Muslimische Premiere: Grundsteinlegung für Erfurter Moschee

Erfurt  In Erfurt wird am heutigen Dienstag der Grundstein für Thüringens ersten Moschee-Neubau gelegt, mit Ministerpräsident und Protesten.

Ahmadiyya-Gemeindesprecher Suleman Malik (links) und Imam Said Ahmed Arifim Dezember 2016 auf dem Baugelände. 

Ahmadiyya-Gemeindesprecher Suleman Malik (links) und Imam Said Ahmed Arifim Dezember 2016 auf dem Baugelände. 

Foto: Marco Schmidt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Natürlich werden sie heute am Bauzaun stehen, zwischen Feuerwehrzentrale und Autowerkstatt. Seit zwei Jahren schon wogt der Protest gegen die Moschee, die im Gewerbegebiet bei Erfurt-Marbach entstehen soll: Da muss am Tag, an dem der Grundstein gelegt wird, ebenso demonstriert werden.

Aufgerufen haben die sogenannte Bürgerbewegung Pax Europa und die Gruppe „Erfurt zeigt Gesicht“, der Hauptredner aus München wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Auch wenn sich die Veranstalter dagegen verwahren, dass die NPD mitwirbt: Die Grenzen zum Rechtsextremismus sind fließend. Selbstverständlich gibt es zudem die obligatorische Gegendemonstration zur Demonstration. Ihr Motto: „Liebe fetzt – Religionsfreiheit ist Gesetz“.

Beide Veranstaltungen dienen als inoffizielles Rahmenprogramm für die offizielle Veranstaltung auf dem Baugelände am heutigen Mittag. Erst wird aus dem Koran gelesen, dann halten Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) ihre Grußworte.

Auch Vertreter der christlichen Kirchen und jüdischen Landesgemeinde sind eingeladen. Die Ausländer- und Integrationsbeauftragten der Länder, die zufällig gerade in Erfurt tagen, schauen auch mal vorbei.

Moschee soll in einem Jahr stehen

Wenn alles nach Plan läuft, dann wird in einem Jahr Thüringens erste Moschee stehen – mit Gebetsräumen, getrennt für Männer und Frauen, einem Saal für Veranstaltungen, einer Wohnung für den Imam und einer beleuchteten Glaskuppel. Auch ein Minarett ist geplant, acht Meter hoch, das ist die amtliche Maximalhöhe. Allerdings dient es nur der Zierde, ein Muezzin wird nicht das Gewerbegebiet zum Gebet zusammenrufen.

Bis zu 700.000 Euro soll das Ganze kosten, das Geld stammt aus Spenden von Gläubigen. Bauherr ist die Ahmadiyya-Gemeinde, die in vielen islamischen Ländern verfolgt wird. Die Gemeinschaft präsentiert sich liberaler als der orthodoxe Islam. Zehntausende ihrer Anhänger flohen, auch nach Deutschland.

In Thüringen leben keine 100 Mitglieder, viele davon sind Studenten und Flüchtlinge. Insgesamt soll es bis zu 20.000 Muslime in Thüringen geben, aber das sind nur Schätzungen.

Die Tendenz ist seit Jahren steigend – und sie ist es auch, die den Protest nährt, dessen Spektrum von bürgerlich bis extrem reicht. Die Moschee gilt im Pegida-Jargon als Fanal einer sogenannten islamischen Invasion in das Abendland.

Der Protest gibt sich zumeist christlich, da können sich die Amtskirchen dagegen verwahren, wie sie wollen. Erst stellten sogenannte „Bürger für Erfurt“ riesige Holzkreuze neben dem Baugelände auf. Dann drapierten mehrere Männer, die dafür eigens aus Niedersachsen anreisten, auf Spießen einen halben Schweinekopf und Schweinepfoten. Und schließlich führte der Rechtsextremist David Köckert auf dem Erfurter Fischmarkt eine islamistische Scheinhinrichtung auf.

An Montagen wurde am Bauzaun ein sogenannter Bürgergottesdienst abgehalten. Einige, die dort christliche Lieder absangen, demonstrierten neulich mit Scheichgewändern und Vollschleiern durch Erfurt-Marbach, um vor dem Haus der grünen Landtagsabgeordneten Astrid Rothe-Beinlich drohende Reden zu führen.

Als politischer Arm des Widerstands diente stets die AfD. Sie organisierte Demonstrationen, unterstützte ein Bürgerbegehren, klagte gegen dessen Abweisung und machte Kommunalwahlkampf mit dem Thema.

Baue des Feldhamsters auf dem Gelände

Zuletzt wurden aus den Moschee-Gegnern sogar überzeugte Naturschützer. Weil einige verlassene Baue des Feldhamsters auf dem Baugelände gefunden wurden, musste die Ahmadiyya-Gemeinde die Grasnarbe auf dem Gelände entfernen lassen. Tiere angetroffen wurden allerdings nicht.

Dass der Baubeginn zur allgemeinen Beruhigung führt, wagt kaum jemand zu hoffen. Gemeindesprecher Suleman Malik, der wahlweise angefeindet, angegriffen oder angespuckt wird, wäre schon froh, wenn die Situation nicht eskaliert. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre, sagt er, wolle er „gar nichts mehr ausschließen“.

Das könnte Sie auch interessieren:

Bau der Ahmadiyya-Moschee in Erfurt beginnt Mitte November

Vorbereitungen für den Moscheebau in Erfurt laufen: Arbeiten werden von Hetze begleitet

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.