Pflegende Angehörige sind oft am Limit und bekommen zu wenig Unterstützung

Erfurt  Dreiviertel aller Pflegefälle in Thüringen werden zuhause versorgt. Die sie betreuen, wollen oder können oft nicht mehr. Unterstützung gibt es oft nur mit viele bürokratischen Hürden.

Wer Angehörige pflegt, leistet Knochenarbeit – und bekommt dabei oft keine oder nicht die richtige Unterstützung, klagen Experten.

Wer Angehörige pflegt, leistet Knochenarbeit – und bekommt dabei oft keine oder nicht die richtige Unterstützung, klagen Experten.

Foto: Jana Bauch/dpa

Plötzlich ist der Ernstfall da: Nach einem Schlaganfall kann die Mutter nicht mehr sprechen und sich nicht mehr selbst um sich kümmern. Der Vater ist nach einem Sturz bettlägerig oder die Demenz soweit fortgeschritten, dass es ohne fremde Hilfe nicht mehr geht.

Rund 115.000 Pflegefälle gibt es in Thüringen, die Zahl stieg in den letzten zwei Jahren in Thüringen mit knapp 24 Prozent besonders deutlich an. Im Bundesdurchschnitt liegt die Zunahme 6 Prozentpunkte darunter. Drei von vier Pflegefällen werden zu Hause gepflegt, die Hälfte sogar ohne jede Unterstützung durch einen Pflegedienst. Gepflegt werden der Partner (50 Prozent) oder die Eltern (30 Prozent). Diese häusliche Pflege trägt damit den Löwenteil der Betreuung von Hilfebedürftigen.

Inzwischen aber gerät der „größte Pflegedienst in Deutschland“, wie es die Barmer nennt, an die Grenze der Belastbarkeit. Für den „Pflegereport 2018“ hat die Krankenkasse bundesweit 7000 pflegende Angehörige angeschrieben, 2000 von ihnen beteiligten sich. Das Ergebnis bezeichnete Landeschefin Birgit Dziuk gestern als besorgniserregend, Jeder 12. häusliche Pfleger in Thüringen stehe kurz davor, nur noch mit Hilfe weiterzupflegen oder ganz aufzugeben.

„Die Pflegenden sind erschöpft. Jede fünfte Hauptpflegeperson hat Zukunfts- und Existenzängste. Pflegende Angehörige klagen über finanzielle Not, körperliche und psychische Erschöpfung, Schlafmangel, fehlende soziale Kontakte und ein Gefangensein in der Rolle als Pflegeperson“, sagte Dziuk gestern bei der Vorstellung des Reports.

Erkrankungen wie Rückenbeschwerden, psychische oder Schlafstörungen, Gelenkschmerzen oder Depressionen nehmen nicht nur zu unter den häuslich Pflegenden. Laut Report sind sie auch in allen genannten Krankheitsbildern kränker als andere Versicherte. Ein Großteil der Betroffenen sei selbst bis zu 60 Jahre alt. Die wenigsten bewältigen den Spagat zwischen Pflege und Beruf. Nur jeder Zehnte schafft es, noch 30 Wochenstunden oder sogar in Vollzeit zu arbeiten. Mit Einkommen unter 1000 Euro drohe so vielen die Armut.

Bisher nur wenige Pflegelotsen in Thüringen

Ändert sich daran nichts, werde sich laut Barmer der Pflegenotstand weiter zuspitzen. „Ohne die pflegenden Angehörigen geht es nicht. Es ist höchste Zeit, dass sie schon frühzeitig besser unterstützt, umfassend beraten und von überflüssiger Bürokratie entlastet werden“, fordert Birgit Dziuk. Viele der Pflegenden wüssten nicht, welche Hilfen ihnen für den Umbau von Bad oder Wohnung zustehen oder wie sie eine Kurzzeitpflege beantragen können, um selbst einmal auszuspannen. Laut Pflegereport wünscht sich rund die Hälfte der pflegenden Angehörigen mehr Informationen und Aufklärung über entsprechende Leistungen. Ihre Versicherten will die Barmer deshalb künftig automatisch per Post über Pflegeangebote informieren. „Das wollen wir angehen“, so Dziuk.

Gemeinsam mit der Thüringer Agentur für Fachkräftegewinnung (ThAFF) setzt man zudem auch auf die betrieblichen Pflegelotsen. Zwei Jahre nach dem Start kommt das Modell allerdings weiter nur langsam in Gang. „100 ausgebildete Mitarbeiter gibt es mittlerweile in Thüringen, verteilt auf 74 Unternehmen. Für Arbeitgeber sind sie eine gute Möglichkeit, Beschäftigte zu unterstützen, die mit Pflegeaufgaben konfrontiert sind“, sagte ThAFF-Koordinator Andreas Knuhr gestern.

Dass es gemessen an mehr als 4000 infrage kommenden Betrieben noch nicht mehr Lotsen sind, liege an der Zielgruppe klein- und mittelständischer Firmen. Inwiefern auch Großunternehmen Ansprechpartner für die Lotsen sein könnten, blieb gestern offen.

Hinsichtlich steigender Kosten für die Pflege verteidigte Barmer-Chefin Birgit Dziuk das Prinzip der Teilfinanzierung, forderte aber deren Dynamisierung. „Ausgaben für die Pflege müssen überprüft und gegebenenfalls angepasst werden. Pflege bleibt aber eine sowohl staatliche als auch private Aufgabe. Eine Art Vollkasko wäre nicht bezahlbar“, so die Barmerchefin. Ihre Kasse setze auf das Motto „So viel Staat wie nötig und so viel privates Engagement wie möglich“. Auf die Frage, ob Angehörigen ein Pflegegeld gezahlt werden sollte, sagte Dziuk, dies müsse die Politik entscheiden.

Leitartikel: Nicht mehr betteln müssen