Nur in Thüringen steht der Schulgarten auf dem Lehrplan

Erfurt. Der Schulgartenunterricht gilt in vielen Bundesländern als reformpädagogische Nische. Dabei war das Buddeln, Pflanzen und Ernten in der DDR fester Bestandteil des Unterrichts. In Thüringen ist das 24 Jahre nach der Wende immer noch so.

In den Großstädten entfremden sich die Kinder und Jugendlichen immer mehr von der Natur. Das "grüne Klassenzimmer" ist deshalb wichtiger denn je. Archivfoto: Jens Büttner/dpa

In den Großstädten entfremden sich die Kinder und Jugendlichen immer mehr von der Natur. Das "grüne Klassenzimmer" ist deshalb wichtiger denn je. Archivfoto: Jens Büttner/dpa

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Gemeinsam Beete anlegen, Verantwortung für die kleinen Pflanzen übernehmen: Bundesweit erkennen zunehmend mehr Schulen die Bedeutung von Schulgärten und lassen die Kinder spielerisch die Natur entdecken. Was außerhalb Thüringens meist stiefmütterlich im Heimat- und Sachkundeunterricht oder in Arbeitsgemeinschaften nach dem eigentlichen Unterricht angerissen wird, ist dem Freistaat ein eigenes Schulfach wert. Als einziges ostdeutsches Bundesland verzichtete Thüringen nach der Wende darauf, den in der DDR üblichen Schulgartenunterricht aus dem Lehrplan zu streichen.

Vordergründig würden Pädagogen Wissen um die Tier- und Pflanzenwelt vermitteln, sagt Katy Wenzel vom Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und Kindheitsforschung der Universität Erfurt. Ein Effekt sei aber auch, dass die Kinder für Umweltprobleme und Fragen des Konsumverhaltens sensibilisiert würden. Mit Ideologie habe der Schulgartenunterricht jedenfalls nichts zu tun. "Wir bereiten hier niemanden mehr auf den Ernteeinsatz vor", betont Wenzel.

Ihre Lehramtsstudenten versuchen sich derzeit auch an Trends wie dem "urban gardening" - dem platzsparenden Gärtnern im Stadtgebiet - oder den sogenannten Insektenhotels, künstlichen Nisthilfen für Insekten. "Kinder sind von dem Gewusel im Bienenstock begeistert." Dies könnten Lehrer nutzen, um ihren Schützlingen beispielsweise zu erklären, wie empfindlich Insekten auf Gifte reagierten. In Seminaren werden die angehenden Lehrer gezielt auf den Unterricht mit Harke und Spaten vorbereitet. Für mache Studenten ist dies die erste Erfahrungen mit der Arbeit im Garten.

Die westdeutsche Bildungspolitik überließ den Unterricht im Garten lange Jahre den reformpädagogischen Waldorf-Schulen. Das hat sich mittlerweile etwas geändert. In Baden-Württemberg haben 40 Prozent der Schulen zumindest Schülerbeete und Biotope angelegt - unter Anleitung von pädagogischen Hochschulen und den Ministerien für Bildung und Landwirtschaft. Die Hintergründe der Bemühungen ähneln sich. Nichts weniger als das Konsumverhalten der Kinder und deren Umgang mit der Natur sollen die Projekte beeinflussen. In die Lehrpläne hat es der Schulgartenunterricht jedoch nirgends geschafft - außer in Thüringen.

Immerhin leisten abseits der Lehrpläne private Initiativen, Lehrer- und Gartenbauverbände Grundlagenarbeit. So berät etwa der Berliner Sternekoch Kolja Kleeberg mit Hilfe einer Stiftung seit 2010 die Schulen der Hauptstadt beim Anlegen von Kräutergärten.

"Das eigenständige Fach Schulgarten hat bei uns eine sehr exponierte Stellung", sagt der Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums, Stefan Schuhmacher. Jede der landesweit über 450 staatlichen und freien Grundschulen habe Zugang zu einem Schulgarten. Die fachlichen und personellen Voraussetzungen seien bereits in den DDR-Lehrplänen vorhanden gewesen. Daran habe man 1991 anknüpfen können. Mittlerweile vermittele man neben Allgemeinwissen über Natur und Umwelt durch das Experimentieren in der Gruppe auch soziale Kompetenzen.

"Wenn ich nicht weiß, was wann und wo reif ist, kann ich mich auch nicht bewusst und gesund ernähren", meint die stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten, Auguste Kuschnerow. Vor allem in den Großstädten würden sich die Kinder und Jugendlichen immer mehr der Natur entfremden. Das "grüne Klassenzimmer" sei deshalb wichtiger denn je.

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