Lothar Bisky stand stets schützend vor seinen Studenten

Niemand wusste in diesem Jahr 1988, dass das Land sich dem Ende seiner realen Existenz zuneigte. Aber so ziemlich genau ein Jahr vor dem November 1989 gab es die unübersehbaren Symptome der inneren Agonie.

Die Internationale Dokumentar- und Kurzfilmwoche Leipzig war so etwas wie ein geschützter Werkraum, hier diskutierten Filmemacher und ihr Publikum. In diesem Jahr wurden die institutionalisierten Debatten von dem für Medien zuständigen Politbüromitglied Joachim Herrmann verboten.

Dafür eröffnete das Festival mit einem hochgradig peinlichen Film, der dem internationalen Publikum zeigte, wie der erste 1-Mega-Bit-Chip dem Generalsekretär übergeben wurde. Es gab im Dunkel des Saals Gelächter und Buhrufe. Am folgenden Tag vermeldeten sämtliche Zeitungen mit einem ADN-Text den großen Erfolg, den der Film vor gefeiert habe.

Wäre es nach Lothar Bisky gegangen, dann wäre hier der Dokumentarfilm "Was jeder muss..." des Studenten Andreas Dresen zu sehen gewesen. Er wurde nicht gezeigt, aber dass es diesen Film über junge Männer und ihren Wehrdienst in der NVA überhaupt gab, dass er zu sehen war in der DDR, das verdankte sich Lothar Bisky.

Der damalige Rektor der Filmhochschule war, wie etwa Andreas Dresen berichtet, wie auch der Autor aus mittelbarer Anschauung weiß, ein Leiter, der Glasnost und Perestroika im geschützten Raum dieser Hochschule praktizierte.

Die Studenten hatten 1988, auch das wäre nicht möglich gewesen ohne Biskys ausdrückliche Ermunterung, eine Reihe von Dokumentarfilmen gedreht, die nicht dieses in den Medien favorisierte Potemkin-Land zeigten. Ein Punk, der die DDR verlassen wollte (Bernd Sahlings "Aber wenn man so leben will wie ich"); zwei Freundinnen, eine in der Kirche, die andere in der FDJ; ein junger Mann, der seinen Wehrdienst in der NVA abzuleisten hat.

Der Mut, den Zensoren mit Boykott zu drohen

Der Rektor Lothar Bisky nominierte unter anderem auch diese Filme für das jährlich im Oktober stattfindende Nationale Dokumentarfilmfestival in Neubrandenburg. Und erhielt von der zuständigen Abteilung des Zentralkomitees die Weisung, für einige dieser studentischen Arbeiten die Nominierung zurückzuziehen. Woraufhin Bisky erklärte, wenn diese Filme nicht gezeigt werden dürften, dann ziehe er das gesamte Programm der Hochschule zurück, dann werde die Hochschule für Film und Fernsehen bei diesem Nationalen Festival nicht präsent sein.

Die Filme wurden gezeigt. Es gab dann in Neubrandenburg harte Diskussionen, Andreas Dresen etwa wurde Wehrkraftzersetzung vorgeworfen. Und der Rektor Lothar Bisky stand breit und schützend vor seinen Studenten. Einige von ihnen, Andreas Dresen, Andreas Kleinert, Bernd Sahling, gewannen Ruhm und Preise nach der Wende. Es sind Filme und Preise, die sich auch dem aufrechten Mann Lothar Bisky verdanken.

Lothar Bisky - Ein stiller und kluger Parteisoldat

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