NSU-Prozess: Gericht beschäftigt sich mit falschen Identitäten des NSU-Trios

München  München. Allein Zschäpe soll elf Namen benutzt haben. Urlaubsbekanntschaften erinnern sich an freundliche junge Leute.

Über Jahre bewegte sich Beate Zschäpe laut Anklage mit falschen Identitäten im Untergrund. Archiv-Foto: Marc Müller/dpa

Über Jahre bewegte sich Beate Zschäpe laut Anklage mit falschen Identitäten im Untergrund. Archiv-Foto: Marc Müller/dpa

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Gerry, Max und Lise – sie waren ein freundliches Dreiergespann, das zwischen 2007 und 2011 mehrmals auf der Ostseeinsel Fehmarn gemeinsam den Urlaub in einem Wohnmobil verbrachte. Während dieser Zeit knüpften sie auch Kontakte zu anderen Campern. An freundliche junge Leute erinnerten sich diese Urlaubsbekanntschaften.

Umso größer war 2011 das Entsetzen bei den betroffenen Familien, als die wahre Identität der jungen Leute bekannt wurde. „Ich kannte sie nur als liebe gute Menschen. Das kann man nicht fassen, dass jemand so was macht“, zeigte sich eine damals 21-jährige Studentin vor einem Jahr, am 129. Verhandlungstag im NSU-Prozess, immer noch geschockt. „Ich habe denen damals zu 100 Prozent vertraut.“ „Gerry“ soll Uwe Böhnhardt und Max eigentlich Uwe Mundlos gewesen sein.

Als Lise identifizierten die Ermittler Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im Münchner NSU-Prozess. Über Jahre bewegten sich die drei laut Anklage mit falschen Identitäten im Untergrund. Sie nutzten offenbar diese Tarnung bei Behörden, Krankenkassen, Ärzten, dem örtlichen Stromversorger oder beim Mieten von Fahrzeugen und Wohnungen sowie dem Kaufen von Zugfahrkarten.

Zschäpe wird vorgeworfen, gemeinsam mit den 2011 verstorbenen Mundlos und Böhnhardt eine terroristische Vereinigung gebildet zu haben.

Die möglichen Aliasnamen sind in der Beweiskette zur terroristischen Vereinigung ein möglicher Baustein. Denn Zschäpe und Mundlos hätten bereits 2003, Böhnhardt ab 2007 auch wieder ihre richtigen Namen annehmen und aus dem Untergrund zurückkehren können. Sie wurden nicht mehr gesucht, die damals bestehenden Straftatvorwürfe gegen sie waren verjährt.

Vierter Verteidiger hat sich eingearbeitet

Deshalb wird sich der Staatsschutzsenat am Oberlandesgericht in München am Mittwoch erneut mit den Aliasnamen beschäftigen. Eine Beamtin des Bundeskriminalamtes (BKA) soll ihre Ermittlungsergebnisse erläutern. Die Anklage der Bundesanwaltschaft geht von elf Tarnnamen aus, die allein Beate Zschäpe benutzt haben könnte. Hinzu kommen die Namen, hinter denen sich Mundlos und Böhnhardt versteckten.

Mit Holger G. sitzt einer der möglichen Namensgeber mit auf der Anklagebank. Ihm wird Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Der Angeklagte soll noch 2011 einen neuen Reisepass für Böhnhardt beantragt haben. Ein weiterer BKA-Ermittler wird dem Gericht am Dienstag die Erkenntnisse über den am 16. Juni 2011 im niedersächsischen Wohnort von Holger G. abgeholten Reisepass darlegen.

Der Staatsschutzsenat muss in den nächsten Monaten eine Vielzahl solcher Ermittlungsergebnisse in die Hauptverhandlung einführen, um den Prozessbeteiligten die Möglichkeit zu geben, die Erkenntnisse zu überprüfen. Als letzten Zeugen in dieser Woche wurde für Mittwoch Mario B. geladen. Er gilt als einer der Führungspersonen des rechtsextremen Zusammenschlusses „Thüringer Heimatschutz“.

Der NSU-Prozess war in der Vorwoche für drei Tage unterbrochen worden, um Mathias Grasel, dem vierten Verteidiger der Angeklagten, die Möglichkeit zum Einarbeiten zu bieten.