Nordhausen im 1. Weltkrieg: Schülerinnen senden Gedichte an die Front

Nordhausen. Der Pfarrer der St.-Petri-Gemeinde Friedrich Fritze beginnt, die evangelische Kirchenzeitung "Mut und Kraft" herauszugeben. Beides, sowohl Mut als auch Kraft, benötigen sowohl die Soldaten in den Schützengräben als auch ihre Angehörigen in der Heimat unter dem immer schwerer lastenden Kriegsalltag.

Sturm einer Kompanie des Reserve-Infanterieregiments 82 am 20. September 1914 auf Chevillecourt bei Morsain, nördlich liegt Vic-sur-Aisne, das heutige Arrondissement Soissons, Departement Aisne, Region Picardie. Foto: Museumsdepot

Sturm einer Kompanie des Reserve-Infanterieregiments 82 am 20. September 1914 auf Chevillecourt bei Morsain, nördlich liegt Vic-sur-Aisne, das heutige Arrondissement Soissons, Departement Aisne, Region Picardie. Foto: Museumsdepot

Foto: zgt

Noch immer sind die Zeitungen voller euphorischer Siegesmeldungen, es erscheinen Sonderausgaben und Kriegsdepeschen. Am 1. Oktober senden "patriotische" Schülerinnen der Mädchen-Mittelschule aus der Klasse 4 b ein Paket mit "Handmüffchen" an die Kompanie eines Infanterieregiments, begleitet von folgendem Gedicht: "Damit Ihr nicht frieret in Feindesland, werden Euch von Klasse 4 b diese Müffchen gesandt.

Wir haben mit ehrlichem Fleiß, auf unserer Lehrerin Geheiß fleißig daran gestrickt, und uns um manche Spielstunde gedrückt. Wir taten es gerne, ihr dürft es uns glauben, denn nichts kann uns die Hoffnung rauben, dass ihr nur als Sieger könnt kommen heim, da die Deutschen fürchten Gott nur allein. Und habt Ihr dem Franzmann das Fell versohlt, und Nikoläuschen aus Moskau geholt, dann bleibt nur noch Englands neidisches Heer, und klein Japans schlitzäugige Wehr. Auch über die beiden haltet strenges Gericht, wenngleich noch manch deutsches Herz dabei bricht; und jubeln wir einst Euch Victoria zu: Dann steht auch die Wacht am Rhein wieder in Ruh."

Erste Kriegsgefangene treffen in Nordhausen ein

In der Nacht vom 20. zum 21. Oktober passiert der erste Transport kriegsgefangener Russen den Nordhäuser Bahnhof: Es sind etwa 2000 Mann in geschlossenen Wagen, die in ein Lager in der Nähe von Kassel gebracht werden. Was die Einwohner Nordhausens erst Ende November 1914 erfahren: Hans Lody, Reserve-Oberleutnant der Kriegsmarine, geboren in Berlin, von einem englischen Kriegsgericht als deutscher Spion zum Tode verurteilt, wurde am 6. November 1914 im Tower of London erschossen.

Sein Vater war 1881 zum besoldeten Beigeordneten der Stadt Nordhausen mit einer Amtszeit von zwölf Jahren gewählt worden. Die Familie lebte seit März 1882 in Nordhausen und wohnte in der Sedanstraße 8. Lody starb qualvoll an einer Lungen- und Rippenfellentzündung am 16. Juni 1883. Die fünf Kinder verloren 1885 auch die Mutter. Hans besuchte die Schule der Franckeschen Stiftungen in Halle und musste, obwohl er zur See gehen wollte, mit 14 Jahren eine kaufmännische Lehre beginnen.

Es gelang ihm dennoch, zur deutschen Marine zu gehen, und er erwarb sogar das Kapitänspatent. Er heiratete später eine wohlhabende Amerikanerin. Ein Zerstörer der Deutschen Kriegsmarine erhielt 1935 den Namen "Hans Lody". Die Nazis gaben später auch einer Straße in Nordhausen seinen Namen.

Die Inflation im Reich beginnt unbemerkt

Um den Goldbestand der Reichsbank zu vermehren und folglich für den Krieg nutzbar zu machen, wird die Bevölkerung aufgerufen, Goldmünzen bei der Reichsbank gegen Papiergeld einzutauschen. Tatsächlich wachsen von August 1914 bis zum 1. Februar 1915 die Goldbestände der hiesigen Reichsbankstelle um 4.000.000 Mark.

Am 1. Mai 1916 wird eine Goldannahmestelle insbesondere für Gold- und Silberschmuck eingerichtet. Ringe und Goldketten werden gegen eiserne umgetauscht, mit der Inschrift "Gold zur Wehr, Eisen zur Ehr". Unbemerkt von den meisten Menschen beginnt die Inflation. Die Golddeckung ist aufgehoben und die Bankno-tenpresse in Gang gesetzt worden. Es ist jetzt zwar mehr Geld im Umlauf, jedoch ist die zivile Warenproduktion längst rückläufig.

Die Vermehrung der Geldmenge führt zu einer kontinuierlich fortschreitenden Geldwertverschlechterung und sinkenden Kaufkraft. Um das vermehrt umlaufende Geld zu binden und den Krieg zu finanzieren, fordert der Staat seine Bürgerinnen und Bürger auf, Kriegsanleihen zu zeichnen. An der ersten, mit fünf Prozent verzinsten deutschen Kriegsanleihe vom September 1914 beteiligen sich auch die Stadt und die Städtische Sparkasse mit jeweils 500.000 Mark, die privaten Sparer der Sparkasse mit 399.000 Mark.

Bei der zweiten Kriegsanleihe im März 1915 steigt die Gesamtsumme auf 1.964.300 Mark, bei der dritten im September 1915 auf 2.849.900 Mark. Die neun Kriegsanleihen ergeben bei der Städtischen Sparkasse bis Kriegsende 1918 eine Gesamtsumme von 15.167.900 Mark.

Nächste Woche lesen Sie in unserer Reihe: Tod auf den Schlachtfeldern vor Verdun und an der Somme