Narren lassen es in Woffleben, Werther und Lipprechterode krachen

Südharz. In Woffleben, Werther und Lipprechterode zogen am Wochenende die Narren alle Register der karnevalistischen Kunst. Ein Überblick.

Der Kannenleeter Turnverein zeigte bei der 23. Saison in Woffleben, wo der Hammer hängt. Foto: Kristin Müller

Der Kannenleeter Turnverein zeigte bei der 23. Saison in Woffleben, wo der Hammer hängt. Foto: Kristin Müller

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Was für ein Karneval! Im Woffleber Elferrat nehmen zwischendurch die Ellricher Amtskollegen Platz, das Prinzenpaar sieht das Publikum als Paar nicht oft – wenn Wofflebens Narren regieren, ist das für niemanden des Kanneleeter Carneval Clubs (KCC) eine Veranstaltung zum Zurücklehnen. Hier ist Einsatz gefragt: Das Gros des Elferrrats von der samstäglichen Prunksitzung tanzt im Laufe des Abends irgendeine Nummer mit, Prinzessin Katja I. tut selbiges, Prinz Thomas II. gehört zum Männerballett wie zum Männerchor. Trotzdem: Küsschen und Orden gibt‘s für jeden Mitwirkenden und besonderen Gast, und sei‘s – wenn Katja I. sich gerade umzieht – von Mann zu Mann...

„Wir sind hier sehr flexibel in Woffleben“, entfährt es Matthias Ehrhold. Er ist hier Karnevalspräsident, er darf im Saal des „Jägerhof“ die Hymne vom „Trommelchen“ anstimmen – das Bürgermeisteramt von Ellrich scheint weit weg. Und so begrüßt ihn sein Ellricher Amtskollege zur Narrenzeit, Michael Schulze, süffisant mit „Ortsteilbürgermeister“.

Liebeskummer, NSA und bitterböser Dorftratsch

Doch natürlich hat Ehrhold weiter eine spitze Zunge, würdigt er „Cleysingens Oberbürgermeister“ Torsten Weschke, entgegnet er „Liesbeth Möchtegern“ aus der Bütt, die im Prinzen ihren Mann fürs Leben gefunden zu haben meint, diesen Zahn werde ihr die Prinzessin ziehen: Katja I. ist im Alltag Zahnärztin. Ihr Mann übrigens verdingt sich als Fitnesscoach.

Logisch, dass er das Tanzbein schwingt: mit Bauhelm von „Hoch- und Schiefbau“ im Männerballett, im ägyptischen Gewand, im Prinzenkostüm in der Männergarde. Der „Kannenleeter Turnverein“ indes wird von den älteren Herren gebildet – und nein, beruhigt Ehrhold, den Ellrichern wolle man nichts nachmachen: Und schon treten die Herren wie zu Ludwig Jahns Zeiten gekleidet zur Gymnastikstunde an. Das Bier fehlt ebenso wenig wie dem Elferrat während der mehr als dreistündigen Sitzung der Schnaps.

Die Woffleber Narren sind meisterhafte Komödianten, begeisterte Tänzer, leidenschaftliche Playback-Künstler. Letzteres beweisen die „Starken Frauen“, unter die sich auch einige Männer in BH und Strapsen mischen. Das etwa 75-köpfige Publikum klatscht, johlt, verlangt mitunter gar nach einer Zugabe.

In der Bütt darf das „Kannenleeter Tratsch Duett“ nicht fehlen, wissen doch Martina Kehmstedt und Karl-Heinz Kraft so manch Episode des Dorflebens zu verarbeiten. Ortschef Fred Birkefeld gibt den „Pessimisten“, spricht das „Asylproblem“ und die „Multikulti-Klassenzimmer“ an, macht einen Streifzug vom „Superstar“-Fernsehen bis zur NSA, bemerkt zum VW-Skandal: „Hätt vor 26 Jahren so ein Programm bei Robotron gerattert, wäre unser Trabi auch im Westen noch geknattert“.

Das zauberhafte Kleid trägt die Schuld an allem

„Hei-Jo, Hei-Jo“, so heißt es nicht nur bei den Zwergen von Disneys Schneewittchen, sondern derzeit auch wieder in Werther. Ungezählte Male erklang der Schlachtruf des Wertherschen Karneval Verein (WKV) am Samstag im „Haus des Volkes“. Denn die bunte Narrenschar hatte zu ihrer ersten Abendveranstaltung – am vergangenen Sonntag kamen bereits die Senioren in den Genuss – eingeladen.

Nach dem Einmarsch der Aktiven gleich der erste Höhepunkt: Gespannt wartete das Publikum im wohl gefüllten Saal auf die Bekanntgabe des neuen Prinzenpaares. Und da gab es eine gehörige Überraschung. Denn nicht aus dem Ort kamen die Regenten, sondern aus dem doch etwas weiter entfernten Ilfeld. Ihr zauberhaftes Kleid, in dem sie als privater Gast im vergangenen Jahr eine Werthersche Festsitzung besuchte, verhalf Prinzessin Stefanie I. zu dieser Ehre. Gemeinsam mit ihrem Prinzen Chris I., der auch im wahren Leben ihr Liebster ist, regiert sie nun das närrische Volk. Warum sich in Werther direkt kein Prinzenpaar fand, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht sind die Einwohner einfach nur zu schüchtern?

In seiner 57. Saison präsentierte der WKV den einfallsreich kostümierten Besuchern ein buntes und abwechslungsreiches Programm, für das bereits im September die Proben begannen. Über drei Stunden lang wurden die alle Muskeln des Publikums aufs Beste strapaziert, ob die Hände beim Klatschen oder die Füße beim Stampfen und natürlich nicht zu vergessen – die Lachmuskeln. Mit großem Einfallsreichtum und viel Herzblut gestalteten die gut sechzig Aktiven einen unvergesslichen Abend. Dabei waren Tanzgruppen in verschiedensten Altersgruppen, Sänger und komische Büttenredner. Der WKV beweist überhaupt ein Herz für den Nachwuchs. Dies zeigte auch der Auftritt der Tanz-Girlies. Die jüngste Tanzgruppe vereint Mädchen im Alter von sieben bis neun Jahren.

Von Urgesteinen bis zum engen Zusammenhalt

Für beste Live-Unterhaltung sorgte die Band „freitags“. Während sich der WKV bei seinem Präsidium auf einen „Fünferrat“ unter der Leitung von Präsident Siegfried Alich beschränkt, glänzt er dafür mit zwei Prinzengarden und zwei Funkenmariechen. Als besondere Gäste konnten an diesem Abend nicht nur Pfarrer Jochen Lenz, sondern auch eine große Abordnung des Sondershäuser Carneval Club „Grün-Weiß“ samt Prinzenpaar begrüßt werden.

Man hört es heutzutage nur noch sehr selten, aber der Werthersche Karneval Verein hat keine Nachwuchssorgen. Unter den hundert Mitgliedern gibt es vierzig junge Leute unter 20 Jahre. Fast von Anfang an dabei ist Dieter Altmann. Er kann auf 56 Jahre Mitgliedschaft im WKV zurückblicken. Ein Urgestein des Wertherschen Karneval ist auch Günter Rauh. Stolze 33 Jahre war er Präsident des Vereins, 46 Jahre ist er Mitglied. Es gibt keinen Streit unter den Narren, nichts wird abgekupfert.

In einem gut gefüllten Saal im Dorfgemeinschaftshaus in Lipprechterode hatten die Karnevalisten bei ihrer Abendveranstaltung sichtlich Spaß. So sorgten Alexej, alias Jörg Kirchner, und Ulle, alias Jochen Ludwig, mit ihrer Büttenrede, in der sie so manche Lebenssituation auf die Schippe nahmen, für den ersten Höhepunkt des Abends. Die Tanzgruppe „Crazy Cheries“ brachten das Parkett mit ihrer Darbietung zum Beben. Das Publikum forderte lautstark eine Zugabe. Die jungen Mädchen aus Lipprechterode und Umgebung ließen sich nicht zwei Mal bitten und gaben noch eine Kostprobe ihres Könnens ab. Um 23.15 Uhr erklang dann das Abschiedslied. Am kommenden Samstag werden die Karnevalisten in Lipprechterode erneut ein Feuerwerk ihres Könnens darbieten. Versprochen!

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