MDR-Intendantin hat ARD-Vorsitz übernommen

Leipzig. Die MDR-Intendantin Karola Wille hat jetzt auch den Vorsitz der ARD übernommen. Es scheint, als wolle sie daraus etwas machen.

MDR-Intendantin Karola Wille spricht am 11. Januar in einer Pressekonferenz in Leipzig über ihren Vorsitz in der ARD. Foto: Jan Woitas

MDR-Intendantin Karola Wille spricht am 11. Januar in einer Pressekonferenz in Leipzig über ihren Vorsitz in der ARD. Foto: Jan Woitas

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Die Aufstellwand mit dem ARD-Logo leuchtet blau, die Scheinwerfer gleißen, in der Ecke des Raumes hält sich eine Visagistin mit Puder und Schminke bereit. Vom Buffet her duftet es nach Waldpilzen in Sahnesoße und Pute im Schinkenmantel.

Hier, in Leipzig, in der Intendanz des Mitteldeutschen Rundfunks, soll Anfang dieser Woche Großes vermelden werden. Der Sender selbst hat sicherheitshalber gleich zwei Fernsehkameras installiert, hinter denen sich die anderen Berichterstatter irgendwie postieren müssen.

Schließlich kündigt der Sprecher des Senders, der nebenher den schönen Titel Hauptabteilungsleiter trägt, die Hauptdarstellerin an, für die diese Bühne hergerichtet wurde und die noch einige Titel mehr besitzt: Prof. Dr. Karola Wille, Intendantin des MDR – und neuerdings Vorsitzende der ARD.

Die Frau, die bis daher an der Seite stand, tritt nun ans Mikrofon. Ihr weißer Blazer, kontrastiert durch die schwarze Bluse, strahlt im Kunstlicht. Sie werde, sagt sie, jetzt ihre „Leitgedanken“ vortragen, unter die sie ihre Amtszeit stellen wolle. Der erste laute „Glaubwürdigkeit und Dialog“.

Gerade in diesen Zeiten, sagt sie, müssten die Sender der ARD dem „Beitragszahler mit Respekt“ begegnen. Dazu gehöre es, offensiv Fehler zu korrigieren und den Menschen zuzuhören. Sie wünsche sich eine „wirklichkeitsgetreue Darstellung von Ost- und Mitteldeutschland“.

Karola Wille redet nicht laut, die leichte sächsische Färbung lässt ihre Stimme besonders weich erscheinen, zuweilen verhaspelt sie sich. Die Finger, die sie ab und an knetet, das immer wiederkehrende Lächeln, die Körpersprache – dies alles vermittelt Zurückhaltung.

Doch man sollte sich nicht täuschen. Karola Wille will dem mächtigsten deutschen Senderverbund nicht nur vorstehen, oder ihn gar bloß repräsentieren. Sie will, das macht ihr Aufritt in Leipzig deutlich, dieses föderale Gremienmonstrum ARD tatsächlich führen. Sie scheint vorzuhaben, den Zufall des Turnus, der sie vorübergehend zur nominell wichtigsten Frau in der deutschen Medienlandschaft macht, tatsächlich zu nutzen.

Dies ist eine bemerkenswerte Entwicklung, vor allem deshalb, weil Karola Wille im Jahr 1959 nicht etwa in München geboren wurde oder in Düsseldorf – sondern in Karl-Marx-Stadt. Danach erwarb auch nicht in Westberlin oder Hamburg ihren juristischen Abschluss, sondern sie studierte in Jena Rechtswissenschaften. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über den Rechtsverkehr zwischen den sozialistischen Ländern. Ins Bild fügte sich, dass ihr damaliger Ehemann vor 1990 als Militärstaatsanwalt arbeitete.

Doch nun ist sie, die DDR-Juristin mit marxistisch-leninistischer Nebenausbildung und nachgeholtem Fernstudium in Hagen, Chefin der ARD. Und sie ist Intendantin eines Senders, der sich auf einer riesigen Fläche des früheren Schlachthofs in der südlichen Vorstadt breitgemacht hat, inklusive silbrig-glänzendem Hochhaus, Großkantine, diversen Verwaltungsgebäuden und Studio.

Etwa 2000 Menschen arbeiten hier, zwei Drittel davon sind fest angestellt. Der Rest der Belegschaft, das sind um die 1400, verteilten sich auf die Hörfunkzentrale in Halle (etwa 550) und die drei Landesfunkhäuser in Dresden (280), Magdeburg (250) und Erfurt (220).

Damit ist der MDR für ostdeutsche Maßstäbe ein Konzern, ein sächsischen Großunternehmen mit einer großen Außenstelle in Sachsen-Anhalt – und einer kleinen in Thüringen. Mit dieser Unwucht, in den Staatsverträgen nach der Wende zementiert, muss sich gerade Wille wieder beschäftigen, was ihr sichtlich wenig Freude bereitet und was später noch eine Rolle spielen wird.

Der Umsatz des MDR wurde zuletzt mit gut 700 Millionen Euro angegeben. Es gibt neben dem Fernsehkanal, auf dem am Abend drei verschiedene Landesmagazine ausgestrahlt werden, acht Radiowellen und einen stetig wachsenden Internetauftritt.

Karola Wille hat nach der Wende beim Sender angefangen, als Referentin in der Juristischen Direktion. Doch wurde sie schon 1993 zur Stellvertreterin des Juristischen Direktors berufen, drei Jahre später war sie Direktorin.

Das große Durcheinander

Auf dieser Position blieb sie 15 Jahre – und wäre es wohl auch geblieben, wenn nicht vor gut fünf Jahren beim MDR alles durcheinandergeraten wäre. Ende 2010 wurde der Herstellungsleiter des Erfurter Kinderkanals verhaftet. Der MDR, der die Geschäfte des Senders für ARD und ZDF verwaltete, hatte nicht bemerkt, dass der Mann um die mehrere Millionen Euro an angeblichen Produktionskosten für Firmen abrechnete, die mit ihm den Profit teilten.

Dass der Kika-Skandal nur Teil eines schlecht organisierten und teilweise korrupten Systems war, zeigte sich spätestens im Sommer 2011, als der MDR-Unterhaltungschef Udo Foht suspendiert wurde. Auch hier ging es um Betrug, Steuerhinterziehung und Untreue auf Kosten der Gebührenzahlers.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der langjährige Intendant Udo Reiter, der zwar schon 67 war, aber noch einen Vertrag bis 2015 hatte, seinen vorzeitigen Rückzug angekündigt. Sofort wurden Namen herumgereicht, vom Hörfunkdirektor Johann Michael Möller bis zum Thüringer Funkhaus-Direktor Werner Dieste. Auch der Name der Direktorin Wille fiel.

Favorit war jedoch Bernd Hilder, damals Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung. So sah es jedenfalls der Dresdner Staatskanzleichef Johannes Beermann (CDU), der damit die sächsische Oberhoheit über den Sender manifestieren sollte.

Doch Beermann, der sein Handwerk unter Helmut Kohl gelernt hatte, ging zu forsch vor. Der Rundfunkrat, wo Vertreter aus allen drei Ländern vertreten sind, ließ ihn auflaufen. Hilder fiel durch, was auch daran lag, dass die Thüringer Vertreter eher Wille zuneigten. Die DDR-Vergangenheit der Direktorin und auch der Umstand, dass sie für die Revisionsabteilung zuständig war, die ja nicht nur im Fall Kika krachend versagt hatte: Es störte keinen. Wille wurde mit großer Mehrheit von den Rundfunkräten gewählt.

Biederkeit und Ostfolklore

Die Intendantin, so kann man das sagen, hat seitdem den Sender verändert. Udo Reiter, der nach der Wende vom Bayerischen Rundfunk nach Leipzig kam, hatte den MDR zwar zu einem der reichweitenstärksten und erfolgreichsten Sender der ARD aufgebaut. Doch die Quote erkaufte er zumindest im Fernsehen mit Biederkeit, seichter Unterhaltung und Ostfolklore.

Hinzu kamen immer mal wieder seltsame Nachrichten. Mal hatte der Sender Millionen bei Spekulationen verzockt, mal musste der Sportchef nach Korruptionsvorwürfen gehen, mal .. Als der Kika-Skandal bekannt wurde, sagten viele in der Branche, dass dies so nur beim MDR hätte passieren können.

Das Image scheint jetzt zumindest nach außen hin halbwegs bereinigt. Wille hat die Strukturen verändert, neue Direktoren ernannt, mehrere Prüfebenen eingeführt. Die private Ermittlerfirma Esecon, die noch von Reiter gerufen wurde, sichtete Akten, prüfte Rechnungen und führte regelrechte Verhöre mit Dutzenden Mitarbeitern durch.

Die Belegschaft, deren Wunschkandidatin Wille gewesen war, klagt inzwischen über die interne Bürokratie, die zugenommen hat. Als im September durch einen Bericht unserer Zeitung bekannt wurde, dass sich die Rechnungen von Esecon über die Jahre auf 6,6 Millionen Euro summierten, wogte der Protest im Intranet. Der MDR ließ daraufhin stillschweigend den Vertrag mit Esecon auslaufen. Oder wie es der Sendersprecher auf Nachfrage formuliert: „Es gab keine aktuellen Sachverhalte, die eine Weiterführung notwendig gemacht hätten.“

Hinzu kommt, dass Wille derzeit ihren Sender der größten Reform seit seiner Gründung unterziehen will. Die klassische Trennung in Fernsehen und Hörfunk, die durch den Online-Bereich ergänzt wurde, soll aufgelöst werden. Auch beim MDR werde künftig nur noch Inhalt, neudeutsch Content, produziert, der dann auf allen denkbaren Kanälen versendet wird. Das Stichwort lautet Trimedialität.

Das kostet natürlich. Mindestens 12 Millionen Euro, aber wahrscheinlich sehr viel mehr, müssen investiert werden – in neue Fernsehstudios am bisherigen Hörfunkstandort in Halle und in neue Radiotechnik im Fernsehzentrum in Leipzig.

Und Thüringen, mit seinen gerade einmal 100 festen Angestellten? Würde das Erfurter Landesfunkhaus nichts abbekommen? Wille wurde kalt überrascht, als diese Frage plötzlich sehr laut von der rot-rot-grünen Landesregierung gestellt wurde. Noch überraschender war, dass sich im Landtag die ganz große Protestkoalition unter Einbindung der CDU bildete.

Dass daraufhin das Klima zwischen der Erfurter Landespolitik und der Leipziger Senderzentrale stark erkaltete, wäre eine Untertreibung. Der linke, für Medien zuständige Staatskanzleiminister schrieb böse Briefe und sah den Rundfunkvertrag verletzt, derweil sein Staatssekretär im Rundfunkrat den Gedanken ventilierte, dass Thüringen auch zum Hessischen Rundfunk wechseln könnte.

Inzwischen haben sich alle wieder etwas beruhigt. Die Intendantin hat verstanden, dass sie etwas tun muss, und die Thüringer haben begriffen, dass ihre politische Macht arg begrenzt ist. Am Kompromiss, mit dem eine für Medienfragen zuständige Redaktion in Erfurt entstehen soll, wird gerade gebastelt. Zudem hat Wille mit Boris Lochthofen (siehe unten stehenden Beitrag) einen jungen, geschmeidigen Landesfunkhaus-Direktor installiert, mit dem auch die linke Staatskanzlei leben kann.

Die Intendantin will das Thema abräumen. Sie ist jetzt ARD-Vorsitzende und sie hat einen Plan. In Leipzig steht sie in der Intendanz, die neben vielen schicken Büros und weißen Ledergarnituren einen holzgetäfelten Sitzungssaal vorhält, wie ihn die Uno gerne hätte, und hält eine Art Regierungserklärung.

Die Gesellschaft, sagt sie, werde zunehmend polarisiert, die Wertegrundlagen erodierten, die Gewaltbereitschaft steige. Die sei die Stunde des Journalismus, objektiv, nah an den Menschen und auch außerhalb der Mainstream-Korridore – und natürlich trimedial.

„Die ARD“, sagt sie, „muss sich verändern.“ Sie sagt es nicht laut, im weichen, leichten Sächsisch und mit einem Lächeln.

Aber sie meint es ernst.

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