Mein Lieblingsort (1) Mit und ohne Lampenfieber ins Erfurter Theater

Erfurt. Selbst als Stadtschreiberin fühlt es sich seltsam an, einen wildfremden Menschen darum zu bitten, mir seinen Lieblingsort zu zeigen. Dr. Jochen Voit, Leiter der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, ist von meiner Idee aber angetan.

Jochen Voit, Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße, steht vor seinem Lieblingsort, dem Theater. Foto: Katharina Bendixen

Jochen Voit, Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße, steht vor seinem Lieblingsort, dem Theater. Foto: Katharina Bendixen

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Vor dem Museum wartet er auf mich, und wir kommen sofort ins Gespräch. Jederzeit droht der nächste Platzregen, und so laufen wir schnell am Dom vorbei, Richtung Maximilian-Welsch-Straße.

Es macht Spaß zuzuhören, wenn Voit sich für seine Arbeit begeistert. Wenn er vom Kubus schwärmt. Wenn er sagt: "Wir wollen kein trauriges Museum sein." Seit zwei Jahren ist Voit erst in der Stadt, und es ist kein Zufall, dass gerade er der erste ist, den ich nach seinem Lieblingsort frage: Seit einer Weile interessiere ich mich immer mehr für die DDR.

Die Orte der Kindheit sind verschwunden

Woran das liegt, weiß ich selbst nicht genau. Vielleicht ist es die Verwunderung, dass die Orte meiner Kindheit nicht mehr existieren. Vielleicht der Wunsch, das Leben meiner Eltern besser zu verstehen. Vielleicht auch die Irritation, dass ich mit diesem Interesse in meiner Generation ziemlich allein bin.

Wir brauchen keine zehn Minuten, bis wir Voits Lieblingsort erreicht haben: das Theater. "Dieses Gebäude finde ich immer wieder erfrischend", sagt Voit, "in einer Stadt, die in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem Geschichte atmet."

Schon mehrmals bin ich hier vorbeigegangen. Jetzt schaue ich mir das Haus genauer an. Faszinierend, dass die Türme des Doms sich in der Fassade spiegeln, aber wenn ich mich umdrehe, ist der Dom nicht zu sehen.

Voit zeigt mir das Haus nicht nur, weil ihm die Architektur gefällt. Für ihn ist mit dem Theater eine besondere Erinnerung verbunden, die in sein Leben vor der Andreasstraße gehört: 2010 war er mit einem Sachbuch auf Lesetour, seiner Ernst-Busch-Biografie. Auch im Erfurter Theater fand eine Lesung statt, gemeinsam mit Katharina Thalbach.

Nicht nur wegen der prominenten Begleitung war Voit so aufgeregt, dass er Grammophon und Schellackplatten im Hotel vergaß. Es lag auch an der Größe des Saals.

Um die vierhundert Zuhörer waren da, als Voit und Thalbach das Buch vorstellten, so viele wie bei keiner anderen Lesung. Die Aufregung war also berechtigt - und immer, wenn Voit das Gebäude passiert, denkt er daran zurück.

Von Routinen abweichen

Auch heute spielt das Theater für ihn noch eine Rolle. Mittlerweile betritt er es aber ohne Lampenfieber, meist mit seinen Kindern. Ehe Voit und ich zur Andreasstraße zurücklaufen - wo wir noch eine ganze Weile über das Museum sprechen werden -, besorge ich mir das aktuelle Programm. Nur wenig Sprechtheater, stelle ich später fest. Ein Opern-Fan bin ich eigentlich nicht. Das Gute am Leben als Stadtschreiberin ist jedoch, dass ich von meinen Routinen abweiche. Ich bitte wildfremde Menschen darum, mir ihren Lieblingsort zu zeigen. Und ich gehe noch am Nachmittag zurück zum Theater, um mir seit langem einmal wieder eine Opernkarte zu kaufen.

Die Stadtschreiberin und ihre Serie

Katharina Bendixen (33) aus Leipzig ist seit Mitte Mai Erfurts neue Stadtschreiberin. Für unsere Zeitung schreibt sie die Serie "Mein Lieblingsort", die heute beginnt. In der Serie begleitet Bendixen bekannte Erfurter Bürger an Orte, die den Gesprächspartnern besonders ans Herz gewachsen sind.

Die Autorin und Übersetzerin Bendixen wurde unter zahlreichen Bewerbern von einer Jury ausgewählt. Sie verbrachte drei Jahre ihrer Kindheit in Laos und studierte unter anderem in Spanien. In Erfurt möchte sie ihren Roman fertigstellen, der von einem deutschen Au-pair-Mädchen in Ungarn handelt.