Luther-Disput: Luthers Judenhass ist durch nichts zu entschuldigen

In seinem Verhältnis zu den Juden offenbart der Wittenberger Reformator Martin Luther die wohl umstrittenste Seite seines theologischen Denkens. War sein Hass nur die sprachliche Entgleisung eines übereifrigen Glaubenskämpfers?

Die Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg und der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Reinhard Schramm beim Luther-Disput.

Die Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg und der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Reinhard Schramm beim Luther-Disput.

Foto: zgt

Der junge Luther setzt sich für Juden ein, der alternde Luther ruft dazu auf, Synagogen anzuzünden. War dieser Wandel vom jungen zum älteren Luther eine Folge seiner Lehre, seines Charakters oder des Zeitgeistes?

Reinhard Schramm: Luthers Antisemitismus war keine Folge des Zeitgeistes. Bei Kirche und Papst hat Luther dem Zeitgeist unerschrocken widersprochen. Genauso unerschrocken hätte er sich für Menschlichkeit gegenüber den Juden einsetzen können. Luther aber hat den Antisemitismus in Form des religiösen Antijudaismus auf die Spitze getrieben. Da gibt es von jüdischer Seite nur Traurigkeit.

Es hat eine Zeit gegeben, in der sich der junge Luther vernünftig in Richtung Toleranz bewegte. Aber nach seinem Reifeprozess liefen seine Ratschläge auf eine Entziehung der religiösen und materiellen Grundlagen des jüdischen Volkes hinaus. Das war bösartig - da gibt es von unserer Seite nichts zu relativieren. Luther wurde nicht aus Altersschwäche intolerant.

Luther stellte die Geschlossenheit der Kirche über alles. Das war ein Möglichkeit, Macht auszuüben und eigene Ziele durchzusetzen. Das hat dieser geniale Mann mit Ehrgeiz und Eitelkeit getan. Das ist aus jüdischer Sicht nicht bewundernswert. Mich interessieren nicht die Lehren, denen Luther treu blieb, sondern die furchtbaren praktischen Auswirkungen, die er anstrebte. Das ist nicht zu verzeihen. Wir können keine Luther-Festspiele mitmachen.

Dorothea Wendebourg: Was den unakzeptablen Antisemitismus Luthers anbelangt, stimme ich Reinhard Schramm uneingeschränkt zu. Luthers antijüdische Schriften von 1543 sind unsäglich. Da gibt es nichts zu relativieren und nichts zu verzeihen - weder christlicher- noch protestantischer- noch menschlicherseits. Der Rückgriff darauf im Dritten Reich ist ein ganz schwarzes Kapitel deutscher Geschichte.

Und doch gibt es daneben den bis heute rätselhaften jüngeren Luther, der 1523 so gegen den Zeitgeist schreibt. Da sagt er, dass Jesus Christ ein geborener Jude sei. Es sei kein Wunder, dass Juden mit dem Christentum nichts anfangen können, weil Christen die Juden seit Hunderten Jahren behandelt hätten wie Hunde.

Wörtlich schreibt der junge Luther: Wenn ich ein Jude gewesen wäre, ich wäre lieber eine Sau geworden als ein Christ angesichts des Verhaltens der Christen. Und er fordert, dass wir uns menschlich angemessen und gerecht verhalten. So könnten die Juden das Christentum kennenlernen und einige vielleicht sogar Christen werden. Aber es gebe ja auch unter den Christen viele, die keine richtig guten Christen sind.

Dieser Gedanke des friedlichen Zusammenlebens von guten und schlechten Christen und von Juden war für den Zeitgeist ganz neu. Seit der Spätantike und den sich zum Christentum bekennenden Kaisern gab es das Ideal der geschlossenen christlichen Gesellschaft. Da war kein Platz für Heiden, kein Platz für Häretiker, die wurden verbrannt.

Augustinus akzeptiert Juden nur als Bürger dritter Klasse. Demgegenüber ist das, was Luther 1523 schreibt, geradezu revolutionär. Je mehr er zum Kirchenvater einer Landeskirche wurde, desto unnachgiebiger wollte er die Juden rausschmeißen - ähnlich sah es übrigens auch Erasmus von Rotterdam.

Die dunkle Seite von Luthers Sprachgewalt

Auch unter Theologen und speziell Protestanten ist strittig, ob sich nicht schon in Luthers Theologie - seiner Christozentrik - diese antijudaistische Haltung durchzieht. Gibt es historische Erklärungen für die Schärfe und Radikalisierung von Luthers Antisemitismus?

Dorothea Wendebourg: Luthers Theologie ist kontinuierlich gleich und christozentrisch. Sie geht davon aus, dass Jesus Christus der Erlöser aller Menschen ist, also auch der Juden. Und diese, so Luther, könnten das wissen, wenn sie ihre Bibel richtig läsen. Luther war überzeugt davon, dass das Alte Testament geradezu den Beweis für diese Idee vom Erlöser für alle liefert. Und wenn die Juden dies nicht erkennen, seien sie verstockt. Diese Ansicht findet sich schon bei Paulus.

1523 trennte Luther noch zwischen religiöser Überzeugung und politischem Ratschlag. In seiner Rede von den zwei Regimenten ist das eine die Religion - da widersprach er den Juden. Das andere ist der faire und gerechte Umgang miteinander. 1523 konnte er das noch auseinanderhalten, 1543 konnte er es nicht mehr. Da ist der, der die falsche Lehre preist, zugleich auch der politische Feind.

Wie kam es zu dieser Radikalisierung? Er selbst kommt immer wieder auf ein Erlebnis zurück, dass ihn geschockt habe. 1526 hat er eine Begegnung mit drei Juden, die ein Schimpfwort über Jesus aussprachen. Man war ja damals nicht zimperlich. Das führt Luther immer wieder an. Das ist aber nur ein Grund unter vielen anderen. Und wenn man heute Luthers Sprache wertschätzt, muss man dabei eben auch die andere, dunkle Seite dieser polternden Wortgewalt sehen.

Reinhard Schramm: Was Luther gegen Juden vorbrachte, war nicht nur einfach polternd, sondern menschenverachtend. Natürlich scheiden sich die Geister an der Person Jesu. Wir Juden achten Jesus als Juden. Wir sehen ihn aber nicht als Messias. Aus unserer Sicht ist die Welt nicht so schön, als wäre er schon dagewesen.

Es ist arrogant, wenn das Judentum lediglich als Vorstufe des Christentums gesehen wird. Nein, wir haben uns parallel entwickelt. Der polnische Papst hat gesagt, wir sind ältere Brüder. So hätten sich Christen verhalten müssen. Die Verfolgung und Ablehnung beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. Die jüdische Minderheit hat keine Kreuzzüge gemacht, keine Pogrome veranstaltet, hat niemanden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Gewöhnlich reifen Menschen im Alter. Deshalb meine ich, dass Luther da aussprach, was er immer schon wollte: die Juden bekehren, nach dem Motto "Christen sind die besseren Menschen". Aus unserer Sicht ist das völlig unbegründet. Da haben sich beim alten Luther gekränkte Eitelkeit und die Enttäuschung darüber, dass sein Plan nicht aufging, in blindwütigen Hass verwandelt. Dieser Teil Luthers ist unerträglich. Deshalb würde ich nie einen Luther-Preis annehmen.

Dorothea Wendebourg: Ich stimme nicht zu, dass Luther von Anfang an Juden bekehren wollte. Er konnte 1523 damit leben, dass Juden keine Christen waren - obwohl er das für falsch hielt.

War Luther ein Antisemit?

Dorothea Wendebourg: Ich unterscheide zwischen rassistisch und religiös begründetem Antisemitismus. Der rassistische Antisemitismus kommt mit dem Rassegedanken im 19. Jahrhundert auf. Vorher war die Judenfeindschaft primär religiös begründet. Ich fasse das mit den Begriffen Antisemitismus hier und Antijudaismus da. Letztlich ist die Terminologie egal, beides läuft auf Varianten des Judenhasses hinaus.

Reinhard Schramm: So kann ich das akzeptieren. Anderenfalls befürchte ich, dass die Unterscheidung von Antisemitismus und Antijudaismus zu einer unangemessenen Relativierung des Judenhasses benutzt wird. Das liefe etwa darauf hinaus, dass Hitler sozusagen die schlimmere Form des Judenhasses und Christen eher eine weichere Form vertreten hätten.

Das kann man so nicht sagen. Ein Tag bevor meine Mutter mit mir von Weißenfels nach Theresienstadt deportiert werden sollte und wir von meinem protestantischen Vater versteckt wurden, schrieb meine Mutter einen Zettel: Geh in die Saale. Dass stammte aus dem Pogrom-Jahr 1349: Die Juden gingen in die Saale, wenn sie nicht erschlagen wurden, und begingen Selbstmord.

Gebrauchsanweisung zur Ausmerzung der Juden

Dass unser Fehlen im Luftschutzkeller damals niemanden auffiel, hing damit zusammen, dass die Frauen meiner Mutter verboten, in den Luftschutzkeller zu kommen, weil sie nicht mit Juden im Keller sitzen wollten. Das hatte dieser Hass aus den Menschen gemacht. Es gab im Kopf meiner jüdischen Mutter keinen Unterschied zwischen dem Antijudaismus von 1349 und dem Antisemitismus vom Februar 1945.

Der Eisenacher Bischof Martin Sasse, ein Vertreter der deutschen Christen, ließ nach der Reichskristallnacht 1938 eine Schrift "Martin Luther und die Juden - hinweg mit ihnen" drucken. Haben sich die Lutheraner in besonderer Weise vom Judenhass der Nazis anstecken lassen?

Reinhard Schramm: Es wäre ungerecht zu behaupten, dass nur Protestanten antisemitisch voreingestellt waren durch Luther. Es ist aber unstrittig, dass Luther mit seiner Autorität einen Einfluss auf die Entwicklung der protestantischen Kirche hatte. Das wäre ihr besser erspart geblieben. Luther hat geholfen, solche antisemitische Theorien zu begünstigen. Luther brauchte man nicht missbrauchen, den musste man nur benutzen. Was er anführte, war eine Gebrauchsanleitung zur Ausmerzung des Judentums. Aber es gab auch genügend Christen, die sich in der Nacht des Faschismus positiv hervortaten und für Juden einsetzten. Auch mein Vater war Protestant und er hat uns versteckt. Über Luther aber kann ich nichts Positives sagen. Man muss den Mann an den Auswirkungen messen, und die waren fatal.

Wenn man 1938 seinen Antisemitismus pflegen wollte, konnte man sich auf Luther oder auch Bischof Sasse berufen. Das war aber nicht immer so. Der antisemitische Luther war lange vergessen. NS-nahe Theologen beklagten sogar, dass man dieses "wegweisende Erbe" Luthers verdrängte und ungenutzt liegen ließ. Waren das Einzelstimmen?

Dorothea Wendebourg: Nein, das waren keine Einzelstimmen. Daran sieht man, wie schwierig und uneinheitlich die Luther-Rezeption ist. Die schlimmen antijüdischen Schriften von 1543 wurden im 16. und 17. Jahrhundert breit rezipiert, kommentiert und nachgedruckt. Mit dem Pietismus am Ende des 17. Jahrhunderts bis ins späte 19. Jahrhundert kennt man nur noch die 1523er-Schrift mit ihre freundlicheren Aussagen. Das erklärt auch, warum wir im 19. Jahrhundert von jüdischer Seite sehr positive Aussagen über Luther und den Protestantismus haben.

Man findet bei Reformations-Jubiläen im 19. Jahrhundert geradezu eine Luther-Verehrung auf jüdischer Seite. Die meisten dieser Verehrer kannten diese 1543er-Schriften nicht oder hielten sie für unrelevant.

Selbst ein Adolf Stoecker, der den rassischen Antisemitismus im Protestantismus hoffähig machte, kannte den 1543er-Luther vermutlich nicht, sonst hätte er sich mit Begeisterung darauf gestürzt. Und dann ist es eben die Nazi-Zeitung "Der Stürmer", der schreibt, die Protestanten würden das Beste verbergen, was Luther je geschrieben hat.

Bei den Kirchenleitungen gingen damals massenhaft Nachfragen von Pastoren ein, die fragten, ob das so stimmt, das hätten sie noch hie gehört. Ungeachtet dessen gibt es subkutanen Antijudaismus. Man gab sich nicht ständig antisemitisch, wenn man aber mit Juden zu tun hatte, waren da viele Ressentiments und Vorurteile, die sich auch zuspitzen konnten. Ob es eine Nachwirkung Luthers in der allgemeinen Genetik aller Christen gab, wissen wir nicht. Aber man kann es nicht ausschließen.

Es gab auch unter den Protestanten starken Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Hatten Menschen wie Bonhoeffer keine antijudaistischen Ressentiments?

Reinhard Schramm: Die Bekennende Kirche hat viel gegen die Nazis getan, aber auch da fanden sich in der Anfangszeit durchaus antijüdische Tendenzen. Ich kenne Zitate von 1938, die einen aufhorchen lassen. Bei der Kristallnacht hat die Mehrheit der Christen weggeschaut. Das war Mord in aller Öffentlichkeit, jeder hat gewusst, wie mit Juden umgegangen wurde.

Dorothea Wendebourg: Auch ein Bonhoeffer beruft sich in seinem Widerstand auf die Schrift Luthers von 1523, die von 1543 kannte er vermutlich nicht. Wir haben von Bonhoeffer die Luther-Ausgabe, mit der er arbeitete. Da waren die späten Schriften nicht enthalten.

Es gab auch in der Bekennenden Kirche Antijudaismus. Noch schlimmer war die große Gleichgültigkeit. Man meinte, so viele andere wichtigere Konflikte mit dem NS-Regime zu haben, als das Judenproblem.

Mit Luther kann man christlichen Widerstand, aber auch Untertanengeist begründen. Macht es Luthers Lehre leicht, sich mit autoritärer Macht zu verbünden?

Dorothea Wendebourg: An Obrigkeit angebiedert hat sich Luther nie. Er hat sich mit ihr angelegt, auch in Situationen, in denen sein eigenes Leben davon abhing - wie etwa beim Reichstag von Worms. Auch seine erste Schrift über den Bauernkrieg beginnt mit einer Anklage an die Fürsten, die den Krieg mit der Ausbeutung und Unterdrückung der Bauern selbst verschuldet hätten. Scharf gegen die Bauern wird er erst, als die zur Gewalt greifen.

Die Landeskirche hat Luther mit Hilfe der Obrigkeit geschaffen. Das war unvermeidlich, weil Staat und Kirche so miteinander verflochten waren, dass man Letztere nicht unabhängig vom Staat etablieren konnte.

Luther war kein Demokrat. Er war der Bürger eines monarchischen Obrigkeitsstaates, den er nicht infrage stellte. Er hat aber verlangt, dass die Obrigkeit moralisch handelt. Deswegen konnte man gut mit Luther in einem Obrigkeitsstaat leben - in einem Unrechtsstaat aber nicht.

Reinhard Schramm: Ich kenne heute viele junge Pastoren und Pfarrer, die sehr engagiert und mutig auch gegen vorherrschende Meinungen auftreten. Ich bewundere die, die sich mutig dem Zeitgeist entgegenstellen. In der Wendezeit haben das auch sehr viele Katholiken und Protestanten gezeigt. Diese Menschen zeigen keinen Untertanengeist.

Wie soll die evangelische Kirche im Lutherjahr 2017 mit ihrer Geschichte umgehen - mit Holocaust, DDR-Diktatur und dem Verhältnis zu Israel und den Juden?

Reinhard Schramm: Die Kirche muss ihr Verhältnis zu den Juden klären - auch das Versagen während des Holocaust. Da geht es nicht nur um Schuld, sondern darum, Verantwortung wahrzunehmen. Dafür brauchen wir die positiven Beispiele aus den Kirchen, die es ja gibt, und die die Ehre der Kirche gerettet haben.

Die DDR ist unterschiedlich an Juden herangetreten. Bis 1953 ging es relativ anständig zu, jüdischen Opfer wurden geachtet. Gemeinden konnten existieren.

Dann drohte der Antisemitismus der Sowjetunion mit den furchtbaren Judenprozessen überzuschwappen, der aber in der DDR nach dem Tod Stalins nicht mehr so zum Zuge kam. Trotzdem flohen viele Erfurter Juden in den Westen.

Zwischen 1953 und 1985 spürten die Juden, dass die DDR ein atheistischer Staat war. Juden hatten nicht unbedingt etwas auszustehen, standen aber in der Opferhierarchie weit hinten. Und schließlich gab es Ende der 80er in Vorbereitung des 50. Jahrestages der Pogromnacht von 1938 eine Annäherung, die man sicher nicht nur damit erklären kann, dass Honecker angeblich nach Amerika wollte.

Jubiläum soll Würdigung der Reformation werden

Dorothea Wendebourg: Ich plädiere dafür, dass 2017 kein Luther-Jubiläum wird. 500 Jahre Luther hatten wir 1983. Das reicht. 2017 soll es um 500 Jahre Reformation in ihrer weltweiten Wirkungen gehen. Die Amerikaner, die Skandinavier, Engländer und Schweizer sind dabei. Diese vielen Geschwister der protestantischen Konfessionsfamilie können wir nicht alle für das deutsche Luthertum in Geiselhaft nehmen.

Die norwegischen Protestanten, die Juden geschützt haben, taten das unter Berufung auf den Luther von 1523. Der lutherische Antisemitismus bei uns ist auch ein spezifisch deutsches Phänomen. Wenn es ein breit aufgestelltes Reformationsjahr werden soll, kann man es nicht wieder durch das Nadelöhr der deutschen Probleme ziehen.