Mythos Jonastal: „Wir gehen davon aus, dass es fünf Atombomben sind“

Arnstadt (Ilm-Kreis). Ein Trio von Hobby-Historikern will am so genannten „Hamster“ den Beweis für eine Hohlraum gefunden haben, in dem fünf Atombomben lagern.

Walter Bögenholt – Historienforscher aus Georgenthal – zeigt auf seinem Computer-Bildschirm die im Jonastal gefundenen Hohlräume. Foto: Michael Keller

Walter Bögenholt – Historienforscher aus Georgenthal – zeigt auf seinem Computer-Bildschirm die im Jonastal gefundenen Hohlräume. Foto: Michael Keller

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Das Jonastal ist ein Ort für Mythen und Legenden. Gespeist aus der Endzeit des Zweiten Weltkrieges. Die Nazis und ihr streng geheimes Projekt „S III“, für das Tausende KZ-Häftlinge schuften mussten und nicht selten ihr Leben ließen, um unterirdische Stollen ins bergige Gelände zu treiben, sie wirken bis heute nach. Und lassen, da vieles nach wie vor im Dunklen liegt, viel Raum für Spekulationen und Theorien.

Eine dieser Theorien beschäftigt seit einiger Zeit die Behörden wie das Landratsamt, Ordnungsamt, Landesverwaltungsamt, Forstamt. Hinter der Theorie stehen drei Männer: Ralf Ehmann aus Gotha, Walter Bögenholt aus Georgenthal, Peter Lohr aus Chemnitz. Das Trio macht mit einer Vermutung aufmerksam, die für Wirbel sorgt.

Eine Theorie des Trios sorgt für Wirbel

Die Theorie: Die drei Männer glauben, einen großen unterirdischen Hohlraum gefunden zu haben, in dem die Nazis unterirdisch Bomben bauen ließen. Und nicht nur das: in dem Hohlraum sollen, so die kühne Theorie, fünf Bomben mit Atomsprengköpfen lagern.

Fundort: der so genannte Hamster im Jonastal. Ende Februar, bei einem Lokaltermin mit Presseleuten, auch aus Österreich, führte Ralf Ehmann in ein Waldstück. Mit Farbspray markierte Punkte sollten den Messraum umreißen. Auf dem Waldboden erkennbare Aktivitäten.

Der Kampfmittelräumdienst Tauber hatte dort gegraben. Für Ehmann ein Witz. Mit dem bisschen Geschabe könne man dem Berg unmöglich sein Geheimnis entreißen.

Angeblicher Fund wurde mit Radargerät gemacht

Das hätten indes seine beiden Bekannten Bögenholt und Lohr geschafft. Beim Ausprobieren eines neu angeschafften und umgebauten Bodenradargerätes seien sie auf den brisanten Fund gestoßen. Seither, so Ehmann, versuche man die Behörden zu mobilisieren – vergebens.

Einer der beiden, die auf den Fund gestoßen sein wollen, ist Walter Bögenholt (66). Der Rentner aus Georgenthal ist Historienfan. Schon als Kind habe er nach Überbleibseln aus den deutschen Kriegen gesucht. Heute noch treibt ihn alles um, was mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zusammenhängt. Luisenthal, Bittstädt, Rote Hütte und der Hamster, das sind seine Jagdreviere. Auch er glaubt, fündig geworden zu sein.

In seiner Einraumwohnung in einem Mehrgeschosser in Georgenthal ist eine Computerecke eingerichtet. Im Handumdrehen hat Bögenholt die Bilder parat, die in Regenbogenfarben umrissene Hohlräume mit einigen Erhebungen am unteren Rand zeigen.

Genau das seien die Atombomben, ist er sicher. Bögenholt ist überzeugt, dass längst nicht alles aufgeklärt ist, was sich bei den Nazis im Jonastal abgespielt haben soll. Von den unterirdischen Produktionshallen ist er überzeugt. Er verweist auf so genannte digitale Geländemodelle über einen Satelliten, die deutlich zeigen, dass sich auf diesem Stückchen Erde Menschen brachial zu schaffen gemacht haben müssen. Dies sei Beleg für seine Theorie. Vor Ort habe auch das Bodenradar angeschlagen. Es habe in einer Tiefe zwischen 7 und 14 Metern einen Hohlraum angezeigt, wie eine Kathedrale, mit mehreren Bögen, und eben die „Bomben“.

„Wir nehmen an, dass es vom Aufbau her Fliegerbomben sind“, sagt Bögenholt überzeugt. Und: „Wir gehen davon aus, dass es fünf Atombomben sind, denn die Materialdichte, die mit unserem Bodenradar gemessen wurde, deutet darauf hin.“

Bodenradar zeige in 7 bis 14 Metern Hohlräume

Eine Gefahr für das Trinkwassereinzugsgebiet sei das. Mindestens. Wenn dem so wäre, müssten doch öffentliche Stellen daran interessiert sein, dass die Gefahr beseitigt wird. Sind sie aber nicht, weil es viel Geld kostet, ist Bögenholt nicht allein überzeugt. Das sagt auch Hobbyhistoriker Ehmann. Aufhören zu warnen, werde man nicht. Bögenholt: „Das sieht doch ein Fachmann sofort, dass es sich hier nicht um eine Mysterium handelt.“

Bei Tauber, dem Kampfmittelbeseitiger, sieht man das freilich anders. Offiziell äußern möchte sich zur Atombombentheorie seltsamerweise keiner. Einer der Spezialisten, der nicht namentlich genannt werden will, zweifelt indes massiv an, dass das Trio überhaupt verlässliche Ergebnisse liefern könne. „Wir haben ein Georadar in der Firma. Das ist aktuell das Modernste auf dem Markt. Damit kommen wir bis in etwa drei Meter Tiefe. Das Gerät, das bis in 14 Meter vordringt, möchte ich gern sehen. Alles Scharlatanerie“, sagt er. Für ihn ist Ehmann nichts anderes als ein „Wichtigtuer“, der auch noch Geld verlange, wenn er den Fundort für amtliche Untersuchungen preisgeben soll.

Man sollte ihn mit den gesetzlichen Möglichkeiten zwingen, sein Wissen preiszugeben, damit die Sache aus der Welt kommt. „Die Russen haben gesucht, die Stasi und viele andere haben gesucht, keiner hat was gefunden“, sagt der Kampfmittelexperte. Wenn es das Land aber wolle und auch bezahle, sei man bereit, richtig in die Tiefe zu gehen. „Es gibt unterschiedliche Messverfahren beim Bodenradar“, verteidigt Peter Lohr (70) seine Ergebnisse.

Der Chemnitzer habe ein Gerät KS600, hergestellt in Waltershausen, verwandt. Es wurde auch schon bei Gräbersuchen auf einem Friedhof in Altenburg erfolgreich eingesetzt, hält er entgegen. Auch er ist überzeugt, dass da unten Hohlräume mit Bomben sind.

Förster hat einen Platzverweis erteilt

Es könnten aber auch nur leere Hüllen sein. Um Strahlung von oben zu messen, liege zu viel Erde darüber. „Das sind keine Phantasien, die Sachen sind definitiv da. Ich bin gern bereit, mich darüber zu unterhalten“, bietet er an. Nicht aus der Welt, aber aus dem Wald, ist für Forstamtsleiter Chris Freise die Sache mit der Bombensuche. Er hat den Schatzsuchern bei einem Ortstermin am Hamster am 15. April kurzerhand einen Platzverweis erteilt. „Ich habe auf die gesetzlichen Regelungen hingewiesen. Erholung und Wandern, okay, mit dem Spaten Löcher graben, Sonden einbringen, Messungen vornehmen, nein, das geht nicht.“

Beim nächsten Mal werde ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet, so die unmissverständliche Drohung. Auch im Landesverwaltungsamt (LVA) in Weimar sieht man die neuesten brisanten „Enthüllungen“ aus dem Dreieck Gotha-Georgenthal-Chemnitz entspannt.

„Wir haben bei diesem Ortstermin gehofft, Ehmann und Co. würden uns die Stelle mit den Auffälligkeiten zeigen, um die Theorie überprüfen zu können. Hat er aber nicht getan. Wir sind deshalb wegen vager Vermutungen und Theorien zu der Auffassung gelangt, dort keine Kampfmittelsuche zu einer möglichen Gefahrenabwehr zu veranlassen“, lässt man über Adalbert Alexy, den Pressesprecher des LVA, ausrichten.

„Wir gehen weiter, wir finden schon Wege“, zeigt sich Walter Bögenholt unbeirrt und zieht an seiner Zigarette. Und auch er fügt an: „Ich bin gern und jederzeit bereit, mich mit kompetenten Leuten zu unterhalten und über meine Unterlagen und Erkenntnisse zu diskutieren“. Das Jonastal, es hat, so scheint es, auch 71 Jahre nach Kriegsende nichts von seinem Mythos verloren.

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