"Nicht ohne meine Söhne": Frau aus Jena kämpft um ihre Kinder

Mit 19 Jahren verliebte sich Berit Kessler aus Jena in einen Beduinen aus Israel. Sie heiratete ihn nach islamischem Recht und beschloss, mit ihm in seiner Heimat zu leben. Die Beziehung zerbrach, ein Sharia-Gericht sprach dem Mann das Sorgerecht für ihre beiden älteren Söhne zu - die Geschichte eines zermürbenden Kampfes.

Berit Kessler aus Jena lebt inzwischen in Israel, möchte aber mit ihren drei Söhnen - den ältesten hält sie auf diesem Bild in den Armen - zurück nach Deutschland. Fotos: privat

Berit Kessler aus Jena lebt inzwischen in Israel, möchte aber mit ihren drei Söhnen - den ältesten hält sie auf diesem Bild in den Armen - zurück nach Deutschland. Fotos: privat

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In einem Film, den ein israelischer Sender über ihren Fall gedreht hat, sieht man sie in einem Beduinenzelt. Bunte Webteppiche, kupfernes Geschirr, bestickte Kissen, ein hölzerner Webstuhl. Das Zelt ist Kulisse. Es soll Israel-Touristen vom Leben der Beduinen erzählen. Endlose Wüste, darüber endloser Himmel und ein Dasein ganz nah am Ursprung. Ein Bild, das mit der Realität wenig zu tun hat. Aber trotzdem schön. Und vor allem so anders.

Auf jemanden, der aus der Enge der Thüringer Provinz auszog, der jung ist und hungrig nach Leben, muss es wie ein Versprechen wirken. Mit einem solchen Versprechen begann diese Geschichte. Eine Geschichte ohne Happy End. Die stecken geblieben ist in einer Kellerwohnung bei Tel Aviv, in unzähligen Gerichtsterminen, in Geldsorgen. In Gewalt, in Tränen und in einem Kampf, der inzwischen so verfahren und aussichtslos scheint wie der ganze Nahostkonflikt. Den Berit Kessler trotzdem weiter führt, weil sie nicht anders kann. Es geht um ihre Kinder.

Als sie am Telefon ihre Geschichte erzählt, klingt ihre Stimme getrieben, nervös. Manchmal wird sie langsam, als zwinge sie sich zur Klarheit. Sie will verstanden werden. Sommer 1996. Kindheit und Schule in Jena, sie hatte das Abitur in der Tasche und wollte für ein Jahr weg. Egal wohin. In Ein Gedi, einem Kibbuz am Toten Meer, suchten sie Freiwillige. Also Israel.

Dort lernte sie ihn kennen. Ein junge Beduine, der Touristen Touren anbot. Keiner von den traditionellen Beduinen, das lange Gewand war Arbeitskleidung, darunter trug er Jeans. Nach dem Dienst fuhren sie zusammen hinaus und er erzählte von der Wüste.

Sie hat lange gezögert, bis sich die Liebe eingestand. Die Liebe überstand ihre Studienzeit in Trier, Geografie und BWL. In den Ferien fuhr sie nach Israel. Vier Jahre später wurde sie schwanger. Der gemeinsame Sohn kam im Juni 2001 in Deutschland zur Welt. Als das Baby sechs Wochen alt war, nahm sie den Flieger nach Tel Aviv. Es sollte für lange sein.

Ihre Eltern waren geschieden. Mit der Mutter verstand sie sich nicht gut. Als sie 16 wurde, zog sie zu Hause aus. Der Kontakt zur Schwester war lose. Da war nichts, was sie hielt. Nicht in Jena, nicht in Trier. Sie wollte es wagen, dieses neue Leben über alle Grenzen hinweg, alle Bedenken. Sie dachte, sie kennt ihn.

Sie müssten heiraten, hatte er ihr gesagt, nach islamischer Art, sonst würde die Familie das Kind niemals anerkennen. Die Zeremonie vor dem Sharia-Gericht in Beer Sheva dauerte wenige Minuten. Dabei wurde sie auch Muslimin. Ein Satz genügte: "La ilaha illallah, muhammad rasulullah." Es gibt keinen Gott außer Allah und Muhammed ist sein Prophet.

Sie heirateten nach islamischem Recht

Er hatte ihr das vorher erklärt. Eine Formalie, dieser Übertritt, nur für die Familie und für die Heirat. Darin waren sie sich einig. Sie kleidete sich weiter wie eine westliche Frau. Kein Kopftuch, keinen Schleier. Viel später erfuhr sie, dass diese Ehe nie registriert wurde.

Er kaufte eine Kamelherde, um in der Wüste eine Zucht zu beginnen. In die gemeinsame Wohnung in einem staubigen Ort in der Negev kam er nur alle zwei Monate. Es kam die Zeit, als sie begann zu ahnen, dass sie ihn nicht wirklich kennt. Er, der sich immer westlich gegeben hatte, begann zu beten und zu fasten.

Sie war schwanger mit dem zweiten Kind, als sie von seiner anderen Ehefrau erfuhr und von deren Kind, das fast genauso alt ist, wie ihr Sohn. Scheidung und Rückkehr nach Deutschland - mit beiden Kindern. Einen anderen Weg sah sie nicht mehr. Als sie ihm das sagte, wurde er wütend. Niemals würde er einwilligen.

Um einfach zu gehen, war es zu spät. Ihr zweiter Sohn war geboren und für eine Ausreise hätte sie für ihn einen Pass und seine Zustimmung gebraucht. Er war schon längst nicht mehr der Mann, in den sie sich damals verliebt hatte. Irgendwann, da hatte sie Hilfe bei Sozialarbeitern gesucht, nahm sie ihre Kinder und flüchtete in ein Frauenhaus.

Die Kinder dürfen das Land nicht verlassen

Er erwirkte eine Ausreisesperre für die Kinder und das Recht, den Älteren an drei Tagen in der Woche zu sich zu holen. Von diesem Termin hatte ihr nie jemand etwas gesagt, es war ein Sharia-Gericht.

Das ist möglich in Israel, wo es keine offizielle Trennung von Staat und Religion gibt. Für Familiensachen wie Scheidungen oder Sorgerechtsfragen können sich die Angehörigen der verschiedenen Konfessionen an religiöse Gerichte wenden.

Für eine kurze Zeit schöpfte sie Hoffnung, als er vorschlug, ihr die Wohnung zu überlassen und die Kinder nur noch zu besuchen. Sie willigte ein. Ein Fehler. Kontrolle rund um die Uhr, Gewalt bis hin zur Vergewaltigung. Sie ging zur Polizei, mehrmals. Es geschah nichts.

Er begann auch, den jüngeren Sohn mitzunehmen. Von diesen Besuchen kehrten die Kinder verstört und verändert zurück. Sie sei nicht ihre Mutter, sondern ein Geist, ein schlechtes Wesen. Eine Fremde. Nach einer der Vergewaltigungen wurde sie schwanger. Ein dritter Sohn. Anders als den Älteren gab sie ihm nur einen deutschen Namen.

Die Deutsche Botschaft konnte ihr wenigstens dabei helfen, eine andere Wohnung zu bezahlen, Sozialhilfe aus Deutschland zu beziehen. Dann erfuhr sie von dem Beschluss des Sharia-Gerichts, das dem Vater in ihrer Abwesenheit das Sorgerecht für alle drei Söhne übertragen hatte. Er hatte sie angeklagt wegen Kindesmisshandlung und Ehebetrug. Sie musste sie ihm übergeben. Das geltende Recht war auf seiner Seite.

Warum hat sie damals nicht genauer nachgefragt? Warum sich nicht eher Hilfe gesucht? War sie naiv? Hat sie zu lange gezögert? Warum, warum. . . Wenn man sich von Tag zu Tag rettet, wenn man hofft auf irgendeine Lösung im Guten, wenn man so unendlich erschöpft ist, dann fällt es schwer, klare Gedanken zu fassen.

Im Rückblick stellen sich solche Fragen immer leicht. Mittlerweile lebt sie mit ihrem jüngsten Sohn in einem Ort bei Tel Aviv. Eine Kellerwohnung, 80 Quadratmeter. Die beiden älteren Söhne sind beim Vater und dessen anderer Frau. Die hat inzwischen einen zweiten Sohn mit ihm. Sie leben im Zelt das Leben von Beduinen. Über ihr Schicksal wissen nur Freunde. Sie redet nicht viel darüber. Manchmal, wenn Nachbarn oder Eltern aus der Schule des Sohnes davon erfahren, sind sie entsetzt.

Mithilfe einer Anwältin hat sie wenigstens erreicht, dass ihr Fall vor zwei Jahren an ein ziviles Gericht übergeben wurde. Das Sorgerecht für die Kinder hat das Gericht an einen Vormund übertragen, bis es zu einer Entscheidung findet. Dazu braucht es ein psychologisches Gutachten. Seitdem ist bei jedem Treffen mit den Söhnen ein Psychologe im Raum. 30 Minuten, die Kinder der anderen Frau sind auch dabei.

Die älteren Söhne seit Monaten nicht gesehen

Das letzte mal ist Monate her. Sie hatte ein Würfelspiel mitgebracht und mit den Jungen gespielt. Gesprochen haben sie nur wenig. Wenn sie fragte, wie es ihnen geht, kamen einsilbige Antworten. Dann forschte sie nicht nach, ist vorsichtig, will keine Fehler machen.

Stockende Gespräche in Hebräisch, das sie ohnehin nur schlecht versteht. Wenn sie über diese Treffen spricht, klingt sie merkwürdig distanziert. Zu distanziert für eine Frau, die ungewollt zu einer fremden Mutter wurde. Sie hat sich diese Distanz mit den Jahren mühsam abgerungen. Eigentlich ist es nur ein hauchdünner Schleier über der Seele. Du wirst sonst verrückt, sagt sie. Du musst funktionieren, irgendwie.

Da ist ein Alltag, da ist der jüngste Sohn, der jeden Tag zur Schule gebracht werden muss und abgeholt am Nachmittag, da ist das Geschäft mit selbst genähten Babytragen, das sie über Wasser hält. Nachdem das israelische Fernsehen über ihren Fall berichtet hatte, meldeten sich einige Fremde bei ihr. Bestürzt, voller Mitgefühl, aber helfen konnten sie auch nicht.

Wann das Gericht zu einer Entscheidung kommt, ist für sie nicht abzusehen. Sie weiß, dass jeder Tag sie weiter von den beiden älteren Söhnen entfernt. In Deutschland war sie schon seit zehn Jahren nicht mehr. Sie könnte sich das Geld für den Flug zusammenborgen, aber das würde sie nie tun. Nicht allein. Nicht solange für ihre Kinder eine Ausreisesperre gilt. "Ich gehe nicht ohne meine Söhne", sagt sie.

In der Deutschen Botschaft in Israel will man keine Prognose über den Ausgang des Falls wagen. Immerhin wurde die Sache an ein ziviles Gericht übergeben. Schon dies sei nicht alltäglich in Israel, wo gewöhnlich Familiensachen bei dem Gericht bleiben, bei dem sie aufgenommen wurden. Wenn es sein muss, sagt sie, bleibt sie in Israel bis auch der jüngste Sohn volljährig ist. Er ist jetzt sieben.

Im Streit um Sorgerecht gilt Recht des jeweiligen Landes

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