Mehr Abhängige aus Drogenmilieu suchen Hilfe bei Ilmenauer Kontext

Ilmenau  Der Heimleiter berichtet über den Anstieg von Folgen des chemischen Drogenkonsums. Ein neues Therapieprogramm ist geplant.

Heimleiter Klaus-Dieter Godau, Bürgermeister Kay Tischer, Gesellschafterin Eva Elsner-Fritsche und Oberbürgermeister Gerd-Michael Seeber im Gruppenraum. Foto: Arne Martius

Heimleiter Klaus-Dieter Godau, Bürgermeister Kay Tischer, Gesellschafterin Eva Elsner-Fritsche und Oberbürgermeister Gerd-Michael Seeber im Gruppenraum. Foto: Arne Martius

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Die auf psychosoziale Dienste spezialisierte Ilmenauer Kontext gGmbH registriert einen starken Anstieg von Hilfesuchenden aus dem Drogenmilieu. Besorgniserregend sei vor allem die Zunahme der chemischen Droge „crystal meth“, sagte Heimleiter Klaus-Dieter Godau gestern bei einem Besuch von Oberbürgermeister Gerd-Michael Seeber (CDU), Bürgermeister Kay Tischer (SPD) und Wirtschaftsförderer Sebastian Poppner. „Es ist erschreckend, was die Droge anrichtet. Zu uns kommen junge Frauen im Alter zwischen 28 und 30 Jahren, die über Nacht aussehen wie 70“, stellte er fest. Die Kontext Ilmenau will auf diese alarmierende Tendenz mit der Auflage eines weiteren Therapieprogramms reagieren, kündigte Godau an.

Währenddessen hat die Gesellschaft angekündigt, im nächsten Jahr in der Ilmenauer Otto-Hahn-Straße ein neues Gebäude zu errichten. Abgelöst werden soll damit der bisherige Standort in der Marktstraße, wo die Therapiebedingungen wegen der historischen Bausubstanz an ihre Grenzen stoßen, sagte die geschäftsführende Gesellschafterin Eva Elsner-Fritsche.

Angefangen hat das Unternehmen, das neben den Wohnheimen in Ilmenau auch Häuser in Ernstthal und Sangerhausen betreibt, mit dem Fokus auf Alkohol-, Medikamenten- und Spielsucht. Der im vergangenen Jahr verstorbene Firmengründer Lutz Fritsche tat das nicht zuletzt aus einer persönlichen Motivation heraus: Wie Eva Elsner-Fritsche gestern berichtete, sei ihr Mann selbst 30 Jahre von der Sucht betroffen gewesen und habe in dieser Zeit Höhen und Tiefen durchgemacht. Ihm zu Ehren wurde im Wohnhaus an der Sturmheide eine Gedenkecke eingerichtet – mit einem Porträt, das ein Bewohner selbst angefertigt hat.

Unterschieden wird in der Einrichtung zwischen Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit, die das Leben der Betroffenen maßgeblich bestimmt. „Man schläft nicht mehr durch, muss nachts aufstehen, um nachzukippen und beginnt den nächsten Tag wieder mit Alkohol“, beschrieb die Gesellschafterin das fortgeschrittene Stadium. Ihr Mann habe zeitweise nur noch unter dem Einfluss von Alkohol schreiben können, schilderte sie die Zeit vor der Abstinenz des Firmengründers.

Trotz zum Teil weit fortgeschrittener Suchtbiografien verzeichnet die Kontext gGmbH Erfolge. Zu den außergewöhnlichsten gehört wohl der Fall, bei dem eine Patientin mit dem Rollstuhl in das Wohnheim kam und nach einem halben Jahr mit dem Rucksack zum Einkaufen ging, erzählte Klaus-Dieter Godau von einer Ausnahmeentwicklung. Nach Angaben des Unternehmens bleiben 60 Prozent der therapierten Personen trocken. „Manche waren drei bis fünf Jahre hier. Da ist es uns nicht egal, was hinterher mit ihnen passiert“, so der Heimleiter. Eine Garantie auf lebenslange Abstinenz gebe es allerdings nicht. Für viele sei es schon ein großer Erfolg, wenn sie fünf Jahre durchhalten, beschrieb er.

Wichtig für den Erfolg außerhalb des Wohnheims sind für die Verantwortlichen der Kontext drei Säulen: Arbeit, Wohnung und Partnerschaft. Weil bei vielen Hilfesuchenden der Prozess schon weit fortgeschritten ist, beginnen die Therapiebegleiter mit den einfachsten Dingen. Einkaufen, Kochen, Wäsche waschen: „Wir versuchen erst einmal, wieder Alltagsstrukturen in das Leben zu bringen“, sagte Eva Elsner-Fritsche.

Alkoholkrankheit oft von Familien gedeckt

Wichtig für die Therapie ist, dass sich die Betroffenen freiwillig dafür entscheiden. „Wer sich zu Tode saufen will, dem kann ich die Alternative nicht aufzwingen“, sagte Heimleiter Godau zu den Aufnahmebedingungen. Oft sei es so, dass Familien lange Zeit schützend die Hände über Abhängige halten. „Es gibt sogar Zehnjährige, die den Haushalt schmeißen, nur damit die trinkende Mutter nicht in eine Therapie muss. Und es gibt viele Frauen, die verdrängen, dass ihre Männer saufen“, erklärte Elsner-Fritsche.

Voraussetzung für eine Behandlung ist allerdings, dass ein gewisser Leidensdruck bei den Betroffenen vorhanden sein müsse.

Die Ilmenauer Kontext gGmbH wurde in diesem Jahr zu den 100 innovativsten Unternehmen Deutschlands gewählt, weil sie nach Einschätzung der Jury 60 Prozent des Umsatzes mit Dienstleistungsneuheiten und Verbesserungen im Therapiebereich erzielt.