter des Erfurter Kampfmittelräumdienstes Tauber, nage mit einigen Jahrzehnten Verspätung an der explosiven Hinterlassenschaft. "Bei den Bomben ist die Gefahr noch nicht so groß." Aber speziell kleinere, mit Phosphor gefüllte Geschossmunition sei akut gefährdet.

Der hochgiftige Stoff kann sich entzünden, sobald er Kontakt mit dem Sauerstoff aus der Luft erhält. Verrostet die schützende Hülle drumherum, kann es zu einem Brand kommen.

An jedem zweiten Tag im Jahr ein Munitionsfund

Statistisch rückten die Kampfmittelberäumer im vergangenen Jahr an jedem zweiten Tag aus, um Blindgänger zu entschärfen oder Munitionsreste zu bergen – nicht immer sind die Einsätze so spektakulär wie an diesem Wochenende in Hannover, als Teile der Stadt weiträumig evakuiert werden mussten.

Und nicht immer ist es alliierte Weltkriegsmunition, die im Boden auf Andreas West und sein Team wartet. Vergessene Minen der DDR-Grenztruppen, russische Granaten auf alten Truppenübungsplätzen und Schießständen oder Hinterlassenschaften der Wehrmacht lagern in Thüringens Erde.

Nach dem Weltkrieg wurden zudem Tausende Geschosse, Patronen oder Bomben der Wehrmacht in der Landschaft entsorgt oder in den Munitionsfabriken vernichtet; wenn auch nicht immer sachkundig.

So begannen etwa schon ab Mai 1945 zunächst amerikanische, später russische Truppen damit, Bombenstapel im Munitionslager Oberndorf bei Hermsdorf zu sprengen. Weder die Amerikaner noch die Russen führten diese Sprengungen allerdings mit Sachverstand durch. Die Kampfmittel wurden nur zum Teil vernichtet. Viele Bomben blieben scharf. Die Fläche wird bis heute beräumt.

Thüringen führt kein eigenes Kampfmittelkataster", sagt der Sprecher des Landesinnenministeriums, Stephan Hövelmans. Gleichwohl seien natürlich die wichtigsten Gebiete bekannt, in denen die explosiven Gefahren im Untergrund bis heute lauern.

Die Kampfmittelberäumung in Thüringen wurde Mitte der 90er-Jahre privatisiert. Wenn irgendwo im Land verdächtige Metallklumpen im Untergrund gefunden werden, rückt Andreas West aus. Alle Funde werden dem Landesverwaltungsamt gemeldet. Meist bestätigt sich der Verdacht. "Von den 172 Einsätzen im vergangenen Jahr entpuppten sich vielleicht zwölf als Fehlalarm", so West.

In solchen Fällen stoßen die Kampfmittelberäumer anstelle von Granaten oder Bomben auf ein Stück Stahlbeton oder auch schon einmal den Auspuff eines alten Trabants.

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